Nachruf

Mit Michel Piccoli starb der echte Monsieur Cinéma

Michel Piccoli (1925-2020)

Michel Piccoli (1925-2020)

Foto: imago stock / imago/Leemage

Essen.  Menschenbildner ohne Hollywood-Attitüde. Der große Schauspieler Michel Piccoli ist tot. Er erkundete den Abgrund im bürgerlichen Dasein.

Ist es Zufall, dass mindestens drei Filme, in denen Michel Piccoli spielte, Titel trugen, die zum geflügelten Wort werden sollten, weit über die Leinwand hinaus? Neben „Trio infernal“ (1974) war es „Das große Fressen“ (1973) und, wenn auch ohne Hauptrolle für ihn, Luis Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972).

Wen spielte Piccoli? Einen arrivierten Rechtsanwalt, der in der Ehrenlegion ist. Einen Innenminister. Ein angesehenen Fernsehproduzenten. Aber wer war der, den Piccoli wirklich darstellte? Im ersten Fall ein eiskalter Raffzahn ohne Seele. Dann eine gestörte Marionette. Und im „großen Fressen“, in atemberaubender Luxusbesetzung an der Seite von Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi und Philippe Noiret, ein Verklemmter, dessen dauergeblähter Darm, den Tod ummantelt – bis es knallt. All das also: der in-diskrete Charme aller Bürgerlichkeit. Piccoli, das war ungezählte Male der Menschenbildner der De-Maskerade.

Stand es ihm selbst nicht ins Gesicht geschrieben, dass man mehr ist als man scheint? Piccoli, der schon als junger Schauspieler ohne nennenswerte Rüpel-Aura oder aufdringlichen Sex-Appeal war, ohne die pomadige Schönheit eines Delon und das zähnebleckende Draufgängertum eines Belmondo?

Im Alter von 94 Jahren ist der große Schauspieler Michel Piccoli gestorben

Den Sohn einer französischen Musikersippe, die ihre Wurzeln in Italien hatte, umwehte früh Herren-Attitüde, diese seltene Form eines früh Gereiften und eben darum fast Alterslose. Vor allem regierte seine unverwechselbaren Auftritte jene kultivierte Selbstkontrolle, die, wenn sie dann fällt, zwei Richtungen nehmen kann: nach oben den Vulkan, in die Tiefe den Abgrund.

Piccoli, der, wie wir erst am Montag erfahren haben, bereits am 12. Mai in seiner Geburtsstadt Paris 94-jährig den Folgen eines Schlaganfalls erlegen ist, war ein Jahrhundertschauspieler. Man darf es als Kompliment verstehen, dass Europa und also das europäische Kino lebenslang seine künstlerische Heimat blieben. Das passte: Piccoli setzte nie aufs Spektakuläre. In diesem Mann steckte so wenig Hollywood wie Subtilität in den (gewiss unbegrenzt sehenswerten) Ausrastern eines Jack Nicholson.

Michel Piccolis Spiel war diskret, er leuchtete das Monströse hinter der Fassade aus

Die Substanz von Michel Piccolis Spiel war eine oft leise, sehr physische Präsenz, die wohl mehr Gabe war als krampfhaft ausgefeiltes Wirkungskalkül. Man sah nie Effekte bei Piccoli, dieser Darsteller konnte in seinen besten Filmen dennoch Emotionen transformieren bis in die letzte Stuhlreihe eines großen Lichtspielhauses. Und oft war die Botschaft: Es ist in jedem von uns. Umso furchterregender fanden wir den vermeintlichen Ehrenmann, der gleichmütig Leichen in Salzsäure auflöste oder in Romy Schneiders Schwanengesang „Die Spaziergängerin von Sanssouci“ (1982) den Menschenrechtler Max Baumstein, der nach Jahrzehnten des Wartens – nahezu ungerührt – tödliche Rache am erlittenen NS-Terror übt.

70 Jahre Kino, etwa 200 Filme von „Belle de Jour“ bis „Die schöne Querulantin“, Arbeiten auch als Produzent und Regisseur markieren das Leben Michel Piccolis. Er war Mörder, Fremdgänger, ganz selten Prolet („Themroc“, 1973) war Opferbereiter und Verbrecher, meist einer aus der Liga der Honoratioren. Noch wo er komisch war, (im Alter als Oberhirte in Nanni Morettis „Habemus Papam“) lag sein Witz in der Ernsthaftigkeit: Welch ein schönes Gleichnis auf diesen Mimen, dass ein frischgewählter Papst auf der Flucht vor dem Amt sein Glück fand: unter Schauspielern.

Apropos Leben als Rolle: In Agnès Vardas Glückwunsch zum 100. Geburtstag des Kinos spielte Michel Piccoli in „101 Nacht“ den Monsieur Cinema. Wer hatte und hätte den Titel mehr verdient als er?

ZUR PERSON

Am 27. Dezember 1925 wird Michel Piccoli geboren. Seine Karriere beginnt in den 1940er Jahren. Die Namen seiner Regisseure reichen von Alfred Hitchcock („Topas“) bis Costa Gavras („Ein Mann zuviel“).

Michel Piccoli war drei Mal verheiratet, in zweiter Ehe von 1966 bis 1977 mit der großen Chanson-Interpretin Juliette Gréco.

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