Film

„Paranza – Clan der Kinder“: die Camorra und ihr Nachwuchs

Mehr als seine Clique liebt Nicola (Francesco di Napoli) nur seinen Bruder Christian (Luca Nacarlo).

Mehr als seine Clique liebt Nicola (Francesco di Napoli) nur seinen Bruder Christian (Luca Nacarlo).

Foto: PROKINO / Handout

Essen.  Claudio Giovannesi verflimt mit „Paranza – Clan der Kinder“ einen Roman von Roberto Saviano. Den jüngsten Mafia-Akteuren kommt er dabei sehr nahe.

Die Erinnerung an „Gomorrha“, Matteo Garrones Verfilmung von Roberto Savianos gleichnamigem Bestseller, lässt sich nicht ganz beiseiteschieben. Schließlich stammt die Vorlage zu Claudio Giovannesis „Paranza – Clan der Kinder“ vom selben Schriftsteller. Und man könnte diese Geschichte einer Gruppe Jugendlicher, die in kürzester Zeit bis fast an die Spitze der Camorra aufsteigen, auch als lose Fortsetzung von Garrones modernem Klassiker verstehen. Aber Giovannesi wählt einen ganz anderen Weg als sein Regiekollege. Während „Gomorrha“ vor allem die Strukturen des organisierten Verbrechens ins Visier nimmt und immer auf Distanz zu seinen Figuren bleibt, sucht Giovannesi die Nähe zu seinen jugendlichen Akteuren.

Archaische Rituale mit Feuer und Schweineblut

Alles beginnt recht harmlos, mit einer Art Lausbubenstreich. In einer nächtlichen Mall kämpfen Nicola (Francesco Di Napoli) und seine Freunde um einen riesigen Weihnachtsbaum. Nachdem sie ihre Rivalen, eine andere Jugendgang, mit Fäusten und Stöcken in die Flucht geschlagen haben, schleifen sie ihre überdimensionale Beute durch die Straßen Neapels, nur um den Baum dann auf einem Bolzplatz in Brand zu setzen. Dieses seltsame Ritual, in dessen Verlauf sie sich mit Schweineblut übergießen und um die brennende Tanne tanzen, hat auf der einen Seite etwas Kindliches. Auf der anderen Seite deutet sich schon in diesem lächerlichen und doch verstörenden Moment etwas Archaisches an, eine Bereitschaft, die Grenzen der Zivilisation zu verlassen.

Nicolas rasanter Aufstieg vom kleinen Drogendealer zum Herrscher über die Straßen, in denen er und sein kleiner Bruder zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter leben, wird von exzessiven Gewaltakten begleitet. Insofern bestätigt sich, was zu Beginn nur Andeutung war.

Claudio Giovannesi glorifiziert seinen Helden als jugendlichen Robin Hood

Doch zugleich spielt Claudio Giovannesi die Brutalität auch wieder herunter. Er wagt es nicht, den attraktiven, immer so gewinnend lächelnden Nicola als eisigen Soziopathen zu zeichnen. Stattdessen glorifiziert er ihn sogar als einen jugendlichen Robin Hood, der die Macht in seinem Viertel nur an sich reißt, um seiner Mutter und den anderen kleinen Geschäftsleuten die Schutzgeldzahlungen zu ersparen. Das passt zwar zur Mythologie des Gangsterkinos. Mit der neapolitanischen Wirklichkeit hat dieser Zug ins Melodramatische allerdings weniger zu tun.

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