Neue Platte

Mit „Blaue Stunde“ trifft Gentleman den Corona-Zeitgeist

Ganz entspannt an Land: Der Reggae-Musiker Gentleman hat drei Jahre an seinem neuen Album gearbeitet.

Ganz entspannt an Land: Der Reggae-Musiker Gentleman hat drei Jahre an seinem neuen Album gearbeitet.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Köln.  Der Kölner Reggae-Star Gentleman bringt jetzt „Blaue Stunde“ heraus, sein erstes Album mit deutschen Texten – es passt zum Corona-Zeitgeist.

„Zwischen Tag und Nacht“, zwischen kollektivem Burn-Out und privater Gelassenheit liegt für Gentleman die „Blaue Stunde“. So hat der Kölner Reggae-Sänger sein erstes deutschsprachiges Album benannt, das am Freitag erscheint. Drei Jahre hat er getüftelt, um den Fluss seiner jamaikanisch-englischen Texte im Deutschen hinzubekommen. „Ich fühl mich gerade wie ein Newcomer nach 20 Jahren“, sagt Tilmann Otto. So heißt er auf deutsch, aber man will es ja nicht übertreiben mit dem Übersetzen.

Auf Deutsch singen

„Ich hatte den Bravo-Starschnitt von Nena an der Wand“, erinnert sich Tilmann Otto. „Udo hat mich durch meine Kindheit begleitet, weil meine Mutter der größte Lindenberg-Fan war. Mein erstes Konzert waren ,Die Ärzte’ im Sartory-Saal, da war ich elf oder zwölf.“ (Das zweite war Depeche Mode und das dritte war Macka B.) Lieder auf deutsch, die waren also immer präsent. Und doch, irgendwie fremd.

„Schon als ich ganz am Anfang bei den Fantastischen Vier unter Vertrag kam, hat mich Smudo gefragt: Ja ist ja schön und gut, aber kannste nicht mal auf Deutsch?“, sagt Gentleman „Aber da war es schon so weit fortgeschritten mit meinem Patois-Englisch. Wenn ich auf deutsch singen würde, habe ich mir gesagt, könnte ich nicht in Afrika touren oder in Südamerika spielen oder auf dem „Reggae on the River“ in Kalifornien.“ Aber es hat mich tatsächlich immer gewurmt, dass dort, wo ich die meisten Shows spiele, die Leute einen Großteil der Lyrics eben nicht verstehen.“

Dann kam 2017 die Sendung „Sing meinen Song“, und Gentleman interpretierte Mark Forsters „Ich trink auf dich“. „Schon bei der Probe habe ich gemerkt: Wow, das ist ja gar kein Fremdkörper ... Als die Sendung lief, war ich mit meinem Sohn paddeln.“ Erst einen Tag später schaute Gentleman aufs Feedback: „Das war krass. Also, wenn man das ignorieren würde, wäre das schon fast fahrlässig.“

Trotzdem hat die Arbeit am Album drei Jahre gedauert. Otto holte sich Hilfe bei „Marlow“ von den Krauts, einer Hamburger Hip-Hop-Community, der schon für Adel Tawil, Marteria und Peter Fox getextet hat. Er lebt auf Hawaii, also wollte Gentleman ihn mit Frau und Tochter drei Wochen besuchen, um gemeinsam zu schreiben. „Daraus sind drei Monate geworden. Der Ort ist wirklich ganz wichtig. auf Big Island haben wir vor unserem Haus Wale bei der Paarung beobachtet, das war der Vibe.“

„Ich glaube, jedes Gefühl, dass Du hast, kannst du auch auf Deutsch rüberbringen“, sagt der Kölner. „Aber du musst tierisch viel aussieben. Mir war wichtig, dass ich nie Wörter verwende, die ich nicht auch private gebrauche – obwohl sie vielleicht vom Reim und vom Flow gut passen. Denn dadurch wird’s direkt unauthentisch. Da ist viel Frickelarbeit notwendig gewesen.“ Entsprechend gab es um die 90 Demo-Varianten für die 16 Songs des Albums.

Kollektiver Burn-Out, persönlicher Rückzug

„Früher hieß es Run away, heute Namaste“, singt Gentleman auf der schon erschienenen Single „Ahoi“. Und in Time-out heißt es: „Drück mal kurz auf Stop und halt alles an … Es ist alles viel zu hell, alles viel zu schnell. Es ist alles viel zu laut.“ Gentleman feiert seinen „Garten“ und sein „Dunkelblaues Boot“.

