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Nach dem Anschlag in Halle: Laut werden

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Der Anschlag von Halle verändert den Alltag der Republik. Jetzt müssen die Bürger ihre Straßen zurückerobern

Machen wir uns doch bitte ehrlich. Wir haben ein Rechtsradikalen-Problem. Schon beim Fußball-Märchen 2006 in Deutschland hat man einzig die Mannschaft der Ukraine im Osten einquartiert, aus Angst, die lokalen Wehrsportgruppen würden afrikanische oder asiatische Teams überfallen. Bei den NSU-Morden liefen im Verfassungsschutz die Aktenschredder heiß. Regierungspräsident Walter Lübcke wurde regelrecht hingerichtet. Bekannte Demokraten erhalten Todesdrohungen. Todeslisten sind im Umlauf. Und wir schaffen es immer noch nicht, die rechten Schläger von der Straße zu jagen.

Wer sich mit der deutschen Geschichte auskennt, weiß, dass die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf zwei Säulen ruhte. Die Häuptlinge und geistigen Brandstifter zogen sich Schafspelze an und fischten im bürgerlichen Lager, derweil die Fußtruppen Andersdenkende terrorisierten – meist ungestraft, weil Polizei und Justiz bereits infiziert waren. Heute herrschen andere Verhältnisse – und trotzdem neigen wir dazu, rechte Gewalt und rechte Gesetzesverletzungen zu verharmlosen. Sind ja nur besorgte Bürger.

Besorgte Bürger

Kurz nach Bekanntwerden der rechtsradikalen Hintergründe von Halle ging es auf Facebook los: Man dürfe nun aber keinesfalls den Antisemitismus ignorieren, der durch arabische Flüchtlinge importiert würde. Die Leichen der Opfer waren noch nicht kalt, da fühlten sich besorgte Bürger schon berufen, ihren Tod zu relativieren.

Die Täter handeln aus der Motivation, dass die schweigende Mehrheit ihnen zustimmt. Die Mehrheit darf also nicht länger schweigen. Wir Bürger müssen uns die Hoheit über unsere Straßen zurückholen.

Opfer der Lügenpresse

In der Kulturredaktion rufen häufig Herren mit Ansichten an, die hart am Strafgesetzbuch kratzen. Fragt man kritisch nach, gehört man zur Lügenpresse und zum Beleg, dass Meinungsdiktatur herrscht. Bei Widerspruch gebärden sich die Anrufer als Opfer, weil Meinungsfreiheit für sie bedeutet, dass nur ihre Meinung gilt. Solche Leute frage ich dann, wie sie zum Holocaust stehen. Da entlarven sie sich alle!

Zu diesem Thema müsste man auch den völkischen Vorbetern häufiger auf den Zahn fühlen. Wer die Verbrechen des Naziregimes als „Vogelschiss“ verharmlost, der darf nicht aus der Verantwortung entlassen werden, wenn seine Nachbeter Synagogen stürmen.

Der Einzeltäter von Halle ist kein Einzeltäter. Er existiert in einem Netzwerk. Die schweigende Mehrheit macht sich mitschuldig, wenn sie jetzt nicht laut wird.

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