Literatur

Nell Zinks „Das hohe Lied“: Amerika, wie es singt und weint

Nell Zink (56) lebt in Bad Belzig in Brandenburg.

Nell Zink (56) lebt in Bad Belzig in Brandenburg.

Foto: David Levenson / Getty Images

Essen.  Schriftstellerin Nell Zink reist ins New York der 90er und erzählt von Amerikas jüngerer Geschichte: „Das hohe Lied“ heißt ihr neuer Roman.

Entfernung muss nicht gleich Distanz bedeuten; im besten Fall erlaubt sie einen Panoramablick. Obwohl Schriftstellerin Nell Zink seit 20 Jahren in Deutschland lebt, ist ihr mit „Das hohe Lied“ ein tiefenscharfer Roman über Amerikas jüngere Geschichte gelungen – vom Dreiklang Liebe, Drugs und Punkmusik über die Öko-Bewegung und die fallenden Türme des 11. September bis hin zur Wahl Donald Trumps. Und dies alles im lockeren Plauderton einer Erzählerin, die sich ihrer Sache ziemlich sicher ist und selbsterfundene Figuren an ihrer Seite weiß, auf deren Skurrilität Verlass ist: Make Amerika klein again, dies scheint ihr Programm zu sein, zeige das wahre Leben – und liebe dieses alte, räudige Heimatland trotz alledem.

Joe Harris ist eine dieser typischen Zink’schen Figuren: Er leidet an einer seltenen Krankheit und schreitet dadurch wie ein Forrest Gump durchs Leben: Herzensklug, aber schwer von Begriff, wird er in seiner Vertrauensseligkeit niemals enttäuscht – jedenfalls nie so, dass er es mitbekommen würde. Im New York der 90er Jahre trifft er auf Pam und Daniel: Pam ist da Sängerin einer Band namens „The Diaphragms“, Daniel hat den Plan, mit 800 Dollar in der Tasche ein eigenes Plattenlabel zu gründen. Joe selbst schreibt jeden Tag einen Song und hält Rap-Reime für partytaugliche Konversation. Allen dreien blüht ein Wunder: Pam und Daniel bekommen eine Tochter, Joe wird quasi aus Versehen Popstar.

Ein Feuerwerk der Referenzen, Anspielungen auf die Bands und das Business jener Zeit.

Man darf davon ausgehen, dass die 56-jährige Autorin, die in Virginia aufwuchs und ihre Dissertation in Tübingen im Fach Medienwissenschaften über Musikjournalismus schrieb, einmal in der Punk-Szene sehr daheim war: Ihre Dialoge sind ein Feuerwerk der Referenzen, Anspielungen auf die Bands und das Business jener Zeit.

Das könnte zwar für Insider ein wahres Fest des Wiedererkennens sein, für unwissendere Menschen aber extrem nervig – wäre nicht Nell Zinks ironisch-distanzierter Humor davor: Hier kommt der Panoramablick ins Spiel, der das Kleinteilige, Detailreiche nutzt, um Grundsätzliches zu sagen über die verrückten Wendungen, die das Leben so nehmen kann.

US-Schriftsteller Jonathan Franzen ermutigte Nell Zink, ihren ersten Roman zu schreiben

Denn auch dies kennt Nell Zink, die erst mit 50 Jahren zur Bestsellerautorin wurde – durch einen irren Zufall und durch ihren eigenen rebellischen, zum Widerspruch neigenden Geist: Als US-Autor und Hobby-Ornithologe Jonathan Franzen im New Yorker einen Artikel veröffentlichte, korrigierte sie ihn; in der daraus folgenden Korrespondenz ermunterte Franzen sie, selbst einen Roman zu verfassen. Kurz darauf erschien Zinks „Mauerläufer“ und wurde zum gefeierten Bestseller. „Das hohe Lied“, Zinks nunmehr vierter Roman, erobert jüngst Platz 1 der SWR-Bestenliste.

Auf Joe Harris, diesen modernen Hans im Musik-Glück, müssen die Leser in der zweiten Hälfte des Romans verzichten, hier steht vor allem die umweltbewegte Tochter von Pam und Daniel im Zentrum. Der lakonische Tonfall aber, mit dem Zink in wenigen Sätzen ganze Familiengeschichten erzählt, trägt uns bis zuletzt durch ein Werk, das trotz seiner Üppigkeit viel zu schnell den Schlussakkord anstimmt.

Nell Zink: Das hohe Lied. Rowohlt, 512 S., 25 €

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