Keine Geschichten, keine große Liebe, keine politische Anklage. „Blaue Stunde“ ist recht radikal unspektakulär – und vielleicht trifft es eben darum einen Corona-Zeitgeist, die Rückbesinnung auf das Eigene. Tatsächlich hat Tilmann Otto einige Texte noch einmal umgeschrieben, hat Privates rausgenommen, um diesen seltsamen Zustand zu treffen: „Ich reiß heut’ meine Zäune ein/ pflanz an ihrer Stelle lieber ein paar neue Bäume ein / Wir laden ein paar Freunde ein / heimliche Rebellen ...

Rückzug ins Private ist die Reaktion auf den kollektiven Burn-Out. Man kann die meisten Texte wörtlich nehmen. „Nach zwei Prüfungen hab ich tatsächlich meinen Bootsführerschein bestanden. Ich bin jetzt wirklich Käpt’n und schipper auf dem Rhein rum. Hab halt so einen dunkelblauen Kahn und unterhalt mich mit den Wellen.“

Die Probleme eines Rock-Stars

Zwischen Kingston und Kölle, zwischen Menschenmassen und Alleinesein, „Zwischen den Stühlen“ ist ein Song über Entwurzelung, letztlich auch über das Tourleben. „Wieder Gehen“ und „Ich komm zurück“ nehmen das Thema auf und beschreiben den Spagat zwischen Rockstar- und Partner- und Vatersein. Klagen auf hohem Niveau, könnte man sagen. Andererseits scheint es einfach nur ehrlich – und sicher finden sich auch genug Normalbürger in den Problemen eines Rock-Stars wieder. Was auch wieder hoffnungsfroh stimmt.

„Ich bin jetzt 46“, sagt Tilmann Otto , er habe eine fünfjährige Tochter und einen 19 Jahre alten Sohn. Der Wunsch nach Gelassenheit nimmt zu, das Gefühl sich etwas beweisen zu müssen schwindet. „Ich bin aber trotzdem noch Rocknroller. Das unter einen Hut zu kriegen, das ist attraktiv, finde ich. Es gibt so viele Leute, die haben Kinder gekriegt, und plötzlich hieß es: Neee, ich darf heute nicht mitkommen. Und es gibt die, die gar keine Verantwortung übernehmen, die sind plötzlich weg – weil mit 45 noch das gleiche zu machen wie mit 25 ist auch blöd.“

Auf Hawaii, da hat Tilmann Otto mit seinem Text-Sparringspartner Marlow üppig Rum getrunken. „Aber wir hatten den Kindern versprochen, mit ihnen auf den Rummel zu gehen. Um sechs sind wir ins Bett gefallen, um acht standen unsere Kinder auf der Matte. Dieses Bild: Väter auf dem Rummelplatz, sind total im Arsch, aber haben ihre Kinder mit Zuckerwatte auf den Schultern. Das sind für mich Heros. Väter, die das Programm trotzdem noch abfahren.“

Der emotionalste Song

„So nah“ ist der emotionalste Song – und schwer zu verstehen, bis man ihn wörtlich nimmt. Auch auf Teneriffa hat Gentleman an seinen Liedern geschrieben. Morgens um fünf wurde er plötzlich wach, legte sich in die Hängematte und dachte an einen Freund, „mit dem ich 20 Jahre durch die Welt getourt bin, bis es auf einmal ganz hässlich wurde. Es ging ums Geschäft. Und zum ersten Mal hatte ich an diesem Morgen das Gefühl: Hey, ich wünsch dir alles Gute, wir können jetzt wieder mal ein Kölsch trinken gehen nach so langen Jahren Krieg. Ich wollte ihn fast anrufen.“ Drei Stunden später rief die Frau des einstigen Freundes an. Er war gestorben.

„Manchmal gibt es einfach solche Erlebnisse“, sagt Tilmann Otto. „Wir haben uns verziehen in diesem letzten Moment. Sonst hätte ich das nicht gefühlt. Ich kann mir vorstellen, wenn wir irgendwann abhauen und Peace haben wollen mit allem, aber etwas nagt an uns, dann versuchen wir noch mal Vibes zu schicken. Und die habe ich empfangen.“

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