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Neu entdeckte Erzählungen zeigen F. Scott Fitzgeralds Talent

F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ erlangte 1974 durch die Verfilmung mit Robert Redford enorme Popularität.

Foto: Getty Images

F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ erlangte 1974 durch die Verfilmung mit Robert Redford enorme Popularität. Foto: Getty Images

Essen.   Im Schatten des Glamours: F. Scott Fitzgeralds „Gatsby“ schrieb Geschichte. Nun sind Erzählungen des großen US-Literaten erschienen.

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Als F. Scott Fitzgerald im Dezember 1940 an einem Herzinfarkt starb, war er 44 Jahre alt: ein alkoholkranker, kettenrauchender, erfolgloser Drehbuchschreiber für Hollywoods Massenware, dessen beste Zeit weit zurücklag.

Über 20 Jahre waren seit seinem Erfolgsdebüt „Diesseits vom Paradies“ ins Land gegangen, die heute so geschätzten Klassiker „Zärtlich ist die Nacht“ und „Der große Gatsby“ hatten weder Lesern noch Kritikern gefallen. Um die teuren Klinikaufenthalte seiner nervenkranken Ehefrau Zelda zu finanzieren, hatte der einstige Star des „Jazz Age“ sich an Hollywood verkauft, schrieb für tausend Dollar pro Woche Szenen anderer um.

Sammlung von 18 Texten und Erzählungen

Doch dies ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere offenbart sich 77 Jahre nach Fitzgeralds Tod, in einer Sammlung von 18 Texten und Erzählungen, die (mit zwei, drei Ausnahmen) aus den späten 30er-Jahren stammen: eigenwillige Drehbuchentwürfe, die er vergeblich an Studiobosse sandte. Erzählungen, die aus dem familiären Nachlass stammen. Kurzgeschichten, die von Literaturzeitschriften angenommen, aber nie gedruckt wurden: „Leser und Redakteure erwarteten von ihm die üblichen Liebesgeschichten über arme junge Männer, die um reiche Töchter werben, Storys voller Partys, Glamour und aufmüpfiger Backfische“, schreibt im Nachwort die Fitzgerald-Expertin Anne Margaret Daniel, die die Texte editiert und herausgegeben hat.

Fitzgerald aber verweigerte sich den möglichen Verlockungen nostalgischer Retrospektiven. Stattdessen lässt sich an seinen Geschichten einmal mehr ablesen, wie gesellschaftlicher Wandel auf die Biografien, die persönlichen Beziehungen der Gegenwart wirkt. So begleitet er in „Abseits“ (1937) eine junge Frau namens Kitty, die von den neuen weiblichen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten Gebrauch zu machen sucht: Einen Verehrer, dessen sie sich nicht ganz sicher ist, serviert sie ab, flattert schmetterlingshaft umher, protegiert mit ihren familiären Beziehungen einen mittellosen Footballspieler – aber, so scheint Fitzgerald uns zuzurufen, kann man sich zur Liebe zwingen? Am Ende fallen – zum Glück – gesellschaftskonformes Verhalten und Kittys Gefühle in eins, Fitzgerald aber deutet an, wie knapp seine Protagonistin hier die Kurve genommen hat. Einem zwiespältigen Kommentar zur neuen Freizügigkeit kommt auch „Gruß an Lucy und Elsie“ (1939) gleich, hier sorgt sich ein Vater um seinen Sohn und dessen Liaison mit einer 16-Jährigen.

Im Spiegel der Traumfabrik

Wie oberflächlich der Glamour der Traumfabrik ist, wie gefühlsunecht ihre Tändeleien daherkommen, auch das spiegeln die Erzählungen. Ein abgehalfterter, kranker Star wartet im Kreise von Ärzten und Pflegerinnen auf eine junge Schauspielerin, weit draußen auf einem Anwesen – auch Fitzgerald hat einst so gewohnt, ist krank und betrunken, durch einsame Landnächte getaumelt.

Das Ende von „Liebe kostet Nerven“ (39/40) bietet eine etwas rumpelige Auflösung, umso strahlender leuchtet Fitzgeralds Fertigkeit, mit wenigen Strichen Charaktere zu zeichnen.

Meisterliches Spiel mit Schein und Sein

Die titelgebende Erzählung „Für dich würde ich sterben“ (35/36) schließlich begleitet ein Filmteam an einen See und spielt vom ersten Satz an meisterlich mit Schein und Sein: Eine junge Frau, deren Augen „auf Fotos und im Film ein ganz eigenes Sternenlicht besaßen“ verliebt sich in einen Mann, der „Selbstmord-Carley“ genannt wird – weil er schon einige junge Damen in den Liebestod getrieben haben soll. Was wir heute „Fake News“ nennen, führt zu tragischen Verkettungen, und doch hält Fitzgerald einen souveränen Abstand zum Geschehen, erzählt im Tonfall des leicht amüsierten Zuschauers, der die Regungen der Akteure bis ins Kleinste kennt und versteht: Jeder Satz ein Augenzwinkern, das uns aus der Vergangenheit anblitzt.

So leichtfüßig und frisch, so gegenwärtig und geistreich: Dieser Band zeugt von einem literarischen Talent, dass auch widrigen Umständen noch höchst lesenswerte Schaffensproben abtrotzt. Und so mischt sich in die Freude über die Entdeckung leise Melancholie – weil diese große Stimme amerikanischer Literatur so früh verstummte.

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