Bewegungsform

Moderne Schwertkunst: Der „Herr der Ringe“ am Niederrhein

Kamp-Lintfort.  In Kamp-Lintfort lebt „Der Herr der Ringe“ auf. Bei der Modernen Schwertkunst geht es aber um viel mehr als nur um eine wilde Ork-Rauferei.

Das Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“ begeistert die Menschen seit Generationen. Auch wegen Protagonist Aragorn, der sich vom schattenhaften Waldläufer zum strahlenden König wandelt – und den eine innige Beziehung mit seinem Langschwert Andúril verbindet. „Ich wüsste nicht, dass bei uns jemand seinem Schwert einen Namen gegeben hat“, sagt Peter Joost trocken. Und doch spielt die Ring-Saga für den Trainer eine wichtige Rolle. Als Quelle von Inspiration und Faszination. Für seine Sportart, die Moderne Schwertkunst.

Ein Dienstagabend in Kamp-Lintfort. Die Turnhalle der VHS ersetzt die Felder Rohans aus der Fantasy-Welt Mittelerde. Peter Joost und seine sieben Gefährtinnen und Gefährten versammeln sich auf knarzendem Parkettboden. Die Dämmplatten halten sich mit Mühe an der Wand, die Glasbausteine lassen letztes Tageslicht in die Halle. Es ist warm. Die Zentralheizung laufe durchgehend, erklärt der Übungsleiter. „Für die Amazonasfische nebenan.“ Der Aquarienverein Amazonas 73 lässt grüßen.

Moderne Schwertkunst: In Kamp-Lintfort knacken Knochen

Von heißen Duellen ist trotzdem nichts zu sehen, von Ork-haftem Schwertschwingen ganz zu schweigen. „Moderne Schwertkunst ist kein wildes Hauen und Stechen“, sagt der 47-Jährige. Aber was dann?

Erste Einblicke geben die Acht, als sie sich in einen weiten Kreis setzen und die Augen schließen. Die Gruppe meditiert. Herunterkommen, bevor es hoch hergeht. Den Alltag hinter sich lassen, seinen Fokus finden. Ein Klatschen – und die Sportler springen auf, um das Aufwärmen abzuschließen. Von Kopf bis Fuß kreisen und knacken in den nächsten Minuten die Knochen.

Lediglich drei Vereine für Moderne Schwertkunst in NRW

Er sei über die Zeitungsannonce für einen VHS-Kurs zum Sport gekommen, erzählt Peter Joost kurz darauf. Als 2016 dann der Kurs-Leiter in eine andere Stadt zog, (lesen Sie hier: Moderner Sport mit altem Schwert)blieb der Mann mit der tiefen Stimme und dem grauen Bart – und führte die verbliebenen Interessierten wie Gandalf die Gemeinschaft. An den Niederrhein unter das Dach des Breitensportvereins Lintforter TV.

Lediglich drei Vereine für Moderne Schwertkunst gibt es in NRW, die Sportart ist noch jung. Erst Anfang des Jahrtausends formierte sich ein Verband in Bayern, der Wissen aus mittelalterlichen Fechtbüchern, Erfahrung aus asiatischen Kampfkünsten und Erkenntnisse moderner Sportwissenschaften miteinander kombiniert.

Gefragt: Köpfchen und Stehvermögen

Und so spielen grundlegende Bewegungen mit und ohne Schwert ebenso eine Rolle wie Übungen für das Körpergefühl und das räumliche Vorstellungsvermögen. „Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz, der kommt der Gesundheit zu Gute. Ich bin Schreibtischtäter, meine Haltung hat sich sehr verbessert“, verrät Peter Joost. „Auch meinen Körper habe ich besser kennengelernt. Dafür war ich die ersten vier bis sechs Monate aber richtig kaputt.“

Denn wer Aragorn oder der Schildmaid Éowyn (lesen Sie hier: Ein neuer Song aus Mittelerde – von „Faelend“)nacheifern möchte, der braucht gleichermaßen Köpfchen und Stehvermögen, um die Technik sauber anzuwenden. In einem Teil der Halle übt eine Frau für sich, führt ihr Holzschwert durch die Luft, läuft dabei vor und zurück. Formen nennt sich der Kampf gegen einen imaginären Gegner, der Vorstellungskraft, Erinnerungsvermögen und Genauigkeit erfordert – und Geduld.

