Bühne

Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ am Aalto-Theater

Melancholisch und subtil: Helena Rasker als Gräfin in „Pique Dame“ im Essener Aalto Theater.

Melancholisch und subtil: Helena Rasker als Gräfin in „Pique Dame“ im Essener Aalto Theater.

Foto: Karl Forster / TuP Essen

Essen.  Das Spiel als Sucht: Philipp Himmelmann deutet Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ an Essens Aalto-Theater – und wird begeistert gefeiert.

Nichts als Tristesse und Zerfall. In einer Landschaft, die Zerstörung erfahren hat, und in Räumen, die abgelebt wirken, spärlich möbliert, mit schrundigen Wänden. Darin Menschen, die Liebe nur als unerfüllbare Sehnsucht erfahren, die den besseren Zeiten nachjammern, letzthin im Wahn enden. Der sich freilich von Beginn an schon bleiern über die Szene legt.

Dies ist der Rahmen für Philipp Himmelmanns Deutung der „Pique Dame“, die er in Essens Aalto-Theater überwiegend als beklemmendes Kammerspiel eingerichtet hat. Tschaikowskys Oper über den spielsüchtigen Hermann, dessen Manie in großer Depression mündet, und der seine Geliebte Lisa wie auch die alte Gräfin in den Strudel des Untergangs zerrt, präsentiert sich als Endzeit-Psychogramm. Dabei gelingt dem Regisseur ein besonderer Coup: Er streicht einige Nummern, fokussiert sich auf die entscheidenden Schicksalsfäden, komprimiert das Werk so auf pausenlose zwei Stunden. Puristen mögen darob die Nase rümpfen, doch so gewinnt die Oper an fiebriger Intensität.

Johannes Leiacker hat das Bühnenbild erdacht

Wie im Fieber geistert Hermann über die Bühne, die ganz hinten ein düsteres Kraftwerksszenario aufbietet, vorne gammelige Gegend, darin ein zerschlissener Sessel, ein Krankenbett – Johannes Leiacker hat diese Ödnis erdacht.

Hier gibt sich Hermann glühender Liebe zur bereits verlobten Lisa hin, hier lässt er sie fallen, als er in einer Vision der alten Gräfin (Helena Rasker), Lisas Großmutter, das gewinnbringende Geheimnis der drei Karten abtrotzt.

Sergey Polyakov gibt diesen verzweifelten Glückssucher mit tenoraler Kraft, emphatischem Ausdruck und Differenzierungskunst. Er beglaubigt seine Zerrissenheit mit jedem Ton. Lisa wiederum, schwankend zwischen Liebe und Pflichtbewusstsein, Hoffnung und Verzweiflung, findet in Gabrielle Mouhlen (Sopran) eine ebenso leidenschaftliche Interpretin, die indes zu eher statischem Legato neigt und Fokussierungsprobleme hat. Faszinierend die Altistin Helena Rasker als alte Gräfin, wie sie melancholisch, in subtilen Farben sich lächelnd einer glanzvollen Vergangenheit hingibt. Und wie sie, mit zuckenden Bewegungen und klangvoll verhärmter Stimme, ihrem Ende entgegentaumelt.

Die Essener Philharmoniker unter Tomáš Netopil begeistern

Groß auftrumpfen können die Essener Philharmoniker unter Tomáš Netopil. Deren Klang immer schlank bleibt. Die in den kurzen Chortableaus Prunk nicht mit Protzerei verwechseln. Die sich zügelloser Raserei hingeben, aber auch abgründige Moll-Phrasen aufs Schönste zelebrieren. Alles endet in Agonie. Das Publikum ist begeistert.

Karten: 0201/ 8122-200, www.theater-essen.de

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