Literatur

Thomas Brussig bindet seinen Lesern Waschbären auf

Der Schriftsteller Thomas Brussig

Der Schriftsteller Thomas Brussig

Foto: Jens Kalaene / dpa

Thomas Brussigs neuer Roman „Die Verwandelten“ betritt einmal mehr das Reich des Absurden – und macht Waschstraßen zum märchenhaften Ort.

Der real existierende Sozialismus als surreales Projekt, als Spielwiese für absonderliche Charaktere: Der 1964 in Berlin geborene Thomas Brussig schuf seit den 90er Jahre mit Romanen wie „Helden wie wir“ oder „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ einen Kosmos von ganz eigener komischer Größe. Nun ist irgendwann auch die Geschichte von Mauer und Fall auserzählt. Die Methode jedoch – man werfe seine Figuren in eine völlig absurd scheinende Ausgangssituation und tue dann aber so, als sei das alles ganz normal – ist natürlich weiterhin anwendbar.

Fibi und Aram wachsen auf in Bräsenfelde, Mecklenburg. Ihre Freizeit verbringen sie mit dem Dreh „voll rabiater“ Lifehack-Videos. Als sie eines besonders langweiligen Nachmittags die Frage „Wie verwandle ich mich in einen Waschbären“ in die Suchmaschine tippen und den Anweisungen folgen, werden sie dank des Schaumwäche-Programms der Araltankstelle im Dorf Seenot und einer Mixtur von Johannis-, Brom-, Holunder- und Stachelbeeren zur Attraktion ihres Dorfes. Apfelkönigin? Was den Tourismus so richtig ankurbelt, das sind sprechende Waschbären!

Fibi wird von Ed Sheeran als Tourmaskottchen auserkoren

Das Fremdeln der Eltern, das Staunen der Freunde, das Hecheln der Medien – ob Waschbär oder Wunderkind, der Verlauf kometenartiger Berühmtheit zieht den gleichen Schweif der Reaktionen nach sich, das zeigt Brussig detailreich auf. Wenn Fibi von Ed Sheeran als Tourmaskottchen auserkoren wird, dann aber in dessen Londoner Villa rabiat vereinsamt, dann ist dies eine nur allzu menschliche Geschichte von enttäuschten Erwartungen.

Ist das nicht albern? Ja, schon. Dass Brussig nunmehr in einem literarischen Kleinverlag veröffentlicht, könnte ein Indiz dafür sein, dass dieser Roman in der Literaturszene nicht als potenzieller Chartstürmer gehandelt wurde. Wie der Autor aber aus dem Absurden das Allgemeingültige herauskitzelt, das hat dennoch hohen Unterhaltungswert. Und vom unsteten Strahl des Rampenlichts kann Brussig, dessen „Sonnenallee“ einst so prominent verfilmt wurde, sehr authentisch berichten.

Thomas Brussig: Die Verwandelten. Wallstein, 327 S., 20 €

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