Ästhetisches und präzises Duell

Ein paar Meter weiter stehen sich Sabine Kreckel und Georg Steinbrecher gegenüber. Von Einzel-Formen ist das Duo zu Drillübungen gewechselt. Sie heben die Holzschwerter und nehmen Augenkontakt auf. Dann geht es los: Kreckel führt einen langsamen Hieb aus, Steinbrecher pariert, dreht sich aus der Position und schlägt zurück. Immer im Kreis, mit wechselnden Rollen, theoretisch ohne Ende. Wie ein Tanz in Zeitlupe wirkt das Duell, ästhetisch und präzise.

„Hier bestimmt jeder sein eigenes Lerntempo und kann sich im Rahmen der Regeln individuell ausleben“, erläutert Peter Joost, der in der Gruppe die Rolle des Koordinators einnimmt und Technikfehler verbessert. Er und vier weitere Mitglieder haben mittlere Grade, die an das System aus dem Karate angelehnt sind. Viel bringe sich die Gruppe selbst bei, sagt Joost, nehme Angebote anderer Vereine wahr und lade sich Trainer ein. Ein bisschen mittelalterliche Techniken hier, ein bisschen moderne Fechtübungen da.

Mit Vollschutz in den Freikampf

Inzwischen neigt sich das Training in Kamp-Lintfort dem Ende zu. Peter Joost und sein Kollege Lars Walloscheck steuern die Bank an – und auf das große Finale zu: den Freikampf.

Ohne Vollschutz geht hier nichts. Denn: „Wir passen aufeinander auf. Mir ist keine krankenhausrelevante Verletzung bekannt, blaue Flecken gibt es aber immer gerne“, sagt Joost mit einem Schmunzeln, während er sich umzieht. Der gepolsterte Helm mit Visier und Stichkragen kommt vom Fechten, die Handschuhe vom Eishockey. Eine dicke Weste, der eines Motorradfahrers ähnlich und optional mit Rückenbelüftung, bringt weiteres Gewicht auf die Waage. Der Tiefschutz für Mann und Frau ist gleichermaßen verpflichtend.

Vom Trainingspartner im T-Shirt zum schwarzen Ninja

Zu guter Letzt nehmen Joost und Walloscheck ihre Spezialanfertigungen in die Hand, Schwerter aus belastbarem Nylon. Die Wandlung vom Trainingspartner im T-Shirt zum schwarzen Ninja ist vollzogen.

Beide grüßen respektvoll, um sich der Aufmerksamkeit des Anderen sicher zu sein, und beginnen. Langsam bewegen sich die Kämpfer umeinander, lauern und suchen die Lücke. Der eine mit erhobenem Schwert, der andere mit gesenktem. Ein Schritt nach vorne, ein Hieb – und die Parade. Das Knallen hallt übers Parkett.

Nach wenigen Minuten ist das Duell vorbei, das Duo atmet schwer. Die Worte von Peter Joost kommen stoßweise. „Ein bisschen mehr Fitness würde uns gut tun.“ Der 47-Jährige grinst. So wie Walloscheck, der ergänzt: „Danach kannst du gut schlafen.“ Die Schwertkünstler von Kamp-Lintfort, sie haben noch ein Stück Weg zurückzulegen. So wie einst schon Aragorn. (Lesen Sie hier: Vor 50 Jahren: Wie der „Herr der Ringe“ nach Deutschland kam)

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