Nazi-Herrschaft

Niederländisches Museum zeigt „Design des Dritten Reichs“

Der Mensch in der Masse: Choreografie des Bundes deutscher Mädels auf einem Reichsparteitag – auch das ist Design des Dritten Reichs..

Der Mensch in der Masse: Choreografie des Bundes deutscher Mädels auf einem Reichsparteitag – auch das ist Design des Dritten Reichs..

Foto: Hugo Jaeger / The LIFE Picture Collection/Getty Images

´s-Hertogenbosch.  Hakenkreuz-Standarten an der Wand, KZ-Pläne unter Glas, SS-Uniformen in der Vitrine: Das Design-Museum in ´s-Hertogenbosch wagt den Tabubruch.

Ist es das wert? Hakenkreuzfahnen und SS-Uniformen in Glasvitrinen? Wehrmachts-Sturmgewehre und SS-Totenkopfhelme dazu? Hitlerplakate und Hitlerbriefmarken? Germanischen Sittenkitsch im Goldrahmen und KZ-Baupläne hinter Glas? Und ein VW Käfer im Untergeschoss, am Ein- und Ausgang? Ist es das wert? Leistet die Ausstellung „Das Design des Dritten Reiches“ einen solchen aufklärerischen Beitrag zur Geschichte der Gestaltung und Formgebung? Oder setzt sich das Designmuseum im niederländischen ´s Hertogenbosch nicht eher dem Vorwurf aus, mit der Ästhetik des Schreckens zu spielen? Den Skandal zu suchen, um auf sich aufmerksam zu machen?

Das Medieninteresse jedenfalls ist groß und Museumsdirektor Timo de Rijk wirkt nicht wie ein Ausstellungsmacher, der einen Skandal um des Skandals willen sucht. Im Vorfeld hat das Museum bereits einiges dafür getan, um einige Vorwürfe zu entkräften. Geht auch kaum anders, das Haus liegt in der schmucken Innenstadt direkt gegenüber der alten Synagoge, heute ein Konzertsaal. Der Platz ist nach Anne Frank benannt Und vis a vis vom Museumseingang hängt die Gedenktafel für die 293 jüdischen Mitbürger aus Den Bosch, die während der deutschen Besatzung deportiert und getötet wurden.

Mit zahlreichen jüdischen Organisationen habe man im Vorfeld geredet, man arbeite eng mit den Vertretern zusammen, sagt de Rijk. Aus Pietätsgründen also sieht man von außen keine Hakenkreuze. Aber dennoch, so beharrt er, habe man einen Auftrag: Es gebe drei Design-Richtungen mit immensem Einfluss auch auf die Gesellschaft, sagt de Rijk bei der reichlich besuchten Eröffnungspressekonferenz. Das niederländische Design der 60er bis 80er Jahre, das kalifornische Design der Freiheit aus den 70ern und der durchgestaltete, totalitäre Gesellschaftsentwurf der Nationalsozialisten.

75 Jahre nach der Befreiung vom NS-Regime in Brabant sei die Zeit gekommen, dass man sich diesem Gestaltungswillen des NS-Staates widmen könne, sagt de Rijk. „Es gibt kein Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts ohne ein Kapitel über die NS-Zeit. Nur in der Kunstgeschichte wird diese Epoche komplett ausgelassen.“ Das wolle die Ausstellung nun ändern.

Das Haus in Den Bosch macht das in zwei großen Sälen. Oben, im zweiten Stock, gibt es einen kurzen Zeitstrahl: Hitlers Vita und die Geschichte des Dritten Reiches und eine kurze filmische Einführung, die zeigt, was im ersten Stock ziemlich schnell deutlich wird: Es gibt außer einem alles verbindenden Größenwahn und der Fähigkeit zur schnellen seriellen Produktion von wichtigen Produkten, beispielhaft werden der Kanister und der Volksempfänger herausgegriffen, eben genau dieses behauptete Design des Dritten Reiches nicht.

