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„Madam X“: Madonnas Fiesta der Verrücktheiten

Sängerin Madonna

Sängerin Madonna

Foto: dpa

So mies, wie der vergurkte ESC-Auftritt befürchten lässt, ist Madonnas neues Album „Madame X“ auch wieder nicht. Sondern größtenteils ganz lustig.

Vor 14 Jahren hatte Madonna ihren letzten Hit. „Hung Up“, die erste Single vom Album „Confessions On A Dancefloor“, war ein herausragend einprägsames, solide auf einem Sample von Abba fußendes Stück Disco-Pop, eine Dosis geballter guter Laune in Pastell. Seitdem hat Madonna keinen Song mehr veröffentlicht, an den man sich noch erinnern könnte, drei Alben in Serie versandeten regelrecht in der bedeutungslosen Beliebigkeit. Madonna, über viele Jahre die Ikone des Pop, die Königin, die Göttin, die Meisterin der Verwandlung und Inszenierung, die Frau hinter Meisterwerken wie „Like A Prayer“, „Frozen“ oder „Vogue“, die wahrscheinlich immer noch bekannteste Popsängerin der Welt, taugte nicht mehr als Trendsetterin, der Ruhm begann zu verbleichen wie die Farben eines oft gewachsenen T-Shirts. Madonna, die als Perfektionistin und der eigenen Arbeit eher unironisch gegenüberstehend bekannt ist, wird bewusst gewesen sein, dass der nächste kreative Schuss sitzen muss. Der Druck, mit dem vierzehnten Studioalbum „Madame X“ endlich mal wieder zu liefern, war also groß.

Schadenfreude nach Madonnas Auftritt beim Eurovision Song Contest

Und dann kam Mitte Mai Madonnas Auftritt beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv, der eigentlich dazu gedacht war, das Interesse für ihr neues Werk zu wecken. Was dann zwar gelang, aber keineswegs so wie geplant. Madonna sang schlecht, sie trug ein ziemlich doofes Kostüm inklusive der aktuell obligatorischen Augenklappe und wirkte noch dazu schnippisch. Die Resonanz – in den sozialen Netzwerken sowieso, aber auch in weniger auf Krawall gebürsteten Medien – war voller Schadenfreude, Häme sowie hier und da von einer gewissen Lust an der Vernichtung geprägt. Alle schütteten plötzlich kübelweise ihren Hass über Madonna aus, so als hätten sie nur darauf gewartet, sie endlich mal so richtig niedermachen zu können.

Madonna selbst ging mit ihrem ESC-Waterloo nicht souverän oder gar gelassen, sondern bockig und besserwisserisch um und veröffentlichte auch noch einen Mitschnitt mit nachträglich poliertem Gesang. Schwächen zugeben? Ist nach wie vor nicht ihr Ding. Und auch auf ein sehr langes, durchaus wohlwollendes und Anfang Juni in der New York Times erschienenes Portrait (Überschrift: „Madonna mit 60“) reagierte sie gallig und warf der Autorin vor, sie „vergewaltigt“ zu haben, weil sie nach Madonnas Empfinden zu sehr auf deren Alter (60 halt) herumritt.

Madonna hat die hohen Erwartungen an „Madame X“ heruntergeschraubt

Will man die jüngsten PR-Fehltritte positiv wenden, so könnte man sagen, dass Madonna die hohen Erwartungen an „Madame X“ durch ihr eigenes Verhalten gerade signifikant heruntergeschraubt hat. Eben noch erhofften sich alle die Auferstehung der Pop-Heiligen aus dem künstlerischen Wachkoma, jetzt wäre man dann schon zufrieden, wenn die neuen Songs nicht komplett Grütze sind. Doch die Sorge lässt sich entkräften. So schlecht ist „Madame X“ nun wirklich nicht. Sondern über weite Strecken ganz vergnüglich. Nur, und Madonna wird bestimmt wieder sauer, wenn sie das liest, eines sollte man nicht: Das im Kern aus 13 Songs (plus diverser Deluxe- und Vinyl-Zugaben) bestehende „Madame X“ allzu ernst nehmen. Die Platte ist nämlich eine wahre Fiesta der Verrücktheiten.

