PREMIERE

Westfälisches Landestheater mit Houellebecqs „Unterwerfung“

Oben: Franziska Ferrari, unten: Mario Thomanek, Maximilian von Ulardt und Burghard Braun

Oben: Franziska Ferrari, unten: Mario Thomanek, Maximilian von Ulardt und Burghard Braun

Foto: Volker Beushausen

Castrop-Rauxel.  Selbstverzwergung eines Anpassers: Das Westfälische Landestheater spielt Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ – und dafür gibt es tosenden Applaus.

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ erschien im Januar 2015 just an jenem Tag, an dem Islamisten in Paris den verheerenden Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ mit 12 Toten verübten. Das Zusammentreffen der Ereignisse beförderte die Diskussion über Autor und Werk. Doch auf die Frage, ob Houellebecq eine visionäre Zuspitzung der Entwicklung in Europa oder eine fantasievolle Islam-Satire vorgelegt hat, gibt es keine eindeutige Antwort.

In „Unterwerfung“ wollen Frankreichs Sozialisten bei den Präsidentschaftswahlen 2022 den Sieg der Front National verhindern und verhelfen einem charismatischen Führer der Muslim-Bruderschaft zum Sieg. In der Folge wird die Verfassung geändert, werden Mullah-Herrschaft, Scharia, Patriarchat und Vielehe eingeführt.

Übertritt aus Berechnung

Ein gigantisches Sofa ist das einzige Requisit auf der Studiobühne des Westfälischen Landestheaters (WLT). Elke Königs Monstermöbel, das Menschen auf Puppengröße schrumpfen lässt, erzählt von Verlorenheit und Leere. Hier muss sich in den kurzen 145 Minuten, die nun folgen, der Erzähler François (Mario Thomanek) einrichten. Der desillusionierte Literaturwissenschaftler an der Sorbonne hat sich zurückgezogen. Er widmet sich nur noch seinem Studienobjekt (dem Romancier Joris-Karl Huysmans und dessen Blick auf Dekadenz als Ausfluss politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen) und seinen Affären mit Studentinnen. Als die Islamische Republik Frankreich etabliert ist, die auch dem Bürgertum verloren geglaubte Werte zurückzugeben scheint, erhält er ein Angebot. Als Muslim winken ihm neue Forschungsgelder, ein höheres Gehalt und, durch die Vielweiberei, gleichsam uneingeschränkter Zugang zu weitgehend entrechteten Frauen. François tritt zum Islam über. Er hofft auf ein zweites, sinnerfülltes Leben. Doch letztlich sitzt er wieder auf dem Sofa, noch immer verzwergt, nur in einem neuen System.

Tosender Premierenbeifall

Regisseur Gert Becker, der jede Festlegung auf eine der Deutungs-Optionen Vision oder Satire vermeidet, löst die Monolog-Form der Bühnenfassung bravourös auf. Um alle Facetten des Protagonisten aufzuzeigen, gibt es den Literaturprofessor vier Mal, wobei Maximilian von Ulardt, Franziska Ferrari und der überragende Burghard Braun auch die Parts bedeutender oder nachrangiger Nebenfiguren übernehmen. Die einfallsreiche, nie in Slapstick abgleitende Personenführung auf dem Sofa ist ein Erlebnis für sich. Vor allem aber ist es ein Abend der Sprache und der ungeheuren Sprechkunst eines großartigen Ensembles. Einen solchen Premierenbeifall hat das WLT lange nicht erlebt.

Nächste Aufführung am WLT in Castrop-Rauxel: 23.2. (20 Uhr). Tel. 02305-978020. www.westfaelisches-landestheater.de

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