Roman

“Middle England“ beschreibt die Unruhen vor dem Brexit

Türme, Schafe, Landschaft; Ein typisches Bild aus „Middle England“

Türme, Schafe, Landschaft; Ein typisches Bild aus „Middle England“

Foto: Istock/David Knibbs

Der „Pro EU“-Autor Jonathan Coe stellt in seinem Gesellschaftsroman „Middle England“ die Befindlichkeiten in einer gespaltenen Nation dar

In Großbritannien wurde Jonathan Coes Gesellschaftsroman bereits 2018 als brillanter Brexit-Roman gefeiert. Er beschreibt acht Jahre britischer Geschichte von 2010 bis 2017. Das Referendum zum Brexit war zum Erscheinungszeitpunkt längst gelaufen, aber wie sich dieser künftig gestalten sollte, davon hatte man noch keinen Schimmer.

Jonathan-Coe-Fans dürfen sich auf ein Wiedersehen mit den Protagonisten der Romane „Erste Riten“ (2001) und „Klassentreffen“ (2006) freuen. Aber es kommen auch neue Typen ins Spiel: Sophie, die ihr geliebtes London verlässt, um zu ihrem Ehemann in die Provinz bei Birmingham zu ziehen. Ian, ein Fahrlehrer, der es nicht verwinden kann, dass man seine asiatische Kollegin Naheed bei der Beförderung vorgezogen hat, und sich einredet, Schuld sei die Political Cor­rectness. Sophies Mann, der zum Brexit-Befürworter wird, ebenso wie dessen offen ausländerfeindliche Mutter. Beide gehören zu jenen Engländern, die sich „in ihrem eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen“.

„MIddle England“ zeigt, was es bedeutet, Engländer zu sein

Coe beschreibt die englische Klassengesellschaft, die Privilegien durch Privatschulen, er greift die Themen Einwanderung und die Rolle der Medien auf. Die inzwischen verbotenen Fuchsjagden, immergrünen Golfplätze und der unerschütterliche Snobismus sind bei Coe ebenso Teil der englischen Identität wie das multikulturelle London und der Stolz auf „Cool Britannia“, der sich in der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London gezeigt hat. Wie ­Coes Protagonisten vom Fernseher aus die Feier erleben, ist mit das hübscheste, zumindest das lustigste Kapitel des Romans. Plötzlich empfinden sie alle so etwas wie Nationalstolz, jeder auf seine Art.

Jonathan Coe war immer ein Gegner des Brexit – wie die meisten Künstler und Intellektuellen. In „Middle England“ wollte er zeigen, wie es zur Spaltung seines Landes kam. Wer jedoch einen Diskurs zum Brexit erwartet, könnte enttäuscht werden. Denn der Leser kann eigentlich nicht anders, als mit den Protagonisten zu sympathisieren, die für den Verbleib in der EU sind. Coe verzichtet darauf, uns die Haltung Andersdenkender mit sympathischen Figuren nahezubringen. Die EU-Gegner sind hier tendenziell rassistisch, borniert und ungebildet.

Lässiger Schreibstil

Was den Roman trotzdem so lesenswert macht, hat wenig mit Politik zu tun. Es ist Coes lässiger Schreibstil, der einfach Freude macht. Diese allzu menschlichen Momente, die der Autor so humorvoll auf den Punkt bringt.

Außerdem versteht es der Autor wie sonst nur wenige, authentische Charaktere zu erschaffen, die lieben, leiden und sich peinlich verhalten. Coes Dialoge bringen zum Lachen und das Schicksal der Figuren, die den Roman bewohnen, berührt die Leser.

Middle England
von Jonathan Coe
Folio, 480 S., 25 €
Wertung : 5 / 5 Punkten

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