Buchkritik

Zwischen Enttäuschung und Vorfreude: „Der junge Doktorand“

Das Geschehen in „Der junge Doktorand“ spielt sich gänzlich im Inneren einer alten Mühle ab.

Das Geschehen in „Der junge Doktorand“ spielt sich gänzlich im Inneren einer alten Mühle ab.

Foto: Istock/SeanPavonePhoto

Berlin.   Mit seinem neuen Roman „Der junge Doktorand“ hat Jan Peter Bremerein brillantes Kammerstück über Egozentrik geschrieben.

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Bürgerschelte hat in der Literatur Tradition. Jan Peter Bremer aktualisiert diesen Brauch für das Heute: Seine Bürger sind Künstler. Das ist nur folgerichtig, seitdem sich alle Welt kulturell bilden soll. Da ist ein guter Bürger am besten gleich selbst Künstler. Zumal Kunstmachen heutzutage fast als richtiger Beruf gilt.

Klare Rollenverteilung beim Ehepaar Greilach

Bei Bremer ist der Künstler so bürgerlich, dass es in dessen Ehe krachen muss: Er malt (arbeitet also), sie kümmert sich um das Essen, das Haus und darum, dass er in Ruhe malen kann. Das Leben der Frau kreist um seins, irgendwo auf dem Land, wo sich das Ehepaar Günter und Natascha Greilach in einer alten Mühle eingerichtet hat.

Günter hat es sich mit den Dorfbewohnern verscherzt und grantelt vor sich hin, Natascha ginge gern mehr unter Leute. Sie ist es auch, der die Betreuung des angekündigten Besuchs obliegt: Die beiden erwarten einen jungen Doktoranden namens Florian, der sich bei ihnen einquartieren wird, um, so nehmen sie an, Greilachs Werk zu studieren.

Dieser Besuch wird das Paar, daran lässt Bremer von Anfang an keinen Zweifel, aus der Fassung bringen. „Was konnte auch der junge Doktorand dafür“, so sinniert Natascha, als sich Florians Ankunft verspätet, „dass ihr Mann sich seit jeher weigerte, ein ordentliches Schild dort oben an der Straße aufzustellen, und noch weniger konnte er dafür, dass sie überhaupt in diese Einöde gezogen waren“. In Nataschas Gedankenfluss, mit dem Bremer seinen kurzen Roman allmählich anlaufen lässt, sind die kommenden Katastrophen angelegt.

Jan Peter Bremer, 1965 in Berlin geboren, wurde für „Der amerikanische Investor“, einen Schelmenroman über Immobilienhandel und Mieterängste, 2011 mit gleich drei großen Literaturpreisen ausgezeichnet. Bremer ist bekannt für Figuren, die sich so viel denken, dass ihnen der Kontakt zu anderen Menschen abhandenkommt. In seinem neuen Buch treibt er das auf die Spitze. Natascha wünscht sich Abwechslung, Bestätigung, dass sie noch immer eine interessante Frau sei, und dass der Besuch eines Doktoranden ihren angeknacksten Ruf im Dorf wiederherstellt. Günter, der ein wenig in Vergessenheit geraten ist, will Bewunderung für sein Werk, spekuliert auf ein Comeback und die Verewigung seines Werks.

Die unklaren Motive sorgen für subtile Spannung

Der junge Doktorand aber steckt in seinem eigenen Film. Was Florian will und was nicht, lässt Bremer lang im Dunkeln: Das genügt ihm, um die Spannung zu halten – und den Lesern, um voller Scham miterleben zu müssen, wie das Kreisen um den eigenen Bauchnabel Menschen eine tatsächliche Begegnung mit ihrem Gegenüber verpassen lässt.

Währenddessen verlassen die drei die Mühle übrigens kein einziges Mal. Das steigert die Präsenz der Figuren und die Dichte der Szenen ungemein. Auch für die Bühne eignet sich „Der junge Doktorand“ perfekt.

Der junge Doktorand
von Jan Peter Bremer
Berlin Verlag, 176 S., 20€
Wertung: 5 / 5 Pkt.

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