Interview

Sybille Bullatschek: "Pflege ist nicht nur Arsch abwischen"

Sybille Bullatschek als Altenpflegerin aus Schwaben.

Sybille Bullatschek als Altenpflegerin aus Schwaben.

Foto: Oliver Mengedoht

Essen  Comedienne Ramona Schukraft schlüpft in die Rolle der Altenpflegerin Sybille Bullatschek: Im Interview spricht sie offen über Tabuthemen.

Mehr Aufmerksamkeit für die Pflege: Das wünschen sich viele Pflegekräfte, Heimbewohner und Angehörige nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Comedian Ramona Schukraft, immerhin mit der Erfahrung eines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Pflege ausgestattet, machte es sich zur Aufgabe, das Thema humoristisch aufzubereiten und schlüpft seit 2008 regelmäßig in die Rolle von Sybille Bullatschek.

Die schwäbelnde Pflegekraft arbeitet in der fiktiven Stadt Pfleidelsheim im ebenso fiktiven „Haus Sonnenuntergang” und erlebt dort mit den Senioren so manch kurios-komische Situation. Über die Freude an der Arbeit mit den Bewohnern, ihr Live-Programm und die Wahrnehmung von Pflege in der Öffentlichkeit sprach die 49-Jährige mit uns.

 

Für wen war 2020 das schlimmere Jahr: die Künstlerin oder die Pflegekraft in Ihnen?

Ramona Schukraft: Sehr gute Frage. Für beide Seiten war es jedenfalls ein sehr schwieriges Jahr. Ich habe festgestellt, dass ich wohl die einzige bin, die von beidem betroffen ist. Ich konnte schlecht einen Livestream wie andere Comedy-Kollegen machen und dabei Pflegekräfte dazu aufrufen, mir Geld zu spenden. Die Hälfte meiner Fans arbeitet ja den ganzen Tag in den Heimen und Krankenhäusern. Ich als Künstlerin habe das Jahr als nicht ganz so schlimm empfunden. Natürlich gab es einen finanziellen Einbruch. Aber ich war im Internet mit Texten und Videos sehr aktiv, ich hatte immer was zu tun. Natürlich auch, um die Pflegekräfte, die wahnsinnig viel leisten mussten, bei Laune zu halten.

Hauptproblem ist, dass niemand zu Besuch kommen darf

Wie froh sind Sie, dass Sie gerade nicht selbst in Krankenhäusern oder Altenheimen tätig sind?

Froh in dem Sinne bin ich eigentlich nicht. Ich bin ja gerne bei den Senioren im Altenheim. Und ich höre auch häufig in den letzten Wochen, dass das Hauptproblem eher ist, dass niemand zu Besuch kommen darf. Aber klar, wenn ich sehe, was für einen Stress die Pflegekräfte haben, wie sie mehrere Zwölf-Stunden-Schichten machen müssen, teilweise drei Tage hintereinander – wer würde da schon Hurra schreien und sich darum reißen? Ich versuche sie mit meinen Videos dann zumindest in ihren Pausen zu amüsieren.

Wie kamen Sie ursprünglich auf die Rolle Sybille Bullatschek?

Ich machte vor langer Zeit ein FSJ und hatte mich danach erstmal der Stand-up-Comedy verschrieben. Was ich nicht wollte: in einer Rolle mit Kostüm, Brille und verstelltem Dialekt auf der Bühne stehen. Aber so ist es dann gekommen (lacht). Ich ging mit Martin Reinl auf Tour, wir überlegten, was wir für ein Programm machen könnten und er sagte dann, dass ich doch mal 'diese Altenpflegerin' ausprobieren soll. Die hatte ich vorab bei einem TV-Casting gemacht, für eine Serie, die allerdings letztlich nie gedreht wurde.

Wie waren die Reaktionen?

Eigentlich dachte ich nicht, dass das auf Bühnen funktionieren könnte, aber irgendwie hatte es doch von Anfang an eine besondere Magie. Die Leute wollten plötzlich nur noch Sybille Bullatschek. Erst zehn Minuten, dann 20, dann 30. Irgendwann habe ich mich an ein ganzes Programm gesetzt.

