Ruhrtriennale

Ruhrtriennale: Marthalers „Spätabend“ anstrengend asketisch

Ruhrtriennale-Eröffnung im Audimax der Ruhr-Universität Bochum: Gezeigt wurde „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ von Christoph Marthaler.

Ruhrtriennale-Eröffnung im Audimax der Ruhr-Universität Bochum: Gezeigt wurde „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ von Christoph Marthaler.

Foto: Matthias Horn_Ruhrtriennale 2019

Bochum.  Die asketischste Ruhrtriennale-Eröffnung bislang: Marthalers „Spätabend“ in der Bochumer Uni bringt Reden und Musik mit aufgesetztem Trauerflor.

Es war die mit Abstand asketischste Eröffnung einer Ruhrtriennale in den 17 Jahren ihres Bestehens. Sechs Musiker, elf Schauspieler in Alltagskleidung, die Hälfte der Sitzreihen des ovalen Audimax der Bochumer Ruhruniversität als naturbelassene Spielfläche: Das ist alles. Theater mit reduzierten Mitteln muss kein Nachteil sein, wenn man sich auf eine wirksame Vorlage verlassen kann. Daran lässt die Kreation „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ allerdings zweifeln. Das Gemeinschaftsprodukt der Librettistin Stefanie Carp, des Regisseurs Christoph Marthaler und des Musikers Uli Fussenegger bietet eine zweiein-halbstündige Melange aus überfrachtetem Redeschwall und musikalischen Beilagen mit aufgesetztem Trauerflor.

Dabei klingt das Konzept des Produktions-Teams durchaus vielversprechend: Ein imaginäres Parlament aus dem nächsten Jahrtausend gedenkt der Befreiung eines ehemaligen Konzentrationslagers mit der bitteren Absicht, „Rassismus zum Weltkulturerbe“ ernennen zu wollen“. Dabei sondern die elf grandiosen Schauspieler des Marthaler-Ensembles, die sich in den leeren Reihen ihres Spielfelds verlieren, zunächst mehr als anderthalb Stunden lang fiktiven und realen, überwiegend rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Gedankenmüll von Victor Orbán, österreichischen Politikern und natürlich AfD-Promis ab, wobei die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit immer wieder verschwimmen.

Wiedergutmachung für Antisemitismus-Verdacht bei der Ruhrtriennale

Üble Texte, die in ihrer simplen Eindeutigkeit so stark dominieren, dass sich relativierende Zitate liberaler Zeugen kaum durchsetzen können, aber auch die ursprüngliche Intention des Konzepts, mit der vor einer Gewöhnung an Rassismus und Ausgrenzung gewarnt werden soll, an Schärfe und Transparenz verliert. Es scheint, dass Stefanie Carp, die sich als Intendantin der Ruhrtriennale im letzten Jahr aufgrund einer umstrittenen Einladung einer Israel-kritischen Rockband völlig haltlos antisemitischen Angriffen ausgesetzt sah, ihre antirassistische Position mit unmissverständlichem Nachdruck zementieren will.

Dass dieser lange, ermüdende Teil des pausenlos zelebrierten Abends nicht in allzu platte Plakativität verfällt, ist den wunderbar individuell agierenden Schauspielern der Marthaler-Truppe zu verdanken. Eindrucksvoll, wenn etwa Josef Ostendorf mit samtweicher Stimme die üblen Hetzreden des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger aus dem 19. Jahrhundert rezitiert. Uli Fussenegger unterstreicht dagegen mit seinen Musikbeiträgen eher die vordergründige Struktur der Text-Collage, indem er die braune Verbal-Soße stilgerecht und klischeebehaftet mit aggressiv aufbereiteten Wagner-Zitaten und sämigem Schlager-Schwulst garniert.

Wenn die Schauspieler schweigen...

Das ändert sich in den letzten 45 Minuten, wenn die Schauspieler schweigen und Fussenegger mit seinen fünf Musikern originale und mehr oder weniger gelungen arrangierte Werke von Komponisten des Vorzeige-KZs Theresienstadt anstimmt. Lieder, Solostücke und Kammermusik in diversen Besetzungen, denen Fussenegger mit Klarinette und Akkordeon einen melancholischen, bisweilen sentimentalen, auf Betroffenheit ausgerichteten Klezmer-Anstrich verleiht. Gleichwohl gehören die ausgewählten Beispiele von Viktor Ullmann, Pavel Haas und Erwin Schulhoff, aber auch weniger bekannten „Theresienstädtern“ wie Józef Koffler und Szymon Laks, zu den bewegendsten Beiträgen des Abends. Das hätte gereicht. Wenn das Ensemble am Ende zu den Klängen von Mendelssohns Choral „Wer bis an das Ende beharrt“ zu einer Art Todesmarsch aufbricht, fällt die Produktion allerdings in das Betroffenheits-Pathos des langen Anfangsteils zurück.

Eine solche Mischung aus Vorlesung und Konzert schränkt die szenischen Möglichkeiten des Regisseurs natürlich stark ein. Es ist Christoph Marthaler zugutezuhalten, dass er unangemessenen Aktionismus gar nicht erst nicht anstrebt, sondern die Leistungsfähigkeit seiner Schauspieler durch Zurückhaltung und ausgefeilte Detailarbeit herausstellt. Kleine Gesten wirken da nachhaltiger als hektischer Bewegungsdrang.

Gleichwohl fällt es auch einem Profi wie Marthaler nicht leicht, angesichts des überladenen Texts und des langen musikalischen Finales auf Dauer mehr anzubieten als die Sitzpositionen der Schauspieler in den leeren Rängen der weiten Spielfläche zu ändern.

Anstrengend, anregend, ermüdend

Ein anstrengender, anregender, durch die Textflut aber auch ermüdender Abend mit reduzierten szenischen Mitteln. Eine Beschränkung, die auch dem Libretto gut anstehen würde. Die Angst vor der Akzeptanz des Rassismus als gesellschaftsfähige Normalität wird recht deutlich. Möglichkeiten, solchen Tendenzen entgegenzuwirken, aber auch die Gefahren der eigenen Verführbarkeit: Hintergründige Fragen dieser Art bleiben dagegen außen vor. Mit diesem Mangel wirkt der Abend letztlich wie eine resignierte Klage auf einen bedenklichen, offensichtlich nicht mehr aufzuhaltenden Prozess. Entsprechend anerkennend, wenn auch etwas ermattet fiel der Beifall des Premierenpublikums aus.

Die nächsten Aufführungen im Audimax der Ruhruniversität Bochum, Universitätsstr. 150: am 24., 25., 28., 29., 30. und 31. August sowie am 1. September.

Infos und Tickets: Hotline: 0221 28 02 10 oder auf ruhrtriennale.de.

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