Comedy

Ingo Appelt: „Ich bin froh über mein Bösewicht-Image“

Ingo Appelt ist "Der Staats-Trainer"

Ingo Appelt ist "Der Staats-Trainer"

Foto: Ava Elderwood / Schönhauser Promotion GmbH

Essen.  Ohne derbe Witze geht es bei Ingo Appelt nicht. Doch der Komiker schaut auch gerne kritisch auf die deutsche Politik und unsere Gesellschaft.

In den 90er-Jahren machte sich Ingo Appelt einen Namen. Der gebürtige Essener unterhielt das Fernsehpublikum in Sendungen wie „RTL Samstag Nacht“ mit Gags unter der Gürtellinie. Das gefiel vielen, ging anderen aber zu weit. Seine „Ingo Appelt Show“ wurde abgesetzt, nachdem er Babypuppen wie Fußbälle auf eine Torwand schoss. So ganz ohne Zoten kommt Appelt auch heute noch nicht aus, doch in seinem Programm „Der Staats-Trainer“ zeigt der 53-Jährige sich von einer verantwortungsbewussten Seite. Was ihn an der Gesellschaft nervt, war Thema im Gespräch mit Patrick Friedland.

Im Moment können Sie ja nur in Autokinos auftreten. Haben Sie aus Ihrer Kindheit oder Jugend noch Erinnerungen daran?

Ingo Appelt: Ich bin in Bottrop aufgewachsen. Da war ein Autokino in der Nähe, an dem wir öfter vorbeigefahren sind. Ich kann mich daran erinnern, dass eigentlich immer schlüpfrige Filme liefen. Nicht so jugendfrei. Also genau mein Metier.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke von Autokino-Auftritten?

Am Anfang dachte ich, dass das gar nicht funktionieren kann. Ich war tierisch nervös. Aber ich wollte es unbedingt machen, weil ich so eine ausgeprägte Liebe fürs Publikums habe. Ich fing in den letzten Wochen schon an, mit Bäumen zu reden. Aber es ging dann doch besser wesentlich als gedacht und hat allen Riesenspaß gemacht.

Im Autokino ist mit dem Publikum keine Interaktion möglich. Ist das ein Problem?

Schon. Ich kann die Leute nicht direkt ansprechen und arbeite jetzt eher im Stile eines Radiomoderators. Eigentlich bin ich sehr interaktiv mit dem Publikum und muss das nun weglassen. Ich lasse mir über Lichthupe, Blinker und Scheibenwischer Reaktionen zeigen. Und jetzt gibt es so eine Applaus-App. Da drücken die Zuschauer auf „klatschen“, „jubeln“ oder „pfeifen“ und dann kommen da bei mir auf der Bühne die entsprechenden Töne aus der Monitorbox. Das ist schon komplett was anderes, trotzdem wahnsinnig geil. Es geht ja auch um die Menschen drumherum. Hier ist eine Band, da sind die Manager, die Ton- und Bühnentechniker. Es ist wichtig, dass die auch wieder Geld verdienen können. Jetzt sind vor allem die Städte gefragt, wie sie Kultur auf ungewöhnlichen Wegen präsentieren und damit retten können. Wir brauchen eine Perspektive.

„Autokino war nie so jugendfrei. Also genau mein Metier“

Wie sehr sind Sie von den Verlegungen und Absagen betroffen?

Ich hatte schon sehr schlechte Laune. Hätte ich bis Jahresende keine Auftritte gehabt, wäre es bei mir eng geworden. Ich kann nicht auf Kurzarbeit gehen. Normal trete ich auch gerne mal in Seniorenheimen und Hospizen auf, das geht ja gerade auch nicht.

Was bekomme ich in Ihrem Programm geboten? Habe ich eine Chance, Gags über Klopapier-Horter zu umgehen?

Einen Klopapier-Gag hatte ich drin, den habe ich aber raus genommen. Ich beschäftige mich natürlich auch mit Corona und den Verschwörungstheoretikern, aber ich möchte jetzt auch nicht den ganzen Abend darüber reden. Mein Programm soll ablenken, an die Zeit zuvor erinnern.