Pflege ist nicht nur Arsch abwischen, Wochenenddienst und ein kaputter Rücken

Wie viel Sybille Bullatschek steckt in Ramona Schukraft?

Sie ist eine ganz andere Person, ein Alter Ego. Aber in der Rolle habe ich das Gefühl, dass die Bullatschek meinen Körper übernimmt und macht, was sie will. Das klingt für Außenstehende vielleicht ein wenig schizophren. Aber es hilft in diesem Kosmos, den ich für sie mit dem Haus Sonnenuntergang und dieser Stadt Pfleidelsheim geschaffen habe. Ich werde auch immer noch von Pflegekräften und Senioren gefragt, ob es denn noch freie Stellen oder Plätze im Haus Sonnenuntergang gibt. Ist ja auch schön bei uns, wir haben da im Sommer eine Hüpfburg und machen viele andere tolle Sachen …(lacht)

Was antworten Sie dann?

Dass wir eine Warteliste haben und die Leute sich da eintragen können.

Gibt es eine Intention hinter der Rolle, die über die Unterhaltung hinausgeht?

Ja. Ich will zeigen, dass Pflege nicht nur aus Arsch abwischen, Wochenenddiensten und Rücken kaputtmachen besteht. Das ist etwas, mit dem Pflegekräfte ständig abgestempelt werden. Es kann ein Wahnsinnsspaß sein, mit Senioren zu arbeiten und das will ich transportieren.

Manchmal kommt es aber sicher zu Situationen, über die man vielleicht keine Witze machen sollte …

Es ist ein schmaler Grat, ich will niemanden vorführen. Es ist aber so, dass Pflegekräfte diesbezüglich härter im Nehmen sind. Ich hatte in meinem ersten Programm eine Situation, in der ich einen Bewohner auf dem Balkon vergesse und dann kommt ein Gewitter. Es passiert im Heimalltag ständig, dass Bewohner irgendwo vergessen werden. Der Normalsterbliche ist dann immer ganz entsetzt, die Pflegekräfte freuen sich, dass das mal jemand erzählt und sagt, wie es wirklich ist. Ich glaube, so eine Figur wie Sybille hat lange gefehlt. Von 300 Mails kommt dann vielleicht mal eine, die sich beschwert, über was ich mich da lustig mache – und die ist meist von jemandem, der selbst nicht in der Pflege arbeitet.

Gibt es Tabus?

Windel-Pipi-Kaka-Humor spare ich mir. Das wäre respektlos. Es kann niemand was für seine Inkontinenz. Bei Demenz muss man auch vorsichtig sein. Dass Senioren aber hier und da mal was vergessen, das ist so. Damit kann ich auch spielen und die Situationen charmant lösen und erklären, zum Beispiel haben wir im Haus Sonnenuntergang die Station „Vergissmeinnicht“.

Wie thematisieren Sie den Tod?

Bei den Videos haben wir das noch gar nicht gemacht. Ich glaube aber, die Senioren hätten da aber gar nicht so das große Problem mit. Die wissen, dass es endlich ist und sie ein wenig näher dran sind als andere.

Fühlen sich die Senioren manchmal auf den Schlips getreten?

Eigentlich gar nicht. Grundsätzlich gilt ja bei den meisten Bewohnern: Alt sind immer die anderen. Und die, die nachts 30 Mal klingeln, Randale machen und alles vergessen, sind auch immer die anderen. Dann fühlt man sich von den Witzen nicht so sehr angesprochen. Wenn ich im Heim die Sketche drehe, ist das für die auch immer ein besonderes Event. Die müssen sich dann schick machen, Texte lernen und haben jede Menge Spaß.

Sie haben ja immer noch das Ziel, dass irgendwann eine Altenheim-Sitcom im TV läuft. Wie sieht es damit aus?

