Religion

Leidenschaft und Echtheit soll Gläubige an Kirche binden

Annette Kurschus

Annette Kurschus

Foto: Caroline Seidel

Hagen/Bielefeld.   Bis 2060 wird nur noch jeder Dritte in der Kirche Mitglied sein. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche, spricht über die Zukunft.

Die Zahlen sind alarmierend: Bis zum Jahr 2060 wird nur noch jeder dritte Deutsche Mitglied in einer christlichen Kirche sein. Ein Interview mit Dr. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Wenn Unternehmen ihre Kunden verlieren, verändern sie ihr Produkt – oder gehen unter. Wie muss die Kirche ihr Angebot anpassen?

Annette Kurschus: Wir haben den Auftrag, die Liebe Gottes weiterzugeben, die ausnahmslos allen Geschöpfen gilt – und damit die Hoffnung wachzuhalten in der Welt. Nicht erst seit der Freiburger Studie wissen wir: Es braucht viele unterschiedliche Formen, um möglichst viele Menschen mit dieser Hoffnung anzustecken.

Was den einen berührt, lässt die anderen völlig kalt. Selbst innerhalb der Generationen gibt es disparate Erwartungen, Bedürfnisse, Interessen. Es kann also nicht die eine richtige Lösung oder das eine passende Angebot geben, sondern es braucht die generelle Bereitschaft, einerseits mit wachen und feinen Sinnen wahrzunehmen und andererseits klar und erkennbar bei unserem Auftrag zu bleiben.

Meine Erfahrung ist: Wo Menschen mit Echtheit und spürbarer Leidenschaft das weitergeben, wovon sie selber leben, da springt der Funke über.

Mit weniger Geld, weniger Personal und weniger Kirchen müssen Sie Ihre Leistungen reduzieren. Das gilt vor allem für den ländlichen Raum. Droht ein Teufelskreis?

Nicht alle müssen alles machen, nicht jede Kirchengemeinde muss das volle Angebot für sämtliche Zielgruppen vorhalten. Schwerpunkte sind sinnvoll, die sich gegenseitig ergänzen. Die größte Herausforderung sehe ich weniger in dem, was Sie „Leistungen“ nennen, sondern vielmehr in der Kontinuität menschlicher Beziehungen.

Christlicher Glaube wird durch Personen und durch authentisches Leben und Erzählen weitergegeben. Er braucht Präsenz von Menschen, die ansprechbar und auskunftsfähig sind. Hier ist unsere Kreativität für den ländlichen Raum in besonderer Weise gefragt.

Wie können ehrenamtliche Mitarbeiter die Lücken füllen, zumal die Belastungen für den Einzelnen immer größer werden?

Ehrenamtliche dürfen gerade keine Lückenbüßer sein. Sie haben ganz eigene, unverzichtbare Möglichkeiten, Kirche zu leben und zu gestalten und attraktiv zu machen. Sie wollen nicht das tun, was Hauptamtliche nicht schaffen, sondern ernstgenommen sein in dem, was sie ihrerseits einbringen können. Das braucht seitens der Hauptamtlichen die Bereitschaft zu Offenheit und Kompromissen, das erfordert nicht zuletzt das Teilen von Macht und Verantwortung

Kann die Kirche ihren Stellenwert in der Gesellschaft und ihre Funktion als moralische Instanz angesichts der Prognosen verteidigen?

Wir wachen nicht über die Moral, wir haben keine Funktion zu verteidigen. Wir haben vielmehr eine Botschaft weiterzugeben, von der wir glauben, dass die Welt sie braucht.

Dass die Welt Zukunft hat, dass die Liebe letztlich stärker ist als Hass und Gewalt, dass das Leben am Ende siegen wird über den Tod: Das steht in hartem und heilsamem Widerspruch zu allem, was wir Tag für Tag erleben. Es muss uns gesagt werden. Immer wieder. Und es beeinflusst unser Denken und Tun und Hoffen entscheidend.

Werden die Fakten die beiden christlichen Kirchen zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit zwingen? Wie könnte die aussehen?

Knapper werdende Finanzen lösen keine theologischen Differenzen. Aber sie helfen womöglich, dass wir uns stärker auf unsere Gemeinsamkeiten im Glauben besinnen. Im Jahr des Reformationsjubiläums haben wir gute ökumenische Erfahrungen gemacht.

Und: Die evangelisch-katholische Nachbarschaft vieler Kirchengemeinden ist in ganz praktischer Hinsicht unkompliziert und oft schon lange selbstverständlich. Da werden Kirchenräume und Gemeindehäuser gemeinsam genutzt, Feste gemeinsam gefeiert, diakonische Projekte – zum Beispiel für geflüchtete Menschen – gemeinsam verantwortet und finanziert. Das lässt sich weiter ausbauen.

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