Nachruf

Mit Rolf Hohchhuth starb ein großer Dramatisierer

Rolf Hochhuth 2017.

Rolf Hochhuth 2017.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Essen.  Rolf Hochhuth, der mit Skandalen um sein Stück „Der Stellvertreter“ und um „furchtbare Juristen“ deutsche Geschichte schrieb, starb mit 89 Jahren.

Erste Funde des Kirchenhistorikers Hubert Wolf, der zurzeit die Akten des Vatikan aus der Nazi-Zeit sichten darf, geben Rolf Hochhuth noch im Nachhinein Recht: Papst Pius XII. wusste weit mehr über den Massenmord der Nazis an den Juden, als er nach außen hin zugab. Und es ist bezeichnend für die Bundesrepublik der Nachkriegszeit, dass Hochhuths „christliches Trauerspiel“, 1963 von Erwin Piscator in Berlin uraufgeführt, zum Mittelpunkt eines weltweit beachteten Skandals wurde – und nicht etwa die darin geschilderte Ohren-Augen-Mund-zu-Politik des Vatikan.

Doch schon Hannah Arendt, die zwei Jahre zuvor erst beim Jerusalemer Eichmann-Prozess die „Banalität des Bösen“ entdeckt hatte, bemerkte, dass das Stück politisch richtig liegt, aber künstlerische Schwächen hat. So war es fast immer mit Stücken, mit Erzählungen und auch mit Gedichten von Rolf Hochhuth: Sie trafen politisch ins Mark bis hin zu seinem letzten echten Wurf, den „Wessis in Weimar“, die den Ausverkauf des DDR-Vermögens durch die Treuhand-Anstalt und die Kolonisierung Ostdeutschlands durch den Westen thematisierte – bis hin zu einem provokativen Prolog, der zumindest mit dem Eindruck spielte, die Ermordung des Treuhand-Chefs Rohwedder plausibel finden zu wollen.

Erfolg mit der zweibändigen Wilhelm-Busch-Ausgabe

Rolf Hochhuth, am 1. April 1931 geboren, war mehr ein großer Dramatisierer als ein großer Dramatiker, er war mehr ein Reimer als ein Dichter – und doch dürfte er politisch und mental, ja historisch mehr bewegt haben als manche herausragenden Literaten unter seinen Schriftstellerkollegen, weil er ein schier untrügliches Gespür dafür hatte, wo etwas faul war dies- und jenseits des Staates Dänemark.

Dass er einmal Autor werden würde, war ihm nicht an der Wiege gesungen, aus Trotz gegen den Vater ging er vor dem Abitur von der Schule, lernte Buchhändler, wurde Lektor im Bertelsmann Buchring, wo er etwa die beiden dicken Wilhelm-Busch-Bände zusammenstellte, die noch heute in vielen Haushalten stehen, weil sich die Ausgabe über eine Million Mal verkaufte.

Der Sturz des Ex-Marinerichters Hans Filbinger

Vier Jahre später betrat mit seinem Paukenschlag-Debüt, das sofort weltweit bis an den Broadway gespielt wird, als Miterfinder des dokumentarischen Theaters die Bühne. Bei seinem nächsten großen Skandal genügten schon die Recherchen zu dem Stück „Juristen“, um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger zu Fall zu bringen, der Hochhuth zunächst mit einer 250.000-Mark-Klage einzuschüchtern versucht hatte. Hochhuth hatte entdeckt, dass Filbinger als Marinerichter noch in den letzten Kriegstage völlig unnötige Todesurteile verhängt und auf ihre Vollstreckung gedrängt hatte. Die stehende Redewendung von den „furchtbaren Juristen“ ging durch den Dramatiker in den deutschen Sprachschatz ein.

Beschimpft von Ludwig Erhardt und Franz-Josef Strauß

Fast unnötig zu erwähnen, dass Rolf Hochhuth völlig frei von dem Verdacht war, an Selbstunterschätzung zu leiden – weshalb ihn auch die Aneignung seiner „Wessis in Weimar“ in der Uraufführungs-Inszenierung des Berliner Ensembles durch den genialischen Regisseur Einar Schleef so ärgerte, dass er bis zuletzt versuchte, die Aufführung zu verhindern. Vergebens. Hochhuth rächte sich, indem er das Grundstück, auf dem die Brecht-Bühne errichtet wurde, 1996 von den einstigen Erben erwarb – und sich damit das Recht auf die Inszenierung eigener Stücke dort erkaufte. Ein Querkopf mit Durchsetzungskraft.

Am hartleibigen Intendanten Claus Peymann prallten Hochhuths häufige Eingriffsversuche indes fast immer ab, in der öffentlichen Wahrnehmung wurde aus dem Theater-Provokateur, der sich Lorbeer nicht zuletzt dadurch erworben hatte, dass ein völlig kunstferner Bundeskanzler wie Ludwig Erhardt ihn „Pinscher“ nannte und ein reaktionärer Berseker wie Franz-Josef Strauß ihn zu den „Ratten und Schmeißfliegen“ zählte, ein Streithansel mit skurrilen Zügen.

Letztes Duell mit Günter Grass

Eine Art Duell der Nichtlyriker ergab sich 2012 noch mal, als Hochhuth den anderen großen Skandalisierer der Republik Günter Grass wegen dessen leitartikelnden Angriffs auf Israel in Versform attackierte. Seine Entgegnung bot er zahllosen deutschen Zeitungen zum kostenlosen Abdruck an, auch dieser, die freilich verzichtete.

Als sein Lesungs-Manager Axel Hegmann Hochhuth vor wenigen Wochen zu dessen 89. Geburtstag per Telefon gratulierte, verabschiedete er sich mit der Hoffnung auf ein leibhaftiges Wiedersehen spätestens am 90. Geburtstag. Da widersprach Hochhuth: Eine äußerst talentierte Wahrsagerin habe ihm prophezeit, er werde schnell und schmerzlos mit 89 Jahren sterben. Am vergangenen Mittwoch ist es tatsächlich passiert.

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