Und was machen Sie nun als „Staats-Trainer“?

Leute motivieren, den Arsch hochzukriegen. Ich bin alter Gewerkschafter, Jugendbildungsreferent. Das habe ich zwölf Jahre gemacht. Das wird ja immer weniger, der DGB hat sich in den letzten Jahren halbiert. Ich bin ja auch noch in der SPD, da fragen ja auch immer alle, warum ich mir das noch antue. Jetzt haben die diesen „NoWaBo“ geholt, so einen Pfarrer mit der letzten Ölung. Es geht uns nicht gut. Mich ärgert einfach, dass so viele Menschen politisches Engagement ablegen. Nur ein Prozent der Deutschen sind Mitglied in einer Partei, das ist viel zu wenig.

Ihnen fehlt also die Anpacker-Mentalität?

Ja. Es ist in dieser Gesellschaft doch oft so: Wir renovieren den Kindergarten mit Spielplatz. 1000 Leute kommen, zwei machen die Arbeit, 998 stehen drumherum und rufen: „Weiter links! Nee, jetzt weiter rechts! Neeein! Mein Gott, wie kann man nur so blöd sein? Armes Deutschland ...“ Zu viele quatschen, machen aber nicht mit. Das ist ein Riesenproblem.

„Wie die SPD Nahles wegjagte, das geht gar nicht“

Was haben Sie dagegen gemacht?

Ich habe noch richtig mit den Leuten geredet. Und: Ich war schon immer eher in der linken Ecke, weil es ein Regulativ braucht. Die Arbeiter waren teilweise auch eher rechts orientiert, weil sie Angst hatten, dass die Ausländer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Da bin ich hingegangen und habe gesagt „Leute, kommt in die Gewerkschaft, wählt SPD, wir kümmern uns um Euch!“. Das findet so in dieser Form heute nicht mehr statt. Sie ist akademisch, total abgehoben. Da findet sich kein Arbeiter mehr wieder. Die Arbeiterschaft hat keine Partei mehr. Dann bleibt nur noch die AfD. Das sind die Rattenfänger. Und das tut weh.

Was muss sich ändern?

Die SPD muss sich wieder auf die Arbeiter einschießen. Da gehört auch Alkohol dazu. (lacht) Willy Brandt war ein Riesensäufer. Und dann schicken sie uns Martin Schulz. Ein trockener Alkoholiker. Das geht nicht. Ich sehe auch keine Persönlichkeit in der Partei, die den Umschwung bringen könnte. Und der Umgang miteinander ist viel zu aggressiv. Andrea Nahles war sicher nicht optimal, aber wie sie da rausgejagt wurde, das geht gar nicht. Mittlerweile scheint es mir auch so, dass die sich damit abgefunden haben, dass CDU und Merkel alles gewinnen.

Fehlen heute nicht generell die Persönlichkeiten in der Politik?

Als ich angefangen habe, hatte ich 28 Parodien von Politikern drauf und jeder erkannte die. Herzog, Stoltenberg, Blüm, Strauß, Scharping, Kohl – man kannte sie alle. Heute kennt kaum noch jemand mehr als Angela Merkel. Leute unter 65 gucken fast nie Nachrichten. Die gehen ins Internet und umschiffen alles. Im schlimmsten Falle geht‘s dann in Richtung Verschwörungstheorie. Einige glauben ja tatsächlich, dass die Erde eine Scheibe ist.

Zurück zu Ihrer Karriere: Wie hält man sich länger als 20 Jahre im Business?

Ich höre immer wieder: Der Appelt liefert ab. Ich hatte ja auch schon meinen Karriereknick, als sie mich damals aus dem Fernsehen schmissen, aber ich habe Stehaufmännchen-mäßig einfach weiter gemacht. Das Wichtigste ist dranbleiben. Ich kann ja auch nix anderes. Ich bin auch Dieter Nuhr sehr dankbar, dass er mich immer wieder in seine Sendung einlädt. Obwohl wir inhaltlich manchmal auseinanderliegen.

