Schriftsteller

Stefan Weiller fragte Sterbende nach der Musik ihres Lebens

Abschied: Manchen hilft zu beten, andere tröstet Musik.

Abschied: Manchen hilft zu beten, andere tröstet Musik.

  „Letzte Lieder“ von Stefan Weiller – eines der anrührendsten Bücher, das in den letzten Jahren über das Sterben geschrieben worden ist.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Was sein letztes Lied sein soll, da hat Horst sich kurzfristig umentschieden. „Let it be“, ist „schlicht und zum Sterben schön“. Aber als es zu Ende gehen soll samt weinender Tochter und einer letzten Runde mit den Skatbrüdern im Hospiz, da klappt es mit dem Sterben nicht. Horst lebt, Monate noch – und findet mit schwarzem Humor ein neues Lied für diese seltsame Wendung: „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“. Aber wehe, jemand spiele das auf der Beerdigung, „dann setzt es was“.

Horst ist einer der Menschen, ohne die es dieses Buch nicht geben könnte. Das Buch aber gibt es auch, weil es Horst und die anderen inzwischen nicht mehr gibt. Stefan Weiller hat Menschen an einem Ort besucht, den Bewohner auf die immer gleiche Weise verlassen: wenn sie das Leben hinter sich haben. Weiller traf Menschen im Hospiz, manche an der Nordsee, andere in Bayern. Er lauschte ihren Lebensgeschichten – und so verschieden sie waren, nach dem letzten Lied fragte Weiller sie alle, die verzweifelten, kaum 30-Jährigen wie die aufgezehrten Alten.

Weiller erschafft „freie Nacherzählungen“

Weiller ist Schriftsteller. Er hat kein Tonband mitgenommen ans Krankenbett, er hat Namen geändert, Orte, vielleicht auch Biografien verdichtet, fein moduliert und das Ergebnis mit einem klugen Namen versehen: „freie Nacherzählungen“. Daraus wurde eines der anrührendsten Bücher, die in den letzten Jahren über das Sterben erschienen sind. Ein Gesunder fragt Schwerstkranke, die diese Welt bald verlassen müssen, welches Lied in ihnen klingt, welches geblieben ist, und welches alle hören sollen, wenn getrauert wird.

Da ist Christa, 70, der einfällt, dass sie 1958 schwarzgefahren ist und die Arbeit schwänzte, als und weil Elvis damals nach Bremerhaven kam. Jetzt, da ihr – schwer krebskrank – nichts mehr schmeckt außer Kartoffelchips und Zigaretten, denkt sie doch eher an „Satisfaction“ von den Stones, aber auch an das Abendlied, das ihr Papa immer mit ihr gesungen hat.

Wiedersehen in der nächsten Welt

Da ist Hans, 60, dem mit der Frau auch die Liebe zur Musik gestorben ist, der sie aber wiederzuhören hofft in der nächsten Welt, vor allem die Dire Straits mit „Sultans of Swing“. Sein Lieblingsrezept vom Kartoffelsalat muss er dem Besuch noch mitgeben: „ohne Schnickschnack“.

Maria ist 90, sie hat ein verrücktes Leben hinter sich. Nach Jahrzehnten in New York macht ein deutsches Altenheim sie realistisch: „Vielleicht wird sich keiner an mich erinnern, so ist das eben.“ Eine Bluse hat sie noch aus Amerika, mit der war sie einmal in der „Met“. Darum stammt Marias letztes Lied aus Fidelio: „Mir ist so wunderbar“.

Schöne Tänze mit dem Mann

Wegen des schönen Tanzens mit ihrem längst verstorbenen Mann denkt Heidrun oft an Adriano Celentanos „Azzurro“. Walter, Mitte 80, kann auch im Angesicht des Todes nicht vergessen, wie die Nazis in der „Kristallnacht“ den alten Juden aus der Nachbarschaft haben „tanzen“ lassen und dann das Klavier mit der Axt zerschlugen. Sein letztes Lied erzählt von dem Tag, „an dem die Musik ihre Unschuld verlor“. Es ist lichte deutsche Romantik: Webers „Aufforderung zum Tanz“.

Ursula, 60, bleiben nur noch Tage. Rote Ampeln machen sie jetzt rasend, weil sie so wenig Zeit hat. Die Versöhnung mit dem Ungerechten liegt in ihrem Lebenslied: „Der Mond ist aufgegangen“. Ruth, Anfang 60, von den Ärzten falsch behandelt, lässt einen Mann über ihr Schicksal singen, der ihr Enkel sein könnte. Sie klickt auf ihrem Tablet Tim Bendzko an: „Am seidenen Faden“. Ilona erzählt kurz vor ihrem Ende, was Verdis Gefangenenchor mit der Tatsache verbindet, an den falschen Mann geraten zu sein. Und wer wie Josef, Anfang 60, nur noch Astronautenkost bekommt, entwickelt zu David Bowies „Space Oddity“ eben ein besonderes Verhältnis.

Sich die Frage selber stellen

Man kann dieses Buch nicht lesen ohne die eine Frage sich selbst zu stellen. Bach oder Cowboy Junkies, Richard Wagner oder Herbert Grönemeyer, „Yellow Submarine“ oder Händels „Halleluja“? Eine Frau im Hospiz liebte Cindy und Bert: „Immer wieder sonntags“. Als gäbe es ein Liedchen nach dem Tod.

Stefan Weiller. Letzte Lieder. Edel Books, 255 Seiten, 19,95 Euro.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik