Kunst

Tomi Ungerer, der liebevolle Provokateur, starb mit 87

Tomi Ungerer 2016 im Museum Folkwang.

Tomi Ungerer 2016 im Museum Folkwang.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Essen.  Der Karikaturist, Kinderbuchautor, Künstler und Philosoph hatte Energie für fünf. Aber nun war sie aufgebraucht – er lag morgens tot im Bett.

Tomi Ungerer war auch noch im hohen Alter von kaum gebremstem Schaffensdrang erfüllt. „Manchmal ergreift mich sogar die Panik“, sagte er noch vor drei Jahren in Essen, „wo ich all die Ideen unterbringen soll.“ Da stellte er seine neuesten Collagen zusammen mit Plakat- und anderen Klassikern im Museum Folkwang aus. Und war traurig, dass er es nicht mehr wie früher schaffte, morgens um fünf aufzustehen und jetzt doch zehn bis zwölf Stunden Schlaf brauchte. Er saß bereits gelegentlich im Rollstuhl, hatte Krebs und drei Herzinfarkte überlebt und rauchte immer noch, „sonst hat man ja kapituliert“, sagte er mit einem fröhlichen Grinsen.

Für die meisten war Tomi Ungerer der freche Kinderbuchautor („Die drei Räuber“), der mit politischen Plakaten ebenso provozierte wie mit erotischen Karikaturen - „Das Kamasutra der Frösche“ war hierzulande ein Renner, ebenso wie das selbst zusammengestellte und illustrierte „Große Liederbuch“ mit Volks- und Kinderweisen. Ungerer verdingte sich als Werbegrafiker beim Gemüsefabrikanten Bonduelle ebenso wie beim Computerhersteller Nixdorf, er engagierte sich fürs Rote Kreuz, für Tierschutz, für den Kampf gegen Aids und Kriege. In den letzten Jahren fand er auch Erfüllung darin, monatlich eine Seite für eine Philosophie-Zeitschrift zu schreiben.

Er provozierte gern – aber es ging immer um Ziele

Tief im Herzen aber war er ein Surrealist, der gern mit dem Absurden spielte, gern provozierte – aber nie um der Provokation willen, sondern immer für Ziele, die ihr Fundament in einem unerschütterlichen, liebevollen Humanismus hatten. Seine jüngsten Collagen gegen den zunehmenden Nationalismus in Europa kündigte er an mit den Worten: „Die sind zum Kotzen“.

Ungerer, der nimmermüde, schaffte für zwei, und das lag vielleicht auch an seiner deutsch-französischen Biografie. 1931 als Jean Thomas Ungerer in Straßburg zur Welt gekommen (wo 2007 man ein Ungerer-Museum eröffnete), hatte er seinen Vater früh verloren, lernte wegen der Besatzung blitzschnell Deutsch, wie er überhaupt in so ziemlich allen Dingen schnell war. Nach dem Zweiten Weltkrieg trampte er lange kreuz und quer durch Europa, war kurz in der Fremdenlegion und ging mit 60 Dollar und einer verschleppten Rippenfellentzündung in die USA.

Er geriet in den USA immer stärker unter Druck

Dort machte er als Zeichner Karriere, geriet aber wegen der Freizügigkeit seiner Kinderbücher und Sex-Karikaturen zunehmend unter Druck, sogar durch das FBI. Er wich zunächst nach Kanada aus, schließlich zog er mit seiner dritten Ehefrau ins irische Cork, wo die Familie eine Zeit lang auch von der Rinderzucht lebte.

Dort fand ihn seine Tochter, die ihn in den letzten Jahren managte, am Samstagmorgen tot in seinem Bett. Der große Kämpfer und Künstler wird am Ende seiner Kräfte gewesen sein, die bei anderen für fünf Leben gereicht hätten.

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