Klassik

Neue Klassik-CDS: Von Sommernachtstraum bis Walkürenritt

Martin Fröst

Martin Fröst

Foto: Mats Bäcker / Sony

Jede Menge Klassik flutet den CD-Markt. Wir stellen vier schöne, bemerkens- und hörenswerte Neuerscheinungen vor, von Vivaldi bis Wagner.

Rattle, groß in Wagner

Der große Simon Rattle hat lange damit kokettiert, im Opernfach eine Jungfrau zu sein. Tatsächlich musste der Meister des Sinfonischen 58 Jahre alt werden, um etwa seinen ersten Puccini zu dirigieren. Ob gerade solche musiktheatralische Enthaltsamkeit seine Dirigate zu Ereignissen werden lässt? Wagners „Walküre“, live mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufgenommen, jedenfalls ist ein Dokument rauschhaft schöner Dramatik. Vielleicht hat seit James Levine live kein Dirigent mehr die aufrüttelnde Theatralik dieses zweiten der vier „Ring“-Teile so glutvoll durchexerziert. Das Orchester ist Weltklasse, die Sängergüte schwankend. Stuart Skelton wird immer besser: Auf saftigem Bariton-Boden fußt sein leuchtender Tenor für die Siegmund-Partie, James Rutherfords Wotan vereint wuchtige Autorität mit Noblesse, leise Unschärfen im Deutschen nimmt man bei der Qualität in Kauf. Eva Marie Westbroeks Sieglinde ist zwölf Jahre nach ihrem sensationellen Bayreuther Debüt vom Mädchen zum mütterlichen Sopran gereift, aber schön klingt es doch. Eric Halfvarson (Hunding) kaschiert mit aggressivem Pathos, dass sein Bass im Herbst der Karriere siedelt. Und so elektrisierend Iréne Theorins Brünnhilde live auf der Bühne ist: Auf CD überträgt sich ihr Charisma eher überdramatisch. Dennoch: Die Aufnahme lässt einen nie kalt. (BR Klassik. 4 CDs, ca. 50€)

Traumreise zur Sommernacht

Für die Projekte der Gambenistin Hille Perls muss man gemacht sein. Sie fordern, dass wir unsere Welt verlassen, ihren Lärm, ihr unerbittliches Tempo, ihren Druck. Wem das gelingt, der tritt auch in Perls neuem Album „Ballads within a dream“ (Sony, ca. 16€) eine traumverlorene Reise an. Mit dem Lautenisten Andreas Arend, der Geigerin Veronika Skuplik und der herrlichen Mezzosopranistin Clare Wilkinson umkreist diese CD Lieder des großen Purcell und bringt sie in Berührung mit englischen Balladen und Folksongs. Liebessehnen, scheuer Flirt und Nymphenzauber – alles irgendwie Klang gewordener Mittsommernachtstraum, der ganz zart mit Greensleves endet. Berührend!

Sechs Majestäten

Respektlos gesagt: Mit den legendären „King’s Singers“ ist es wie mit Lassie. Gleichbleibende Qualität, auch wenn immer ein anderer die Rolle übernimmt. Eben das ist das Gütesiegel der britischen Vokalisten, deren Anfänge im Studentenleben von Cambridge lagen: Immer blieben die Kehlen des Sextetts jung und unverbraucht. Die Meisterschaft eines Musizierens ganz ohne weitere Instrumente belegt auch ihr neues Album. „Finding Harmony“ (Signum records, CD, ca 15€) ist mitnichten Easy Listening, sondern ein mutiges Konzeptalbum, das Werke neu arrangiert, die in dunklen Epochen Menschen Mut machten, sei es „S’Dremlen feygl“ aus Wilnas Ghetto, seien es Songs der US-Bürgerrechtsbewegung oder Luthers „Ein feste Burg“.

Fröstelnd schöner Vivaldi

Martin Fröst zählt zu den Beschenkten, denen die Schöpfung neben größter Musikalität auch eine smarte Hülle gab. Der grandiose Klarinettist ist aber mitnichten ein David Garrett unter den Holzbläsern und verlässt sich also nicht auf Mainstream. Im Gegenteil: Der Schwede trumpft mit einem reinen Vivaldi-Album auf, obschon es gar nicht viele Werke des barocken Workaholics für das damalige Vorgängermodell Chalumeau gibt. Aus der Not machte der stilsichere Arrangeur Andreas Tarkman jene Tugend, die uns dieses Album klangschönster Sonntagmorgen-Musik schenkt. Aus Arien großer Vivaldi-Opern modellierte er geschmackvolle Konzerte. Das passt auch deshalb, weil die Klarinette das vielleicht sanglichste aller Instrumente ist. Man höre nur das „Sento in seno“ aus „Giustino“ – fabelhaft! (CD, Sony, ca 17€)

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