Oder die Ausstellungsmacher haben das eine, entscheidende Kriterien bewusst oder unbewusst ausgelassen: Die Überwältigung durch die Masse. Das, was in Riefenstahl-Filmen, Massenproduktionen und Fackelaufmärschen den Menschen des Dritten Reiches immer wieder eingehämmert wurde: Du bist nichts, dein Volk ist alles. Gewiss, Filme über die künftige Gestalt der Welthauptstadt Germania vermitteln davon ein wenig, genauso wie ein Holzmodell eines riesigen Führerpalastes, der für München vorgesehen war.

Ansonsten aber scheint sich, so vermittelt es die Ausstellung jedenfalls, das Dritte Reich eher beliebig in der Kunstgeschichte bedient zu haben: Ins gigantische vergrößerter Klassizismus in der Architektur, Modernismus bei der Planung der Reichsautobahnen und vieler Plakate, die wie aus der Metropolis-Filmwelt eines Fritz Lang gestohlen wirken. Dagegen steht ein wildromantisches Naturbild, das sich in kraftstrotzenden Arno-Breker-Büsten genauso wieder findet wie in eher bukolisch gemalten Blut-und-Boden-Szenen aus dem bäuerlichen Milieu. Ein kitschig durchformter preußischer Porzellanfriedrich zu Pferde steht in den Vitrinen neben bauhaus-inspiriertem schlichtem Geschirr.

Das Reich, zusammengeschmiedet durch die Autobahnen?

Das Dritte Reich, heißt es in der Ausstellung, habe sich mit Radio und Tonfilm „hypermoderner“ Medien bedient, ein zweiter Ansatz sei das „Zusammenschmieden“ des Reichs mit Hilfe der „Straßen des Führers“, der Autobahnen. Eine These, die immerhin auch eines der rassenideologischen Bücher zeigt: Europa wird entweder vom Gift der englischen Krankheit zersetzt, die sich quasi auf dem Seeweg mit ihren Tentakeln überall ans Festlandseuropa ansaugt – oder Berlin alias „Germania“ wird quasi zum schlagenden Herzen eines völkisch-deutschen Europas, dessen Blut-und-Bodenpersonal mit dem Kraft-durch-Freude-Wagen über die Reichsautobahnen pulsiert.

Auch, wenn die historische Faktenlage das in Sachen Autobahnbau niemals hergab, mag man dem Ansatz von Timo de Rijk folgen, dass auch die NS-Zeit kunst- und kulturgeschichtlich aufgearbeitet gehört. „Wir glauben: Kunst ist gut. Kunst macht uns zu besseren Menschen. Und da passt das NS-Design nicht hinein“, sagt de Rijk. Geschichte müsse mehr sein als Erinnerung an die Opfer. Es gehe darum, sich mit der Frage auseinander zu setzen, ob es auch eine Formgebung von Terror und Verführung gebe.“

In Deutschland hat die Auseinandersetzung mit Kunst und Künstlern in der NS-Zeit beispielsweise mit der Emil-Nolde-Ausstellung in Berlin begonnen. Auch die Frage, ob die NS-Kunst für immer in Depots bleiben muss oder, in historische und politische Kontexte eingebettet, gezeigt und erläutert werden darf, wird allmählich diskutiert. Das Design-Museum Den Bosch hat jetzt einen ersten, umstrittenen Schritt gewagt. Die Frage ist jedoch, wohin dieser Weg führt.

Weltweit erste Ausstellung zum Design der NS-Zeit

Diese, angeblich weltweit erste Ausstellung, leistet dafür kaum mehr als die ungezählten nächtlichen Dokus in irgendwelchen TV-Spartensendern, wo mit vorgeschobener Empörung und leisem Grusel Architektur und Technik, Orte und Akteure der NS-Gewaltherrschaft gezeigt werden. Und quasi wie der Warnhinweis auf den Zigarettenschachteln pflichtschuldig der Hinweis eingebettet wird, dass das NS-Regime aber verdammt tödlich und menschenverachtend war.

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