„Lobrecht und Kebekus hauen schon richtig raus“

Das kann man guten Gewissens so sagen.

Manchmal streiten wir uns auch. Aber der glaubt an mich, der mag mich und ich ihn auch. Ich laufe den Verschwörungstheoretikern gerne erstmal hinterher und stimme ihnen zu – um sie dann ins Lächerliche zu ziehen. Ich stelle mich nicht hin und sage „Das sind doch alles Idioten, die Forschung zeigt doch, dass das und das ...“. Das löst bei den Verschwörungstheoretikern die größten Hasswellen aus. Ich nehme die Leute lieber mit aufs Eis, bringe sie ins Schlittern, lass es einbrechen und schwimme dann zurück.

Im Rückblick: Bereuen Sie etwas?

Eher nicht. Vieles, was erst schlecht war, hat später etwas Gutes bewirkt. Zum Beispiel die abgesetzte Fernsehshow. Die ersten drei Jahre habe ich geheult wie ein Schlosshund. Meine Karriere, mein Leben lag in Trümmern – ich fühlte mich ungerecht behandelt. Später merkte ich aber, dass dieser ganze Stress mit Einspielern alleine drehen, Quotendruck und all dem nicht das ist, was ich dauerhaft haben will.

Vermissen Sie die Provokationen in der heute populären deutschen Comedy?

Ein Felix Lobrecht oder eine Carolin Kebekus hauen schon richtig raus. Aber: Dieses rebellische Lebensgefühl wie in den 90ern ist in der Comedy insgesamt kaum noch da. Das Rebellische finde ich jetzt eher bei denen, die aus dem Poetry-Slam kommen. Bei Hazel Brugger zum Beispiel.

Würden Sie die Gags von damals heute noch so bringen?

Ein bisschen Imagewandel musste bei mir rein, weil ich zu versaut war. Die Zeiten waren andere. In den 90ern war das Fernsehen sehr pornografisch, mit Lilo Wanders & Co. Alles war freizügig und angstfrei. Es ging nur noch Sex, Geilheit, noch mehr Geilheit. Hugo Egon Balder war bei „RTL Samstag Nacht“ froh, dass er mich hatte. Mir haben sie damals immer die schlimmsten Sachen gegeben. Das ist auf Dauer keine gute Basis. Aber irgendwie bin ich auch froh über dieses Bösewicht-Image. Ich bin lieber Bösewicht als Schmierlappen. Da kann ich dann so tun, als ob ich mich vom Saulus zum Paulus entwickelt hätte – und dann haue ich doch wieder einen richtig fiesen Gag raus.

>>> INFO: Ingo Appelt auf Tour

Termine: 25.5. Wesel (Stadtwerke Comedy Drive-In, 54 € pro Auto), 1.6. Witten (Auto & Eventkino am Kemnader See), 3.6. Mönchengladbach (Auto Comedy Stage an der Trabrennbahn, 60 € pro Auto), 5.6. Monheim (Innenhof der Kulturraffinerie K14, 39 € pro Auto), 20.+21.6. Dortmund (Spiegelzelt an den Westfalenhallen), 3.9. Essen (Zeche Carl), 5.9. Werl (Stadthalle), 8.9. Oberhausen (ausverkauft), 11.9. Gelsenkirchen (ausverkauft), 17.9. Marl (Theater), 16.11. Neukirchen-Vluyn (Kulturhalle), 21.11. Düsseldorf (Savoy Theater), 29.12. Köln (Gloria), 17.4. Monheim (Bürgerhaus Baumberg), 5.11.21 Kaarst (Albert-Einstein-Forum).

Karten für die Shows ab Sommer gibt’s ab ca. 23 € in den LeserLäden, unter 0201/804 6060 und auf www.ruhrticket.de.

Zudem ist Ingo Appelt bei den Jubiläumsshows des Quatsch Comedy Club (21.+28.5., 20.15 Uhr, Sky 1) und bei Genial Daneben – Das Quiz (25.5., 19 Uhr, Sat.1) im TV zu sehen.

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