Buchkritik

Wir werden immer kindischer – sagt dieser Autor

Erwachsene Menschen kleiden sich als fantastische Tierwesen und verantalten einen Kongress… So schöne Beispiele greift der Autor leider nicht auf.

Erwachsene Menschen kleiden sich als fantastische Tierwesen und verantalten einen Kongress… So schöne Beispiele greift der Autor leider nicht auf.

Foto: Anikka Bauer

Leben wir in einer infantilen Gesellschaft? Das Buch des Journalisten Alexander Kissler ist leider in manchen Passagen selbst ein wenig naiv.

Es ist ja nicht das schlechteste Zeichen, wenn man sich bei der Lektüre eines Buches ärgert. Weil man anderes erwartet hat. Das zumindest muss man Alexanders Kisslers jüngstem Werk „Die infantile Gesellschaft“ zu gute halten. Doch was ist infantiler? Sich über die Unreife von Greta Thunberg zu mokieren oder sich der Frage zu verweigern, ob es nicht sehr erwachsen und vernünftig ist, die globale Bedrohung des Klimawandels endlich ernst zu nehmen?

Was ist kindischer? Sich über die vereinfachende, vielfach schlichte Sprache der Bundeskanzlerin lustig zu machen – oder anzuerkennen, dass sie in der Corona-Krise und in Neujahrsansprachen Sätze und Worte wählt, die möglichst barrierefrei von jedem Zuhörer verstanden werden können? Auch auf die Gefahr hin, dass Menschen mit Hochschulabschluss sich langweilen?

Gedutzt wird man mittlerweile sogar bei der CDU

Wer nach Zeugnissen für das Verkintschen, Verkitschen und Verblöden der Gesellschaft sucht, ist zu allen Zeiten fündig geworden und wird es auch in diesen Zeiten: Allüberall wird man geduzt, mittlerweile selbst bei der CDU und im Intranet der Firma. Nicht nur die Werbung, auch die Politik greift zum Schnuller des „Nudgings“ des sanften Schubsens des möglichst unmündig gehaltenen Wählers und Kunden in die gewünschte Richtung. So heißen Gesetze plötzlich „Gute-Kita-Gesetz“ oder „Gesunde-Arbeit-Gesetz“, so weit, so richtig und so ärgerlich.

Doch wer sich durch die unterhaltsam geschriebenen, gut 250 Seiten des Buches baggert, dem wird recht zwangsläufig auffallen, dass viele Beispiele für die Infantilisierung der Gesellschaft ausgerechnet dem Themenfeld „Natur und Umwelt“ entnommen sind. Das mag zunächst naheliegen, da Kissler Rousseau bemüht, der in seiner Philosophie ja genau diese natürliche Unverdorbenheit des Menschen angenommen hat, ihn jedoch durch die Gesellschaft verdorben sieht.

So wie Rousseau als Kronzeuge dient mit seinem Erziehungsroman „Émile“, wo er sehr anschaulich entwickelt, dass es nichts übleres gibt, als Kinder, die sich eine Erwachsenenattitüde anmaßen. Zu beobachten bei dem beleidigten Kind im Weißen Haus, das jüngst ja verlangte, dort das Auszählen der Stimmen zu stoppen, wo es vorne lag und Neuauszählung dort, wo es zurück lag. Wer heute noch fröhlich pfeifend in Grönemeyers Oldie „Kinder an die Macht“ einstimmt, dem ist nicht zu helfen.

Wer für die Wiederansiedlung des Wolfs ist, ist kindisch

Andreas Kissler indes sucht nicht nach Kindern in Machtpositionen auf der großen Ebene, sondern eher im Alltagskram, Sehr eindeutig positioniert er sich auf der Seite der Wolfsgegner. Es sei schlicht naiv und kindisch, ein Wildtier wieder durch unsere Zivilisation streifen zu lassen.

Der Beleg ist nicht etwa eine erwachsene Diskussion der Argumente pro und contra, sondern eine ausführliche Betrachtung von zugegeben albernen Willkommensliedern für den Wolf und allzuniedlichen Naturführern mit verkindlichten, idealisierten Bildern der Natur.

Für genauso infantil indes hält Kissler es, wenn im Berlin mit seinen versagenden Behörden, die er lauthals beklagt, Lokalpolitiker Parkplätze zu Spielbereichen machen und mit Hinkelsteinen und grünen Pflastermarkierungen Autofahrer erziehen – das Buch ist so aktuell, dass im Fazit dann auch noch die Pop-up-Radwege der Coronakrise ihr Fett wegbekommen. Ganz so, als seien die Interessen der Autonutzer rational und die von Familien und Kindern – nun ja – kindlich.

Und weit erwachsener als eine Kritik der Kirchen, die in Kisslers Augen mit kindlich-naiven Gottesdienstformen (in der Gottes Natur in seinen Augen unangemessen kindisch verherrlicht wird), wäre eine Auseinandersetzung beispielsweise mit dem Bildungswesen gewesen, das in den letzten Jahrzehnten immer weiter weg von einer Anleitung zum kritischen Denken sich hinentwickelt hat zu einer Konditionierung mit Lerninhalten schlicht zum Bestehen der nächsten Prüfung.

Mit anderen Worten: Alexander Kissler findet Beispiele für die Infantilisierung der Gesellschaft vor allem im Bereich der Umweltbewegung, die gewiss hie und da von der Überromantisierung und Verniedlichung von Flora und Fauna lebt, deren Anliegen indes im Lichte von Klimawandel und Corona-Virensprung weit rationaler und erwachsener erscheinen als das Beharren auf den Primat der Ökonomie.

Alexander Kissler: Die infantile Gesellschaft - Wege aus der selbstverschuldeten Unreife , HarperCollins, 256 Seiten, 20 Euro, E-Book 16,99 Euro

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