Ausstellung in Schloss Moyland

Wilhelm Buschs Malerei: Weit mehr als Max und Moritz

Sieh an, der Busch, dieser Malerschlingel, hat Frans Hals kopiert: Dr. Barbara Strieder, kommissarische Künstlerische Direktorin des Museum Schloss Moyland zeigt zum Vergleich ein Porträt von Frans Hals neben dem Selbstporträt von Wilhelm Busch.

Sieh an, der Busch, dieser Malerschlingel, hat Frans Hals kopiert: Dr. Barbara Strieder, kommissarische Künstlerische Direktorin des Museum Schloss Moyland zeigt zum Vergleich ein Porträt von Frans Hals neben dem Selbstporträt von Wilhelm Busch.

Foto: Thorsten Lindekamp / Funke Foto Services GmbH

Bedburg Hau.  Er gilt als Erfinder des Comics, als Maler hielt er selbst wenig von seiner Kunst. Das Museum Moyland beweist, dass Wilhelm Busch sich irrte.

Letztendlich hat er wohl alles richtig gemacht – und seine beiden beachtlichen Begabungen als Dichter und Maler zusammengeführt und gewissermaßen den Comic erfunden. Von Wilhelm Busch ist die Rede, der auch zu Lebzeiten schon dank „Max und Moritz“ zu Weltruhm kam, aber dennoch lieber in der ländlichen Zurückgezogenheit seines Heimatortes Wiedensahl, im Nirgendwo, rund 25 Kilometer nordöstlich von Minden lebte.

Denn noch größer als die künstlerische Begabung Wilhelm Buschs (1832-1908) waren wohl seine Selbstzweifel. Barbara Strieder, kommissarische Künstlerische Direktorin des Museums Schloss Moyland, weiß zu erzählen, dass Busch seine Malutensilien schnell verschwinden ließ, wenn es an der Tür klopfte. Gewiss kam ihm dabei entgegen, was sich auch im niederrheinischen Museum jetzt bewundern lässt: Die meisten seiner Skizzen und Ölbilder (das Wort Gemälde scheint beinahe zu groß) liegen irgendwo zwischen Postkartengröße und Din A4-Blatt.

Die Bilder sind klein – aber sie haben großes Format

Und dennoch: Die Ausstellung „Herzenssache – Wilhelm Busch malt“, zu sehen ab Sonntag, 13. Oktober, hat Format – weil sich in den vielen kleinen Busch-Bildern der malerische Weg von Wilhelm Busch wunderbar verfolgen lässt und weil der scharfe Beobachter des Zeitgeschehens und des ländlichen Lebens diesen humorgetränkten Blick fürs Detail hat. Bei seinem Bild vom Barbier-Besuch lässt sich mitfühlen, was es Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete, wenn der Barbier ein Furunkel am Rücken aufschneidet: Konzentration beim Barbier, Schmerz beim Patienten und ein maliziöses Lächeln bei der zuschauenden Helferin.

Um derlei zu entdecken, muss man schon sehr nah ran gehen – auch weil Busch eine meist in Braun getönte Palette nahm und die Bilder oft sehr dunkel sind. Um so mehr sticht über Jahre und Jahrzehnte immer wieder der rote Wams hervor, den meist ein Bauersmann trägt, der mal Opfer eines Ehestreits wird und mal einsam durch die Dunkelheit wandert, so finster, dass sich nicht sagen lässt, ob er in einer Höhle oder im finsteren Wald unterwegs ist und auf das Licht am Horizont blickt.

Ein bisschen gemalte Schadenfreude

Man muss sich Wilhelm Busch wohl als einen schonungslosen Beobachter des Alltags vorstellen, der erfüllt ist von Streit und Missgeschicken und der sich am besten ertragen lässt, wenn man ihn wenigstens mit Humor sieht und skizziert. Titel wie „Bäuerin, einen Jungen ins Ohr kneifend“ oder „Auf den Rücken gestürzter Knabe“ zeigen dies. Ein bisschen gemalte Schadenfreude ist wohl auch dabei, wenn er ein Gemälde „Ehestreit“ nennt, auf der der Bauer im erwähnten roten Wams nach Hause schleicht und die Gattin hinter der Tür lauert.

