Ruhrfestspiele

Max und Moritz als vogelwilde Anarcho-Komödie

„Max und Moritz“ nach Wilhelm Busch in der Inszenierung des Berliner Ensembles unter der Regie von Antú Romero Nunes (von links nach rechts): Tilo Nest, Annika Meier, Constanze Becker, Stefanie Reinsperger und Sascha Nathan.

„Max und Moritz“ nach Wilhelm Busch in der Inszenierung des Berliner Ensembles unter der Regie von Antú Romero Nunes (von links nach rechts): Tilo Nest, Annika Meier, Constanze Becker, Stefanie Reinsperger und Sascha Nathan.

Foto: JR / Berliner Ensemble

Recklinghausen.   Wilhelm Buschs „böse Buben“ springen bei den Ruhrfestspielen in der Inszenierung von Antú Romero Nunes frech ins Zeitalter von Rap und Instagram.

In den „bösen Buben“ des Jahres 2019 stecken Frauen, Stefanie Reinsperger und Annika Meier sind Max und Moritz, und sie sind es mit noch größerer Lust an der Anarchie als die Originale von Wilhelm Busch. Mal als Teil einer verwegen-chaotischen Theatertruppe, die Streich um Streich erzählt, mal als zwei rappende „Tom-Boys“ – und die Moral von der Geschicht’ in dieser Koproduktion der Ruhrfestspielen mit dem Berliner Ensemble, die am Wochenende in Recklinghausen Premiere feierte, lässt am Ende noch ein bisschen mehr schlucken als das Ende bei Wilhelm Busch.

Mit viel Phantasie und Konfettigestöber, mit pop-rap-rockenden Livemusik-Fetzen und Hühnerfedernschnee lässt Antú Romero Nunes den ersten deutschen Comic-Strip über die Bühne rattern, knallen und schrillen. Alles, von den Kostümen über die Streichgeschichten, ist hier erkennbar inspiriert von Wilhelm Busch – und doch noch einen Tick weitergedreht, absurder, chaotischer und vor allem schneller. In den 100 pausenlosen Minuten bleibt keine Zeit, dem Schneider Böck, ritzeratze, eine Brücke anzusägen, die beiden Streichspieler kippen ihm einfach Wasser übern Kopf. Und während Frau Böck (Sascha Nathan spielt sie ebenso lustvoll wie zuvor die Witwe Bolte) ihren Mann trockenbügelt, telefoniert sie an zwei Apparaten und wischt am Ende noch übers Bügeleisen, um zu gucken, ob ihr jemand Bilder geschickt hat.

Menschengroße Brathähnchen und „MeToo“

Nunes’ Inszenierung steckt voller wilder Gags im Detail: Max und Moritz konkurrieren mit Zeigefinger und Unterarm aus dem Hosenlatz um den Längsten, bevor ein „MeToo“-Ruf ansatzlos die nächste Szene beginnen lässt; aus dem Schneider Böck wird ein Maler Klecksel, der einen sprachfehlerverhuschten Monolog für die Kunstfreiheit hält. Menschengroße Hühner und Brathähnchen und die ersten Streiche als eine Abfolge von nachgestellten Instagram-Bildern: Buschs Stoff wird zur bonbonbunten Bühnenknete. Aber am Ende gibt Nunes doch noch einen dicken Brocken zu verdauen: Als die geplagte Dorfgemeinschaft sich anschickt, Max und Moritz zu bestrafen, müssen sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und werden unter dem militärisch schnarrenden Kommandos abgeduscht. Doch das Zuendedenken einer gnadenlos auf Homogenität und Reinigung vom Anderssein bedachten Gesellschaft ist nur ein kurzer Augenblick. Am Ende gehen Max und Moritz, von gigantischen Plastik-Engeln geleitet, in die ewigen Treibjagdgründe eingehen.

Berliner Premiere: 22. Mai.

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