Neu im Kino

Komik der Lebenslügen: „Lieber Antoine“ von Pierre Salvadori

Adèle Haenel (re.) und Damien Bonnard im Film „Lieber Antoine als gar keinen Ärger".

Adèle Haenel (re.) und Damien Bonnard im Film „Lieber Antoine als gar keinen Ärger".

Foto: Memento Films / Handout

Essen.  Die Wahrheit, die in der Übertreibung steckt, und anderer Tiefgang: Die französische Komödie „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ in den Kinos.

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Das Denkmal, das die kleine südfranzösische Stadt dem im Dienst getöteten Capitaine Jean Santi errichtet hat, geht dann doch zu weit. Nicht einmal seine Witwe kann sich eine bissige Bemerkung über die idealisierte Darstellung verkneifen. Dabei hält Yvonne selbst den Mythos vom Superpolizisten aufrecht, wenn sie ihrem kleinen Sohn Theo die wüst ausgeschmückte Heldentaten seines Vaters als Gutenachtgeschichte erzählt.

Aber der Law-and-Order-Kitsch des Denkmals ist schon bald ihr kleinstes Problem. Noch am Tag der Enthüllung der Statue erfährt sie, die selbst als Polizistin arbeitet, erstmals die Wahrheit über ihren Mann. Jean Santi war kein Held, sondern einfach nur ein korrupter Bulle, der auch nicht davor zurückschreckte, einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen.

Erinnerungen an Filme aus den 50er- und 60er-Jahren

„Lieber Antoine als gar keinen Ärger“: Der deutsche Titel von Pierre Salvadoris widerspenstiger Komödie „En liberté!“ beschwört Erinnerungen an Filme aus den 50er- und 60er-Jahren herauf. So hießen Screwball-Comedies aus Hollywood oder Romanzen aus Europa. Ganz daneben ist diese klare Zuschreibung nicht einmal.

Die ziemlich wüste, eine überraschende Wendung nach der anderen nehmende Geschichte um eine Polizistin, die nicht nur ihre Illusionen über ihren toten Ehemann verliert, hat tatsächlich etwas von einer außer Kontrolle geratenen Story. Nur die Konstellationen haben sich verkehrt. Waren es damals meist Frauen wie Barbara Stanwyck die Männer fast um den Verstand brachten, ist es nun die von Adèle Haenel gespielte Yvonne, die von einem Mann an den Rand des Wahnsinns gebracht wird. Allerdings spielt Liebe dabei keine große Rolle. Als Yvonne erfährt, dass Jean vor Jahren den gutmütigen und gänzlich unschuldigen Goldschmied Antoine Parent (Pio Marmaï) hinter Gitter gebracht hat, will sie ihm helfen

Der brave Bürger wurde im Knast zum Psychopaten

Doch dafür ist es zu spät. Also entscheidet sie sich dafür, ein wenig über Antoine zu wachen, als der aus dem Gefängnis entlassen wird. Diese Aufgabe entpuppt sich allerdings als nahezu unmögliches Unterfangen. Denn der einst so brave Bürger hat sich im Gefängnis zu einem Psychopathen entwickelt, der davon überzeugt ist, dass er nun machen kann, was er will. Antoine schlägt bei jeder Gelegenheit um sich und nimmt sich einfach, was er will. Bei ihren Versuchen, ihn trotz allem zu retten, wird Yvonne schließlich zu seiner Komplizin. Je tiefer Yvonne und Antoine in die Spirale hereingezogen werden, desto absurder wird die Komödie.

Auch für Tragisches bleibt Raum

Man kann es kaum fassen, wie weit der französische Filmemacher geht. Mit „En Liberte!“, „In Freiheit!“, beschreibt Salvadoris Originaltitel auch sein Programm. Er schöpft die Freiheiten konsequent aus, die ihm das Kino bietet. In Adèle Haenel und Pio Marmaï hat er zwei grandiose Komplizen gefunden, die ihre Rollen absolut ernst nehmen und so einen Hauch von Tragik in den komödiantischen Wahnsinn tragen. Es ist wie bei den Märchen, die Yvonne ihrem Sohn erzählt: Erst in der Übertreibung offenbart sich die wahre Absurdität der Welt und des Lebens.

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