Sinfoniekonzert

Warum das Publikum im Hagener Sinfoniekonzert wegläuft

Der österreichische Chansonnier HK Gruber

Der österreichische Chansonnier HK Gruber

Foto: NN / Veranstalter

Hagen.   Die Hagener Philharmoniker begeistern mit Weill, Gershwin und Ellington und sorgen mit Ungeschick dafür, dass das Publikum ins Foyer wegläuft.

Wer wissen will, wie Großstadtfieber klingt, die explosive, heiße und erotische Fusion unterschiedlicher Einflüsse im Schmelztiegel der explodierenden Metropolen des frühen 20. Jahrhunderts, der sollte sich die Musik von George Gershwin, Duke Ellington und Kurt Weill gönnen. Die Hagener Philharmoniker entführen zum Bauhaus-Jubiläum in die Klangwelt der Moderne, und dieses Sinfoniekonzert macht klar, dass die Zwölftonmusik nur ein Seitenweg der Avantgarde ist. Die wahre Revolution spielt sich dort ab, wo europäische Geradtaktigkeit auf das triolische Denken der afroamerikanischen Kulturen trifft. Das Publikum bedankt sich mit viel Beifall im Stehen.

Experimentierfeld

Für Kurt Weill ist das Lied ein Experimentierfeld der Moderne. Immer noch steht der herausragende Komponist in Deutschland im Schatten seines Partners Bert Brecht. Immer noch wird übersehen, so auch vom Gastdirigenten Frank Dupree, der dem Publikum erzählt, Kurt Weill sei ausgewandert, wie verheerend sich die Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten auf das deutsche Kulturleben bis heute auswirkt.

Toller Chansonnier

Nein, Kurt Weill ist nicht ausgewandert. Er musste 1933 fliehen; seine Kompositionen wurden im Mai 1933 öffentlich verbrannt. In den USA hat Weill als gefeierter Broadway-Komponist ein großes, umfangreiches Werk geschaffen.

Sinfoniekonzert in Hagen mit Tanz und hohem Nervfaktor Warum hassten die Nazis Weill so sehr? Weil er Jude war? Nicht nur. Der Kantoren-Sohn gehört zu den ersten, welche die Einflüsse der zeitgenössischen amerikanischen Tanzmusik in sein Schaffen integrierten. Hierzulande wird Weill auf die Songs reduziert. Der österreichische Chansonnier HK Gruber zeigt in Hagen, wie man die interpretiert, den Bilbao-Song, die Mackie-Messer-Moritat, die Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens, den hier eher unbekannten Song of the Rhineland: mit einer köstlichen Mischung aus Spott und Gefühl. HK Gruber kann schnarren und säuseln, blitzschnell die Stimmung wechseln, hält das Publikum stets in Spannung, weil es nie weiß, ob es jetzt lachen, weinen oder sich gruseln soll. Diese Interpretation hat allererste Klasse.

Kurt Weill fusioniert weniger die Stile als die Denkebenen. Hier das Harmonium, das auch für den Leierkasten der Hinterhöfe steht, dort die ungezähmten Riffs der Blechbläser, die sich jeder Viereckigkeit teutonischer Märsche verweigern. Und genau diese einkomponierte Aufsässigkeit, diese Überwindung von Zucht und Ordnung des Viervierteltaktes hassten die Nazis bis aufs Blut.

Ergebnis der Weltwirtschaftskrise

Dabei ist die neue Form der Orchestrierung in der Tanzmusik eigentlich das Ergebnis der Weltwirtschaftskrise. Die Musiker schließen in den USA sich zu Bigbands zusammen, da sie sonst in dem Beruf nicht mehr bestehen können. Mit den Bigbands entsteht der Swing. George Gershwin überträgt diese Errungenschaften auf das Theater, den Broadway, und die Hagener Philharmoniker spielen einfach großartig. Sie brillieren mit „Strike up the band“ und der Porgy-und-Bess-Suite.

Wilder geht Duke Ellington mit dem neuen Handwerkszeug um, das der Jazz den Komponisten liefert. „Solitude“ lotet tief und traurig intime Gefühlswelten aus, „Caravan“ bringt orientalische Exotik ins Spiel. Duke Ellington setzt Musiker voraus, die gleichzeitig im Team spielen und solistisch denken können. Deshalb sind seine Standards für die Hagener Philharmoniker genau richtig, das Orchester ist ja berühmt für seine stilistische Flexibilität.

So wird Ellingtons „Harlem“ zur Apotheose der Moderne, Musik, die nicht mehr vom Fürstenhof kommt, sondern aus dem offenen Herzen der urbanen Gesellschaft; Klänge, die Stadtgeräusche mit den Volksliedern vieler Ethnien verschmelzen. Sibelius sorgt im Hagener Sinfoniekonzert für Bravo-Rufe Am Schluss drehen die Schlagzeuger auf. Shekere, Maracas, Ratschgurke und Congas begleiten den Dirigenten wie im Rausch, der an die Bongos wechselt. Was der Dirigent nicht weiß: Soloschlagzeuger Heiko Schäfer hat noch eine Talking Drum in petto, mit der er improvisierend feine Dinge anstellt.

Dirigent Frank Dupree ist übrigens auch ein famoser Pianist und begeistert die Zuhörer mit „Satin Doll“ am Klavier als Zugabe.

Aus Fehlern lernen

Es hätte ein einmalig guter Abend werden können, wenn nicht das Orchester in der ersten Konzerthälfte durch zahlreiche Umbaupausen die Stimmung beeinträchtigt hätte. Wieder einmal wollte das Publikum wegen der schlechten Organisation in die Pause abwandern, noch bevor die erste Programmhälfte vorbei war. Warum lernt man bei den Hagener Philharmonikern nicht aus Fehlern? Und warum können die Musiker, die gerade nichts zu spielen haben, nicht einfach eine halbe Stunde lang auf dem Podium sitzen bleiben?

Kurt Weill weilte in Lüdenscheid

Seine Theaterausbildung hat Kurt Weill im Sauerland erhalten. Im Jahr 1920 trat der Komponist ein Engagement als 2. Kapellmeister am Stadttheater Lüdenscheid an. Sein Lehrer Engelbert Humperdinck hatte ihm eine Empfehlung für die Stelle geschrieben. Weill traf Ende 1919 in Lüdenscheid ein. Noch am Bahnhof sagte man ihm, dass er abends das Orchester, das er noch gar nicht kannte, leiten müsse. Das Theater befand sich im ersten Stock des früheren Hotels „Zur Post“.

Am 16. Mai 1920 spielt das Orchester die letzte Vorstellung der Saison. Einen Tag später verließ Weill Lüdenscheid wieder. Trotz seiner kurzen Anwesenheit hinterließ er Spuren in der Region. So widmete er der Lüdenscheiderin Elli Happe, geb. Linnepe, sein Streichquartett in h-Moll.

Im Interview mit dem „Brooklyn Daily Eagle“ erinnert sich Kurt Weill 1938 an sein kurzes Gastspiel im Sauerland: „Dort lernte ich alles, was ich über Theater weiß.“

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