Rock

Pete Townshend ist einfach zu beschäftigt, um alt zu sein

Pete Townshend 2019 im Fenway Park in Boston.

Pete Townshend 2019 im Fenway Park in Boston.

Foto: Winslow Townson / dpa

Essen.  Peter Dennis Blandford Townshend, der „The Who“-Kopf und Rock-Gitarrist, der den Windmühlen-Stil erfand, kann heute seinen 75. Geburtstag feiern.

Als Pete Townshend 1965 mit 20 Jahren die Zeile „Hope I die before I get old“ schrieb, konnte er nicht ahnen, dass dieser Song zu einer Rock-Hymne werden würde, die noch fünf Jahrzehnte später in Konzerthallen von Heerscharen von ebenso ergrauten wie faltenreichen Fans mitgebrüllt wird. „My Generation“ wird Townshend heute an seinem 75. Geburtstag gewiss nicht singen, er hasst es, auf den „The Who“-Gitarristen der frühen Jahre reduziert zu werden, und er hat ja recht: Zeitlebens ist er getrieben von kreativen Energien, die eine Weile und immer wieder mal in Rocksongs flossen und in einen Gitarrenstil, der die punktierten Riffs liebt, Septim-Akkorde und vor allem auf der Bühne seine Arme rotieren lässt wie Windmühlenflügel, aber zugleich die Plektron-Hand zum Dreschflegel werden lässt.

Nach den ersten Erfolgen mit ratzekurzen, aber messerscharfen Songs wie „Can’t Explain“ oder „Substitute“, nach zahllosen Tourneen kann Townshend seine Energie nicht mehr nur im ritualisierten Gitarrenzertrümmern ausleben, er schreibt die Mutter aller Rock-Opern: „Tommy“, die ebenso verfilmt wird wie „Quadrophenia“, Hohelied und elegischer Abgesang auf jugendliche Rebellion in Gestalt von Popkultur.

Bühnen-Kleinholz mit Keith Moon

Peter Dennis Blandford Townshend, als Kind zweier Profi-Musiker im Londoner Stadtteil Chiswick geboren, macht sich eigentlich nicht viel aus Auftritten. Die exzessiven Jahre, in denen er mit dem genialischen Trommler Keith Moon die Ausrüstung der Band am Ende eines jeden Konzerts zu Schrott und Kleinholz zerlegte, bezahlte Moon am Ende mit dem Leben und Townshend mit einer zeitweiligen Pleitesträhne.

Heute betrachtet er, der wegen der frühen Erfolge sein Grafik-Design-Studium an einer Londoner Akademie aufgab, seine Auftritte als „Installationen“. Er weiß nur zu gut, dass weder damit getan ist, einen Song zu schreiben – noch damit, ihn einmal aufzunehmen. Nein, echte Songs, wie Townshend sie schreibt, sind dazu da, aufgeführt zu werden, nicht nur gehört, sondern erlebt zu werden, weshalb eine Rock-Oper auch mehr ist als ein bloßes Konzeptalbum.

„Tommy“, „Horse’s Neck“ und „The Age of Anxiety“

In „Tommy“, der Geschichte einer Wunderheilung des taubstummen Blinden Tommy, verarbeitete Townshend die Erfahrung von Gewalt und Kriegstraumata wie auch die des sexuellen Missbrauchs. Dass er selbst auf der Kundenliste eines Kinderpornografie-Rings stand, erklärte der Musiker mit Rechercheversuchen. Schon vor Bekanntwerden dieses Umstands hatte er Essays und Artikel über sexualisierte Gewalt und Missbrauch verfasst, so wie er sich überhaupt immer wieder auch literarisch versuchte, mit Gedichten, Erzählungen („Horse’s Neck“) oder dem Internet-Fortsetzungsroman „The Boy Who Heard Music“, der rückblickend aus dem Jahr 2035 erzählt wird von einem alzheimerkranken Helden, der seine Geschichte vor dem Vergessen bewahren will. Vor kurzem brachte er seinen Roman „The Age of Anxiety“ heraus, dem in diesem Jahr eigentlich eine Oper und eine Kunstinstallation folgen sollten – bevor Corona kam.

Noch ein „Who“-Album mit Roger Daltrey

Konzerte der Stones, mit denen er engstens befreundet ist, besucht Townshend nicht, weil er sie so jung und frisch, wie er sie in den 60ern erlebt hat, in Erinnerung behalten will. Aber auf seine eigenen Konzerte wird er wohl noch gehen, wenn es wieder welche geben sollte, er hat ja gerade erst mit Roger Daltrey ein weiteres „Who“-Album eingespielt, das will auch aufgeführt sein. Sich zur Ruhe setzen kann Townshend ja immer noch, wenn er mal alt ist.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben