Buchmarkt

Trübes Jahr auch für den Buchhandel im Ruhrgebiet

Wie ein Wohnzimmer! Kunden mögen das. Blick in die  „Bücherträume“ in Mülheim an der Ruhr.

Foto: Fabian Strauch

Wie ein Wohnzimmer! Kunden mögen das. Blick in die „Bücherträume“ in Mülheim an der Ruhr. Foto: Fabian Strauch

Essen.   Das Weihnachtsgeschäft ist die Hoffnung der Buchhändler an der Ruhr 2017. Das Jahr war schwierig. Die Zukunft sieht nicht rosig aus.

Papierene Geschenke gehören alle Jahre wieder zu den beliebtesten. Die Hälfte aller Deutschen werden einer aktuellen Umfrage zufolge Bücher verschenken – damit liegt das Buch ganz knapp hinter Gutscheinen, aber weit vor Spielzeug oder Schmuck. Den Handel kann es nur freuen. Das Weihnachtsgeschäft ist für viele kleinere Buchhändler zwischen Duisburg und Dortmund die letzte Hoffnung eines ansonsten eher trüben Jahres 2017: Ein sattes Minus von 2,6 Prozent verzeichnet der stationäre Buchhandel gegenüber dem Vorjahr, bislang jedenfalls.

Rund 6000 Buchhandlungen gibt es noch in Deutschland. Jedes Jahr werden es ein paar weniger, aus Gründen, die wie in jeder Branche viel mit Internethandel und Konzentration zu tun haben. Das Buchhandelsschwinden ist ein Prozess, der oft still und leise vor sich geht und nicht mit einem großen Aufschrei. Im kommenden März wird die Buchhandlung Folgner in Essen-Werden schließen, sich auf die Filiale in Kettwig und den Schulbuchhandel konzentrieren. „Meine Schwiegermutter ist 70 Jahre und möchte ein bisschen weniger arbeiten, und ich alleine kann nicht zwei Filialen betreuen“, sagt Buchhändlerin Susanne Folgner. 33 Jahren gab es Folgner in Werden, „uns ist das nicht leicht gefallen, die vielen Stammkunden hier mochten wir sehr“. Das Ladenlokal wird neu vermietet, aber branchenfremd; künftig wird die ebenfalls alteingesessene Buchhandlung Schmitz wohl die einzige im Stadtteil bleiben. Vor einigen Monaten hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Online-Plattform gestartet, die den Händlern die Nachfolge-Suche erleichtern soll: „Die Händler haben da große Schwierigkeiten“, sagt Pressesprecher Thomas Koch. „In diesem Jahr zählen wir rund 100 Buchhandlungen, die geschlossen haben – und 50, die neu eröffnet haben.“

Von Jahr zu Jahr gibt es weniger Buchhandlungen in Deutschland

Denn das Prinzip Familienbetrieb, das sehr persönliche Engagement prägt die Landschaft. Auch im Ruhrgebiet. Das 120-jährige Jubiläum feierte die Buchhandlung Gimmerthal im Bochumer Stadtteil Langendreer im vergangenen Jahr, und doch ist die Zahl der Jahre kein Ruhepolster. Von einem „Nur-So-Über-Die-Runden-Kommen“ spricht Buchhändlerin Beatrix Schulte-Gimmerthal und malt ein düsteres Szenario aus: „Wenn diese Entwicklung sich fortsetzt, wird es in fünf Jahren keine Buchhandlungen mehr geben. Dann geht ein ganzes komplexes System für immer verloren.“

2017 haben 50 neu eröffnet, aber 100 Buchhandlungen schlossen

Die sichtbare Seite dieses „Systems“ sind Lesungen und Buchvorstellungen, aber auch die Arbeit mit Kindergärten und Schulen: „Wir sind hier im Stadtteil bei vielen Elternabenden und Schulfesten mit einem Bücherstand dabei“, erzählt etwa Karin Tator von den „Bücherträumen“ in Mülheim-Broich. Träume, die so aussehen: hundert Quadratmeter, zwei Inhaberinnen, eine Halbtagskraft, eine gemütliche Wohnküche – und der Satz: „Man muss schon viel tun.“

Auch in Nils Janssens Ladengeschäft am Rande der Bochumer City gibt es Lesungen und Führungen für Schulklassen. Seine Eltern haben die Buchhandlung Janssen gegründet, seit 50 Jahren ist sie ein Teil von Bochums Literaturlandschaft. Und doch: „Wir sind keine Eventagentur. Im Mittelpunkt steht immer noch der Verkauf des Buches.“ Wie er überlebt? „Wir halten auf 150 Quadratmetern 20 000 Titel vorrätig, mit dem Schwerpunkt Literatur“ – „Einkaufsmenge: Eins“ lautet das Rezept. Daneben lebt die Buchhandlung auch vom nicht augenfälligen Teil des Systems: Über die Hälfte des Umsatzes macht Nils Janssen mit Großaufträgen von Schulen, Stadtbibliotheken und Universitäten. Für diese Institutionen lohnt sich der Gang zum Buchhändler, denn im deutschen Preisbindungsgesetz sind Rabatte für Großaufträge zugelassen – satte 10 bis 12 Prozent sind meistens drin.

Als wiederum sehr sichtbarer Teil des Systems aber prägen die Bestsellerlisten die Hochs und Tiefs der Branche. Dan Browns „Origin“ und Daniel Kehlmanns „Tyll“ haben literarisch nichts gemeinsam, umsatztechnisch aber in der Belletristik den Oktober 2017 auf ein Plus von 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Oktober gehoben. Im Bereich Kinderbuch hingegen tat sich im gleichen Zeitraum ein Minus von 9,5 Prozent auf: Denn 2016 hatten JK Rowlings Theater-Buch um das „verwunschene Kind“ und Cornelia Funkes „Drachenreiter“-Fortsetzung ei­nen Kaufrausch ausgelöst und die Zahlen nach oben getrieben.

Ein Drittel ohne Online-Shop „verspielt damit womöglich eine Chance“

Die Hälfte aller Umsätze der Buchbranche verbucht noch immer der stationäre Handel, neben kleineren Vertriebswegen – von Tankstellen bis zum Direktverkauf der Verlage – gehen inzwischen rund 20 Prozent aufs Konto der großen Internethändler. Das große Schreckgespenst des E-Books, das noch vor Jahren für Katastrophenszenarien verantwortlich zeichnete, bleibt auch 2017 bei niedlichen fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Zu denken aber gibt eine andere Zahl, die Börsenvereins-Pressesprecher Koch verrät: „Rund zwei Drittel aller Buchhändler betreiben auch einen Online-Shop“, sagt er. Und sagt damit auch: Ein Drittel hat noch keinen – und verspielt damit womöglich eine Chance.

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