Theater

Thomas Köck siegt bei den Mülheimer „Stücken“ 2019

Der österreichische Autor Thomas Köck erhält zum zweiten Mal in Folge den Dramatiker-Preis bei den Mülheimer Theatertagen.

Der österreichische Autor Thomas Köck erhält zum zweiten Mal in Folge den Dramatiker-Preis bei den Mülheimer Theatertagen.

Foto: Patrick Pleul

Essen.   Die „Stücke“-Jury in Mülheim war sich früh einig. Der Österreicher Thomas Köck holt den Dramatikerpreis 2019. Auch das Publikum wählte ihn.

Das gab es in der über 40-jährigen Geschichte der Mülheimer Theatertage noch nie: Zum zweiten Mal in Folge wird der Autor Thomas Köck mit dem renommierten Dramatikerpreis beim „Stücke“-Festival geehrt. Nachdem der 33-jährige Österreicher bereits im Vorjahr mit „paradies spielen (abendland, ein abgesang)“ überzeugen konnte, setzte er sich am späten Samstagabend bei der Jury auch mit seinem aktuellen Drama, dem fabelhaften „Atlas“ durch. Den mit 15.000 Euro dotierten Preis nimmt Köck am 23. Juni entgegen.

Der Entscheidung voraus ging eine über zweistündige, aber relativ spannungsarme Diskussion, denn bei fast allen Jurymitgliedern schien Köck in der Gunst weit oben zu stehen. So glich die Entscheidung mit vier zu eins Stimmen eher einer Formsache. Dabei nahm die Jury, bestehend aus den Regisseurinnen Edith Draxl und Sandra Strunz, der Dramaturgin Patricia Nickel-Dönicke sowie den Theaterkritikern Stephan Reuter und Falk Schreiber, die Richtlinie des Wettbewerbs ernst: Ausschließlich die Texte der Autoren werden bewertet – und nicht die Inszenierungen.

Thomas Köck holt den Mülheimer Dramatikerpreis 2019. „Atlas“ ist das Stück des Jahres

Und der Text hat es bei Köck wahrlich in sich: In einer kunstvoll miteinander verwobenen, wunderschön formulierten Erzählung erinnert „Atlas“ an das Schicksal vietnamesischer Arbeiter, die bis Ende der 80er Jahre in der DDR in Fabriken schufteten. Statt der erhofften Freiheit erlebten sie dort nicht selten Qual und Elend. „Sprachlich ist das eine ganz große Leistung“, lobte Nickel-Dönicke. „Wie er es schafft, über Zeit und Geschichte zu reflektieren, ohne moralinsauer zu sein und dabei brandaktuell zu bleiben, hat mich tief beeindruckt“, ergänzte Sandra Strunz. Auch der Publikumspreis ging an Thomas Köck – ein seltenes Bild, denn die Zuschauer stimmten in den Vorjahren gern mal komplett anders als die Expertenrunde.

„Der Westen“ von Konstantin Küspert wies die Jury als zu flapsig und wenig differenziert zurück. Hochachtung herrschte hingegen vor „Schnee weiss (Die Erfindung der alten Leier)“, dem neuen Text von Elfriede Jelinek,. Bis zum Schluss gut im Rennen um den Dramatikerpreis (und auf Platz drei im Zuschauervoting) war „Mitwisser“ von Enis Maci, als letzte Aufführung des Festivals zu sehen. Die jüngste Arbeit der 26-jährigen Dramatikerin aus Gelsenkirchen ist ein hartes Stück, das Unbehagen provoziert. Anhand von vier spektakulärer Mordfälle erzählt Maci eindringlich von der Verrohung unserer Gesellschaft in Zeiten sozialer Medien und stellt die Frage nach der Verantwortung sogenannter „Mitwisser“, die immer dabei sind, aber nie bestraft werden.

Die Mülheimer „Stücke“-Jury war früh auf der Seite von Thomas Köck. Respekt gab es auch für Jelinek

Ihr Blick geht nach Florida, wo ein Teenager seine Eltern mit dem Hammer erschlug, und in ein türkisches Dorf, in dem eine 26-Jährige ihren mehrfachen Vergewaltiger enthauptete. Dort hinein webt sie die Geschichte eines Dinslakeners, der als IS-Terrorist anheuerte und sich wegen Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten musste. Sprachlich ist das fein gearbeitet, doch ganz schlüssig ist das nicht: Denn wer die vielen Mitwisser eigentlich sein sollen, bleibt seltsam nebulös. Ist es die schweigende Masse? Oder jeder einzelne von uns online?

Das Schauspielhaus Wien findet in der Regie von Pedro Martins Beja düstere Bilder. Teils hinter gruseligen Masken sind die fünf engagierten Schauspieler unentwegt auf einem scheppernden Metallgitter unterwegs. Dabei beschränken sie sich oftmals allerdings aufs bloße Rezitieren, was auf Dauer etwas dröge wirkt. Ein famoses Bild gibt es zum Schluss, wenn Zombies aus dem Chat-Room den Raum bevölkern und Schauspielerin Vassilissa Reznikoff zu ihrer ganz eigenen Fassung von „Somewhere over the rainbow“ ansetzt. So abgrundtief schief hat man das schöne Lied noch nie gehört.

Mit einer imposanten Auslastungsquote von 98 Prozent ging die 44. Auflage des Autorenwettbewerbs nach rund drei Wochen zu Ende. Das Festival wurde laut Mülheimer Theatertage von mehr als 3500 Zuschauern besucht. Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen (CDU) kündigte bereits zur Eröffnung an, dass die Förderung im kommenden Jahr um 100.000 Euro auf 350.000 Euro steigen soll.

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