Kabarett

Lore Lorentz blieb bis heute unerreicht im Satire-Gesang

Lore Lorentz, Kabarettistin, vor dem Kommödchen in Düsseldorf, 1969.

Lore Lorentz, Kabarettistin, vor dem Kommödchen in Düsseldorf, 1969.

Foto: dpa Picture-Alliance / United Archives / Wolfgang Kühn / picture alliance / United Archiv

Essen/Düsseldorf.  Eine Grande Dame mit Biss und scharfer Zunge: Vor 100 Jahren kam die Gründerin der Düsseldorfer Kabarett-Institution „Kom(m)ödchen“ zur Welt.

Was hätte Lore Lorentz nur gemacht aus dem Umstand, dass die deutsche Post ihr zum 100. Geburtstag an diesem Samstag eine 155-Cent-Marke widmet – einerseits wirkt der hohe Betrag wie eine besonders gewichtige Ehrung, andererseits klebt Beethoven mit seinen gerade einmal 80 Cent fast auf jedem zweiten Brief. „Die Nutten“, hat Lore Lorentz einmal gesagt, „tun’s mit vielen für viel Geld, die Hausfrau tut’s mit einem für ein Taschengeld.“

Eine Leica und 24 Silberlöffel

Zu dieser Frau gehören die Attribute „scharfzüngig“, „pointenstark“ und „bissig“ ihr gesamtes Kabarettistinnenleben lang. Es begann 1947 in der Düsseldorfer Altstadt, wo sie an der Hunsrückenstraße 20 gemeinsam mit ihrem Mann Kay das „Kom(m)ödchen“ aufgebaut hatte (Kay tauschte seine Leica und zwei Dutzend Silberlöffel in 36 Stangen US-Zigaretten um, für die wiederum Baumaterial „organisiert“ wurde): Es sollte eine Komödie mit vielen Schubladen wie eine Kommode sein – „die kleine Literaten-, Maler- und Schauspielerbühne“ war der Untertitel.

Lore Lorentz war kurz zuvor in dem Kabarett „Die Wäscheleine“ für die dortige Diseuse eingesprungen und hatte trotz fehlender Ausbildung einen Riesenerfolg, nicht zuletzt durch ihre Ausstrahlung und Persönlichkeit. Bis in die 50er-Jahre hinein sang sie auch im WDR-Hörfunk Operetten, etwa die Anna Iwanowna in der „Adrienne“ mit dem „Branntweinlied“.

Franz-Josef Strauß verbot die Kom(m)ödchen-Sendung

Schon in der Schulzeit hatte die am 12. September 1920 in Mährisch-Ostrau geborene Ingenieurstochter Schauspielunterricht genommen, bevor sie Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte, erst in Wien, dann in Berlin, wo sie Kay Lorentz 1944 heiratete, bevor er an die Ostfront musste. Kay Lorentz hatte eigentlich Diplomat werden wollen, glaubte aber nach dem Krieg nicht mehr recht „an eine positive deutsche Botschaft“, wie beide im Rückblick scherzten.

Ende März 1947 hatte „Positiv dagegen“ Premiere, das erste von über 40 „Kom(m)ödchen“-Programmen, und Lore Lorentz hatte die Parole „Wir dürfen die Demokratie nicht verplempern“ ausgegeben. Das Kabarett machte Front gegen die Wiederbewaffnung (weil sie die deutsche Teilung besiegelte), es stellte Doppelmoral und Zynismus der Adenauer-Republik bloß, und das mit literarischem Format und singender Leichtigkeit. Schon bald gab es Tourneen ins Ausland – und 1959 ein Sendeverbot in Bayern, das Franz-Josef Strauß erwirkt hatte.

Kleine Übel, große Übel

Lore Lorentz war eine Frau von beinahe beängstigendem Format, ihre Selbstsicherheit schüchterte Kleingeister ein und begeisterte die Freunde politischer Satire: „Das“, pflegte sie zu sagen, „ist das Problem der nichtemanzipierten Männer: die Angst vor der starken Frau.“ Oder: „Männer sind wie Taschenlampen. Sie blenden, ohne viel Licht zu verbreiten.“ Männer wie Kästner, Heine und Tucholsky wiederum waren die Vorbilder, die zu Bonmots führten wie: „Mit der Politik des kleineren Übels sind 6000 Jahre lang die großen Übel gemacht worden.“

Programme mit Brecht, Heine und Kästner

Lore Lorentz arbeitete als Interpretin mit lächelnder Boshaftigkeit und treffsicheren Ironien (viele Lieder und Nummern schrieb sie selbst), aber noch unerreichter war ihr Timing, waren ihre sekundenkurzen, dröhnend lauten Pausen, mit denen sie Einfälle und Kalauer zu Pointen adelte. Bis 1983, das Kommödchen war längst in den hinteren Teil der neuen, betonbrutalistischen Kunsthalle gezogen, blieb Lore Lorentz Teil des Kommödchen-Ensembles; ab 1977 trat sie zunehmend auch mit Solo-Programmen wie „Das gestrichene M“ auf, aber auch mit Interpretationen von Brecht oder Kästner; das Heine gewidmete „Denk ich an Deutschland“ wurde ihr letztes. Lore Lorentz starb am 22. Februar 1994, knapp ein Jahr nachdem ihr Mann einem Schlaganfall erlegen war.

Das große Erbe, das sie mit ihrer kleinen Bühne hinterließ, hat ihr Sohn Kay jun. längst zu neuer Blüte geführt, die ab dem 1. Oktober fortgeführt werden soll, ganz im Sinne der großen, bis heute unerreichten Lore Lorentz.

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