Krimi

James erzählt „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“

Marlon James

Foto: Marlon James

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Ein Wälzer von einem Kriminalroman, ein Epos über einen Kosmos an Gewalt. Das ist das jüngste Werk von Marlon James.

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Die Kurzkrimis von Ian Rankin, die wir zuletzt empfohlen haben, sind auch eine perfekte S-Bahn-Lektüre. Der Wälzer, der jetzt kiloschwer auf den Krimitisch kracht, ist etwas für Langstreckenflüge. Oder für die Karibik-Kreuzfahrt?

Wieso Karibik? Na ja, dies ist ein Roman aus und über Jamaika, genauer gesagt, seine Geschichte seit den 1950er-Jahren, die man in drei Wörter fassen könnte: Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt. Es ist auch ein Kriminalroman, allerdings ein sehr ungewöhnlicher.

Das beginnt beim ironischen Titel: Es gibt in dieser 800 Seiten „kurzen“ (!) Geschichte einerseits sehr viel mehr als sieben Morde:c.

Marlon James erzählt in einem Wirbelsturm der Sprache

Andererseits aber liefert die Story nicht einmal die sieben Morde, die der Titel verspricht, sondern nur einen – gescheiterten – Mordversuch. Der aber ist historisch verbürgt: Am 3. Dezember 1976 dringen sieben Killer ins Haus des bereits weltberühmten Reggae-Sängers Bob Marley ein, verletzen ihn jedoch nur leicht. Wer hinter dem Attentat stand, blieb unklar. „Der Sänger“, wie er stets im Roman heißt, erschien vielen als die einzige Erlöserfigur eines Landes, das im blutigen Sumpf der postkolonialen Machtkämpfe zu versinken drohte. Wenige Jahre später stirbt er an Krebs.

Das Attentat ist das Auge des Orkans; darum herum drapiert Marlon James einen sprachlichen Wirbelsturm: Mehr als siebzig Figuren wechseln sich mit ihren Monologen ab. Als da wären: lebende und tote Politiker, alte und junge Bandenchefs, ihre Unteroffiziere, Killer und Kindersoldaten; Dealer und Junkies, Zuhälter und ihre Mädchen, eine verstoßene Geliebte des Sängers und ihre durchgeknallte kleine Schwester, CIA- und FBI-Agenten, aber auch ein Reporter vom „Rolling Stone“.

Joyce, Faulkner und Quentin Tarantino sind James’ Vorbilder

Und alle bringen ihre eigene, oft genug erbärmliche Geschichte mit, und sprechen ihre Sprache, ihren Slang oder Jargon (übrigens: eine Herkulesaufgabe für das deutsche Übersetzerteam!). Das babylonische Sprachgewirr, das so erzeugt wird, ist die äußere Form einer gewaltigen und gewalttätigen sozialen Unordnung.

Marlon James kann sich auf große literarische Vorbilder wie Joyce oder Faulkner berufen, aber auch auf Quentin Tarantino. Im Jahr 2014 hat er für diesen epischen Gewaltstreich den Man Booker Prize erhalten, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Das ist nachvollziehbar. Aber auch all die gutwilligen Leser und Leserinnen, die nach ungefähr 250 Seiten die stabilen Buchdeckel zuklappen, haben unser Verständnis.

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