Leinwand

Siegfried Lenz’ Erfolgsroman „Deutschstunde“ startet im Kino

Dorfpolizist Jens Ole Jepsen (gespielt von Ulrich Noethen, li.) und Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) im Watt.

Dorfpolizist Jens Ole Jepsen (gespielt von Ulrich Noethen, li.) und Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) im Watt.

Foto: Georges Pauly / wildbunch

Essen.  Neuauflage hinterm Deich: Bestseller aus dem Jahr 1968 wird erneut verfilmt – und zeigt, wie autoritäre Strukturen das Leben zerfressen können.

Selbstverständlich liest man die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz noch einmal anders, seit man weiß, dass Emil Nolde in Wahrheit ein glühender Antisemit, NSDAP-Mitglied und Hitler-Verehrer war – dabei hatte doch ausgerechnet er als Vorbild gedient für den im Roman von den Nazis überwachten, unterdrückten, bedrängten Maler Max Ludwig Nansen. Denn in der Tat galt für eben diesen Nolde ja ein Berufsverbot, weil seine expressionistische Malerei den Blut-und-Boden-Ideologen als „entartete Kunst“ galt. Die Wirklichkeit, die immer ein bisschen komplizierter sein kann als man gerade sieht, taugt eben nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Die braucht nur, wer Geschichte leichthin in Schubladen stecken und abhaken möchte, als entsorgte Erinnerung.

Und die Kunst, die bei Strafe ihres Scheiterns nie nur eine Kopie der Wirklichkeit ist, muss ohnehin nach eigenem Recht gelesen werden. Auch die Literatur: Der Maler in Lenz‘ Bestseller-Roman von 1968 ist Max Ludwig Nansen - und nicht Emil Nolde. Der war eine Art Vorlage für die Romanfigur. Für den Künstler Nansen, der sich freigemacht hat von gesellschaftlichen Normen; und der dient vor allem als Kontrastfigur zu Jens Ole Jepsen, diesen seltsam gehorsamsversessen, alles richtig machen wollenden Beamten auf Deutschlands nördlichstem Polizeiposten, der den Maler mit einer fast sadistisch anmutenden Leidenschaft überwacht. Siegfried Lenz hat dafür die famose Wendung von „den Freuden der Pflicht“ gefunden – wie es in seinem Roman ohnehin weniger um die Nazi-Zeit ging als um ’68, also den Kampf gegen den in Deutschland damals immer noch verbreiteten Untertanengeist, um das, was Adorno den „autoritären Charakter“ nannte: Pflichterfüllung war ja auch die Standard-Ausrede noch für das schlimmste Massenmördertum, dem der Name Eichmann zur Chiffre wurde.

In der Deutschstunde einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreiben

Die verbreitete Anerkennung für Kadavergehorsam und Pflichterfüllung lebte fort noch in der Nachkriegszeit, in der Jepsens Sohn Siggi, straffällig geworden, während der Deutschstunde in der Haftanstalt einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreiben soll. Der Aufsatz wächst sich bekanntlich zur Kern-Erzählung jenes Romans aus, den Siegfried Lenz erzählt. Verfilmt worden ist der Welt-Bestseller dann erstmals 1971 in einem Zweiteiler fürs Fernsehen, der von der damals noch sehr kritischen Kritik als allzu brave 1:1-Umsetzung der Vorlage verrissen wurde. Und nun ein neuer Anlauf mit klangvollen Namen: Pünktlich zum Tag der deutschen Einheit kommt eine neue „Deutschstunde“ in unsere Kinos.

Wieder ein Kommentar zur Zeit, wie es damals Siegfried Lenz‘ Roman war, der durchaus im Schulterschluss mit den ‘68ern aufräumen wollte mit den Resten des autoritären Charakters? Der die verdrängten Schatten der Vergangenheit ausmalte in fast verdächtig klaren Farben? Heute, da vieles so unsicher geworden ist, wächst die Sehnsucht nach einer Welt in Schwarz-Weiß: hier das Gute, da das Schlechte; hier das Richtige und da das Falsche; wir hier, da die anderen. Der völkisch getarnte Egoismus, der national lackierte Neid, der Wahn des Zukurzgekommenseins mitten in einem Wohlstand, der auf nackter Ausbeutung der anderen beruht. Nein, all das kommt in dieser „Deutschstunde“ nicht dran. Was wir sehen, ist ein Kammerspiel des autoritären Charakters vor malerisch grandiosen, zuweilen gespenstischen, aber nie überdramatisierten Bildern deutscher Einöd-Landschaft. Diese Film-Bilder in oft dunklen, matten Tönen ergreifen mehr als alles andere Partei für den Maler, dem es um Kunst geht statt um die Erfüllung eines verordneten Kunst-Schemas, dem es um Menschlichkeit zwischen zwei alten Freunden wie ihm und Jepsen geht und nicht um Befehl und Gehorsam. Die Landschaft und ihre Farben sind die wahre Zentralfigur dieses Films – und es war eine kluge Entscheidung, fast gar keine Filmmusik zu verwenden: Das Rauschen, Fluten, Glucksen des Meeres ist seine Musik, die schmatzenden, schlürfenden Klänge des Watts.

Moretti spielt den Maler mit Grandezza und Verzweiflung

Tobias Moretti spielt die dankbare Rolle des Malers Nansen mit einer charaktervollen Mischung aus Grandezza und Verzweiflung, aus bedingungslosem Mensch- und Malertum. Ulrich Noethen dagegen wirkt als Pflichterfüllungsmaschine wie eine glatte Fehlbesetzung: Dieses Gesicht, diese Mimik, diese Körperhaltung: All das ist viel zu intelligent, sensibel und differenziert, als dass es die „Freuden der Pflicht“ spiegeln könnte. Da ist noch viel zu viel innerer Widerstand und Zweifel, die im Handeln dieses Mannes nicht den geringsten Niederschlag finden. Ein Mensch, eingesperrt im Körper eines autoritären Charakters? Der, verräterisch genug, seinen Sohn ja nur „zu etwas Brauchbarem“ erziehen möchte? Müsste er dann nicht barmherzig sein zu seinem zweiten Sohn, dem älteren Bruder von Siggi, der aus der Wehrmacht desertiert? Dürfte er ihn, den Siggi und seine Mutter heimlich durchgebracht hatten, dann freiwillig der mörderischen Staatsmacht ausliefern? Die Figur geht genauso wenig auf wie im Roman von Siegfried Lenz, wo der Polizist nach Kriegsende das Malverbot weiter durchsetzen will – was gerade nicht dem Muster des Kadavergehorsams entspricht. Der hätte ja, wie die meisten deutschen Beamten, sofort seinen Frieden mit den neuen Machtverhältnissen gemacht und sich als lupenreiner Demokrat gebärdet.

Diese „Deutschstunde“ ist ein durchaus auch schulfunktaugliches Drama darüber, wie autoritäre, faschistische Herrschaftsstrukturen alles zerfressen: alte, durch eine Lebensrettung verbürgte Freundschaften, verwandtschaftliche Loyalität, Zuneigung und Kinderseelen: Wie der kleine Siggi Jepsen, von Levi Eisenblätter mit versteinerten, verzweifelten Mienen in ebenfalls kluger Zurückhaltung gespielt, zerrissen wird zwischen den Ansprüchen seines Vaters und denen seines Patenonkels Nansen, der ihm das Malen beibringt, ist der bewegende, nachhaltig beeindruckende Kern dieses Films, die ausweglose Verzweiflung, die in Diebstählen und Brandstiftung ihren verqueren Ausdruck findet.

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