Dennoch: Wenn es nicht gerade meist aus Dankbarkeit gefertigte, größere und mit Präzision ausgeführte Portraits seiner Frankfurter Mäzene und Förderer, der Eheleute Kessler, oder Bilder seiner beiden Brüder Gustav und Otto sind, zeigt sich in vielen Bildern Buschs eine gewisse Skizzenhaftigkeit – manchmal sogar bei den in der früheren Phase so sorgfältig gestalteten Gesichtern. Diese geht soweit, dass er manchmal zwei oder drei Skizzen auf einem Blatt zusammenfügt – und mit dieser Bildteilung in einem Rechteck ein weiteres Comic-Element vorwegnimmt. Was vermutlich genauso unbewusst, ungesehen und unreflektiert ihm schlicht zugestoßen ist wie der beinahe expressive Pinselstrich in einigen späteren Werken.

Moyland zeigt 79 von mehr als 3000 bekannten Arbeiten

Das Museum Schloss Moyland zeigt 79 Bilder, insgesamt sind mehr als 3000 Arbeiten (!) bekannt. Auch das erklärt die Skizzenhaftigkeit mancher Arbeiten. Statt Präzision lässt sich Expression studieren – und Aufbau und Farbsetzung lassen sich auf manchem Bild gewissermaßen wie im Rohbau erkennen. Dies gilt insbesondere für seine Hauptarbeiten: expressive Landschaften, dramatische Wetterstimmungen. Zu Lebzeiten Buschs sind seine Arbeiten nie gezeigt worden, erst posthum erblickten sie das Licht der Kunstbetrachter.

Dass nun ausgerechnet das Museum Schloss Moyland sich des malerischen Oeuvres des Niedersachsen annimmt hat durchaus seine Berechtigung. Nicht nur, dass „Kunst und Natur“ einer der Sammlungsschwerpunkte des Hauses ist, das die Ausstellung mit einigen niederländischen Grafiken ersetzt. Oder damit, dass manche seiner Pfarrküchen-, Kopfweiden- und Waldrandbilder gut und gern auch am Niederrhein hätten entstanden sein können.

Dreimal das Kunststudium abgebrochen

Nein, Wilhelm Busch hat dreimal ein Studium an der Kunstakademie begonnen – und dreimal abgebrochen. In Düsseldorf war ihm das Kopieren zu langweilig, in Antwerpen, wo er sich erstmals den Werken der niederländischen Großmeister Peter Paul Rubens, Frans Hals, Adriaen Brouwer und David Teniers gegenüber sah, verließ ihn der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Indes: Die innere Verbindung zur niederländisch-flämischen Landschaftsmalerei blieb zeitlebens – und da liegt Moyland unter dem gleichen, weiten Himmel.

In München, im dritten Versuch des Kunststudiums immerhin, fand er Anschluss an Künstlerkreise, die dafür sorgten, dass seine Skizzen und Bildgeschichten unter die Leuten brachte. Mit den bekannten Folgen. Seinen Frust darüber, dass aus seinen beiden Begabungen es „nur“ die Melange war, die ihm Lob und Geld einbrachte, hat er gegen Ende seines Lebens in Geschichten des gescheiterten Dichters Balduin Bählamm und des Malers Klecksel gegossen. Dort legt er dem Rezensenten der Klecksel-Bilder den folgenden Vierzeiler in den Mund:

„Das Kolorit, die Pinselführung,
Die Farbentöne, die Gruppierung,
Dies Lüster, diese Harmonie,
Ein Meisterwerk der Phantasie“

Nun, Maler Klecksel ist nicht Wilhelm Busch. Aber widersprechen muss man ihm trotzdem nicht.

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