Festival-Absage

Ruhrfestspiele: „Es wird eine kleinere Herbstausgabe“

Olaf Kröck vor dem Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen.

Olaf Kröck vor dem Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen.

Foto: J. Gutzeit

Recklinghausen.  Olaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele, über das lange Zögern vor der Absage – und die Aussichten, im Herbst ein paar Aufführungen zu retten.

Sie haben sich lange gescheut, diese endgültige Entscheidung zu treffen, aber nun war es doch so weit: Am gestrigen Mittwoch sagten die Ruhrfestspiele die 74. Ausgabe des Festivals ab. Mit dem Festival-Intendanten Olaf Kröck sprach Jens Dirksen über Umstände, Folgen und Weiterungen.

Herr Kröck, Festivals wie das Theater der Welt in Düsseldorf und die Mülheimer Stücketage sind längst abgesagt. Warum haben Sie so lange gezögert, die Ruhrfestspiele abzusagen?

Olaf Kröck: Andere internationale Festivals wie die Wiener Festwochen, das Holland-Festival in Amsterdam oder das Kunsten-Festival in Brüssel sind bis heute noch nicht abgesagt. Es gibt zwei Gründe für unser Zögern: Zum einen haben wir lange das Prinzip Hoffnung gepflegt und gedacht, wir schaffen das. Vielleicht mit einer Verschiebung in die dritte Maiwoche… Wir hatten auch einen fantastischen Vorverkauf. Bis zur Absage war die Auslastung auf 75 Prozent gestiegen.

Sie wollten vielleicht auch nicht glauben, dass das passieren muss.

Wenn wir sagen „Der Lappen muss hoch“, dann ist das nicht nur eine Redensart, das steckt bei uns Theaterleuten in der DNA. Es kann mal passieren, dass eine Vorstellung ausfällt, vielleicht sogar eine ganze Inszenierung, die danebengegangen ist – aber ein Full-Stop, das geht völlig gegen unsere Natur!

Und der zweite Grund für Ihr Zögern bei der Absage?

Ist der entscheidende: Es ist eine sehr komplizierte juristische Lage, bei der auch Regressfragen im Spiel sind. Bis jetzt gelten alle behördlichen Anweisungen nur bis zum 19. April. Trotzdem steht jetzt schon fest, dass es im Mai kein Festival geben kann. Bei den Stadttheatern würden ja jetzt sogar schon die Vorproben für die ersten Aufführungen der neuen Spielzeit im Herbst anlaufen, da ist jetzt vielleicht mancherorts sogar der Saisonauftakt gefährdet. Uns ist seit etwa einer Woche klar, dass es nicht gehen wird, aber wir brauchten als Festival der öffentlichen Hand die Beteiligung von Behörden.

Und wie müssen wir uns das vorstellen, dass das Festival zum Teil im Herbst stattfinden soll?

Es wird bei weitem nicht das gesamte Ruhrfestspiel-Programm sein, das wir für dieses Jahr geplant haben. Einige Inszenierungen sind dann auf Tournee, und viele Film- und Fernsehschauspieler, die bei uns auftreten wollten, werden dann alle Hände voll zu tun haben, weil ja auch die Filmbranche gerade stillsteht und sie irgendwann alles aufholen muss. Trotzdem versuchen wir, einige der sehr gut, zum Teil mit langen Wartelisten verkauften Produktionen doch hinzubekommen, etwa mit Lars Eidinger im „Peer Gynt“ oder dem „Don Quijote“ mit Wolfram Koch und Ulrich Matthes. Es wird auf jeden Fall eine kleinere Herbstausgabe sein.

Steht schon fest, worauf Sie komplett verzichten müssen?

Die Eröffnungsinszenierung „Tao of Glass“ mit den neuen Kompositionen von Philip Glass etwa, die muss ins nächste Jahr verschoben werden und kann wegen der Terminlage auch nicht mehr die Eröffnungsinszenierung sein.

Werden Sie nicht im Herbst mit der Ruhrtriennale oder Stadttheatern konkurrieren?

Wir versuchen auszuweichen, mit einer Woche Abstand zur Ruhrtriennale.

Fürchten Sie um die Existenz der Ruhrfestspiele?

Ich mache mir Sorgen um die vielfältige Kunst- und Kulturszene unseres Landes. Es ist die größte Krise für die Kunstwelt und die Entertainment-Branche seit 70 Jahren! Ich habe gehört, dass der Cirque du Soleil von heute auf morgen fast 5000 Beschäftigte weltweit freistellt. Man muss jetzt die Vielfalt unserer Kulturlandschaft mit der Freien Szene retten, in der auch viele Künstlerinnen und Künstler selbstständig sind. Angesichts der Folgenschwere dieser Krise hoffe ich auf viele mutige kulturpolitische Entscheidungen.

Sind die auch für die Ruhrfestspiele nötig?

Wir haben zum Glück sofort die Zusagen unserer Gesellschafter und Träger bekommen, dass es weitergehen wird, auch von unseren privaten Geldgebern, was ja nicht einfach ist, weil es Unternehmen sind, die jetzt auch eine Krise durchmachen. Nein, ich traue mich zu sagen: Die Ruhrfestspiele werden mindestens 100 Jahre alt.

Und wie blicken Sie auf die Gesellschaft in und nach Corona?

Wir werden eine neue Welt erleben, mit schweren wirtschaftlichen Verlusten, aber in ein paar Punkten wird es auch eine bessere Welt sein. Es gibt es Menschen, bei denen wir um Leib und Leben fürchten müssen. Aber wir entdecken jetzt auch Neues. Wir sehen die Kassiererinnen im Supermarkt mit neuen Augen, den Bäcker um die Ecke, die Krankenpflegerinnen und –pfleger! Und: Der CO2-Ausstoß wird sich verringern, weil wir doch auf viele Reisen verzichten können. Und wir sind jetzt viel mehr in Gesprächen miteinander, in der Familie, mit Freunden. Viele erleben mehr und intensiver Kunst und Kultur, wenn auch indirekter über die Streaming- und anderen Angebote im Netz. Hört jeden Abend um 19 Uhr Igor Levit am Klavier – online! Und es wird viel gelesen. Aber ausgerechnet Künstlerinnen und Künstler sind von der schwersten finanziellen Krise ihres Lebens betroffen – da sind wir dann wieder beim Ursprung der Ruhrfestspiele: Kunst gegen Kohle, Kohle gegen Kunst. Und jetzt ist es wieder die Kunst, die Kohle braucht.

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