Einen Hit, um das mal vorwegzunehmen, gibt es auch diesmal wieder nicht. Kein Song weit und breit, der in den Kanon des Pop (oder auch nur in die Singlecharts) Einzug halten wird. Das ist für eine reifere Künstlerin wie Madonna aber auch schwer geworden, da Singles vornehmlich durch das streamende Jungvolk zu Charthits werden, und die Jugend hat nun einmal ihre eigenen Pop-Prinzessinnen wie Ariana Grande oder Billie Eilish.

Unterstützt vom bewährten Produzenten Mirwais, auch Diplo oder Jeff Bhasker sind dabei

Was ebenfalls fehlt, ist ein Konzept, eine irgendwie geartete Stringenz, eine klare Linie. Madonna wirft – unterstützt auf sechs Songs von ihrem bewährten Produzenten Mirwais, auch Diplo oder Jeff Bhasker sind dabei – ihre Ideen an die Wand und hofft, dass schon irgendwas pappen bleiben wird. Die Wandlungsfähigkeit, die Madonna ihrer Protagonistin „Madame X“ (den Namen gab ihr schon mit 19 die Choreographin Martha Graham) zuschreibt, ist tatsächlich Kern des neuen Projekts. Wer ist Madonna, und wenn ja, wie viele?

Wolle man mit einem Begriff dem disparaten Werk möglichst nahekommen, könnte man „Madame X“ als Madonnas „World Music“-Album bezeichnen. Aus Lissabon, wo sie die vergangenen Jahre teilweise gelebt hat (mittlerweile residiert sie wieder überwiegend in London), brachte die Mutter von zwei leiblichen und vier aus Malawi adoptierten Kindern Fado-Einflüsse mit ins Studio, die besonders aus der vergleichsweise eingängigen und direkten R&B-Pop-Halbballade „Crazy“ herauszuhören sind. Auch dem Latin-Pop huldigt sie, im bläsersatten „Faz Gostoso“ singt Brasiliens Superstar Anitta mit, während der 25-jährige kolumbianische Popstar Maluma gleich zwei Mal auftaucht – im nach oftmaligem Hören allmählich doch schön schwungvoll klingenden „Medellin“ („one, two, cha-cha-cha“) sowie dem belanglosen „Bitch I’m Loca“, in dessen Text sich die beiden auf recht unerotische Weise als Sexpartner in Szene setzen.

Im streicherlastigen „God Control“ rappt Madonna gar höchstselbst

Auch Samba und afrikanische Einflüsse („Batuka“) kommen vor, ferner die Dub-Reggae-Nummer „Future“ mit Quavo vom Rap-Trio Migos, und ein hübsches, aber zu flüchtiges Popstück namens „Crave“, auf dem der Rapper Swae Lee dabei ist. Im streicherlastigen „God Control“ rappt Madonna gar höchstselbst, auf „I Don’t Search I Find“ zitiert sie ihre eigenen Deep-House-Wurzeln aus Songs wie „Deeper and Deeper“, in der Erbauungsballade „I Rise“, in der Madonnas Gesang durch die Stimmglättungs-Software Autotune bedauerlicherweise der Emotionalität beraubt wird, kommt die junge US-Antiwaffen-Aktivistin Emma Gonzalez zu Wort. Tiefpunkt dieser wirklich wilden Mischung eines Albums ist „Killers Who Are Partying“, in dem Madonna sich auf die Seite der Unterdrückten stellt („I will be gay if the gay are burnt/ I’ll be Africa if Africa is shut down/ I’ll be Israel If they are incarcerated“), doch wie eine weiße, heterosexuelle Multimillionärin das bewerkstelligen will, bleibt unklar. Eine schiefe, unrealistische Allmachtsphantasie. Die Welt wird Madonna in diesem Leben nicht mehr retten.

„Dark Ballet“ ist ein großartiges Manifest des Irrsinns

Am besten ist sie denn auch ausgerechnet auf den allerdurchgeknalltesten und verschrobensten vier Minuten dieses Albums. „Dark Ballet“ ist ein großartiges Manifest des Irrsinns. Es beginnt mit fröhlich-sommerlichem, wie üblich durch Autotune verfärbtem Gesang („It’s a beautiful life“), plötzlich setzt ohne erkennbaren Grund ein klassisches Piano-Solo ein, es folgt eine Sprech-Passage, und am Ende des Stücks atmet Madonna sehr schwer. So schwer, wie ein etwas bauchig gewordener Fußballvater, der den kickenden 14-Jährigen im Park nochmal zeigen will, was er alles draufhat, dabei den einen oder anderen coolen Trick raushaut, aber meistens doch eher schwitzend hinterherjapst.

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