Im Kino

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“: ein bewegendes Drama

Héloïse (Adèle Haenel, li.) und Marianne (Noémie Marchant) im Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

Héloïse (Adèle Haenel, li.) und Marianne (Noémie Marchant) im Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

Foto: Alamode FilM

Essen.  Céline Sciamma zeigt in ihrem Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ die Vision einer Welt, die nicht von Macht und Männern geprägt wird.

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Héloïse entzieht sich den Blicken. Das ist die einzige Form von Widerstand, die der jungen Frau im späten 18. Jahrhundert bleibt. Ihre Mutter, eine verwitwete Herzogin, will sie mit einem Mailänder Adeligen verheiraten, den sie noch nie gesehen hat. Nur will Héloïse noch nicht heiraten, und schon gar keinen Unbekannten. Ihre ältere Schwester hat sich diesem Schicksal durch einen Sturz in die Tiefe entzogen. Aber Héloïse will leben, bloß nach ihren Bedingungen.

Also hat sie sich dem Porträtmaler, den ihre Mutter in ihr Herrenhaus auf einer bretonischen Insel bestellt hat, damit er ein Bild für den Verlobten malt, einfach nicht gezeigt. Nun fällt diese Aufgabe der jungen Malerin Marianne zu. Sie muss sich als Gesellschafterin ausgeben, um heimlich ein Porträt von Héloïse anzufertigen.

Im „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ lodert ein revolutionäres Feuer

Céline Sciammas Kinofilm „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ wartet mit allem auf, was zu einem klassischen Historien- und Kostümdrama gehört. Die schroffen Felslandschaften der bretonischen Insel und das düstere, spärlich möblierte Herrenhaus wecken Erinnerungen an die Romane der Brontë-Schwester. Die erlesenen, oft nur von flackerndem Kaminfeuer und Kerzen erleuchteten Filmbilder verweisen auf Klassiker des Genres wie Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Aber darunter lodert ein revolutionäres Feuer.

So wie sich die von Adèle Haenel überaus selbstbewusst gespielte Héloïse dem männlichen Blick des Porträtmalers verweigert hat, bricht auch Céline Sciamma mit etablierten Blick- und Machtverhältnissen. Männer kommen im „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ praktisch nicht vor. Die bretonische Insel ist ein Reich der Mädchen und Frauen, die sich nicht unterordnen wollen und zumindest hier auf diesem kleinen, unwirtlichen Eiland ihre eigenen Wege gehen. Nachdem Marianne (Noémie Merlant) an ihrem heimlichen Porträt gescheitert ist und es selbst zerstört hat, willigt Héloïse ein und steht ihr Modell. Und schon ändern sich die Machtverhältnisse. Ein einziger Perspektivwechsel genügt Sciamma, um zu zeigen, dass sich die beiden jungen Frauen auf Augenhöhe begegnen. Als die Kamera mit Héloïse auf die hinter ihrer Staffelei stehende Marianne blickt, offenbaren sich deren Zweifel und Sehnsüchte.

Ganz eigene Bilder für die Liebe zweier Frauen gefunden

Beiden geht es in einer von Männern und ihren Konventionen bestimmten Welt ähnlich. Erst als sie sich ineinander verlieben und ihren Gefühlen freien Lauf lassen, können sie sich aus den Zwängen ihrer Zeit befreien. Céline Sciamma findet für diese Liebe zweier Frauen, die nach ein paar Tagen enden muss, ganz eigene Bilder. Das Begehren entzündet sich an dem Verlauf einer Nackenlinie oder an einem Blick, der ebenso viel verrät wie verbirgt.

Zudem ist es nicht nur dieses Begehren, das die beiden einander immer näher bringt. Was sie in diesen Tagen, in denen das Porträt entsteht, mehr als alles andere verbindet, ist die Vision einer Welt, die nicht von Macht und auch nicht von Männern geprägt wird.

Und diese Vision weist weit über das historische Setting hinaus. Céline Sciamma erzählt zwar eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert, aber sie spricht uns ganz direkt an.

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