Wir hatten die Idee vor Jahren mehreren Sendern vorgestellt, da hieß es immer 'Senioren will keiner sehen'. Das hat sich ein wenig geändert, mittlerweile gibt es ja auf einem großen Sender eine Serie in der Art. Aktuell produziere ich mit meinem Team ja fürs Internet. Da haben wir mittlerweile auch einen Sponsor, wofür ich sehr dankbar bin, weil ich das dann mal nicht aus eigener Tasche zahlen muss. Aber ich mache das gerne. Toll ist auch, dass die Clips oft bei Pflegeschulen und -kongressen in Pausen gezeigt werden. Da ist es auch näher an der Zielgruppe dran und ich habe mich damit abgefunden. Das ist jetzt mein Weg.

Aber noch ist doch viel Luft nach oben, wenn man auf die Öffentlichkeitspräsenz der Pflege blickt, oder?

Ja, ich würde mich freuen, wenn das Thema noch mehr Aufmerksamkeit kriegt. Man kann es toll darstellen, es muss nicht despektierlich sein. Die Leute wollen das ja auch sehen, die gucken ja auch ständig Krankenhausserien, obwohl da vieles nicht so läuft wie in der Realität. Und ich glaube, dass man auch mehr junge Leute motivieren könnte, in die Pflege zu gehen, wenn man den Beruf positiv darstellt. Ich kämpfe jedenfalls weiter für das Image dieses Berufszweigs.

Sie schreiben von sich selbst: „Ich kann mir keine Witze merken.“ Schlecht für eine Comedian, oder?

Tja, ich kann es einfach nicht. Aber: Der Zuschauer denkt immer, dass Comedians auf der Bühne Witze erzählen. Eigentlich ist es eher ein Theaterstück, das man so rüberbringt, als wäre es einem gerade spontan eingefallen. Ich erzähle halt komplette Geschichten, sehe sie vor mir – und dann kann ich die erzählen.

Sie arbeiten abseits von Sybille Bullatschek ja auch ab und an Programmen für Kinder. Wäre das nicht auch eine Zielgruppe für Live-Auftritte?

Ich mache mit Henning Schmidtke seit 2007 immer Programm für die ARD-Radionacht für Kinder. Die Kinder lieben das. Aber ich glaube nicht, dass ich eine Kinder-Comedian bin, es gibt da aktuell keine Pläne.

Blicken wir nochmal ein wenig zurück: In den 90er-Jahren schrieben sie Sketche für RTL Samstag Nacht. Wie kam das und wie muss man sich die Zusammenarbeit mit dem Team vorstellen?

Ursprünglich war ich Werbetexterin in Hamburg, wollte aber was mit Comedy machen. Ich war also jung, blauäugig und rief da an. Ich wurde eingeladen, zeigte denen ein Video von mir, das die wohl ganz amüsant fanden. Vor der Kamera brauchten sie keinen mehr, aber ich durfte als freie Autorin da arbeiten. Es gab wahnsinnig viele feste und freie Autoren, Man reichte einen Text ein und Hugo Egon Balder, der damals dort Kreativ-Chef war, hat dann entschieden, was in die Sendung kam. Von den festen Autoren wurde natürlich etwas mehr genommen. Es war schon ein Hauen und Stechen, es ging ja auch um Geld. Immer wenn ich was verkauft gekriegt habe, platzte ich fast vor Stolz. Manchmal erfuhr man als freie Autorin erst einen Tag vorher, ob es ein Sketch in die Sendung geschafft hatte, manchmal sogar erst am Ausstrahlungstag. Ich saß dann gebannt mit meiner WG vor dem Fernseher und wir schauten, wie sie es umgesetzt hatten. Für meine Karriere hat mir das wahnsinnig viel gebracht und viele Türen geöffnet.

Sketche und Videos aus dem „Haus Sonnenuntergang” gibt’s auf www.youtube.com/SybilleBullatschek. Die Künstlerin tourt, sobald die Pandemie es wieder zu-lässt, durch die Theater und Pflege-Einrichtungen des Landes – die aktuelle Übersicht finden Sie auf www.haus-sonnenuntergang.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben