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Zwei neue Bücher blicken auf die Tabu-Themen Sterben und Tod

Eine Reise zum Meer als letzter Wunsch eines sterbenden Menschen, erfüllt bei einer „Sternenfahrt“.

Eine Reise zum Meer als letzter Wunsch eines sterbenden Menschen, erfüllt bei einer „Sternenfahrt“.

Foto: Marco Szech

Essen.   Der eigene Tod ist uns fern. Die Autoren Roland Schulz und Alexander Krützfeld aber erzählen vom Sterben – und welche letzten Wünsche wir haben.

Sterben, das tun, abgesehen von einer winzigkleinen Ausnahme, immer die anderen. Unter den 200 Milliarden Menschen, die auf der Erde bisher gestorben sind (das haben Wissenschaftler hochgerechnet), sind wir noch nicht. Jedenfalls solange wir noch Texte über den Tod lesen können. Aber das wird sich ändern.

Um mit dem Tod trotzdem zurechtzukommen, sind Rituale ungemein hilfreich. Zu den beliebtesten Ritualen dieser Art gehört das Verdrängen. Zumal es leichtgemacht wird heute, wo der Tod ausgelagert ist in Kliniken (wo bei uns über die Hälfte der Menschen stirbt), Heime, Hospize. Was als Fürsorge für die Hauptbetroffenen gedacht ist, erhöht für die Menschen drumherum die Chance auf eine Kontaktsperre mit dem Sterben, dem Tod, dem Leichnam.

Neue Trends im Sarg- und Urnen-Design

Das andere Ritual, mit dem der Tod handhabbar und mitunter sogar marktgängig gemacht wird, heißt: November. In den Zeitungen erscheinen dann viele Artikel über neue Trends im Sarg- und Urnen-Design oder über den Sinn von Trauer. Und Bücher zum Thema erscheinen auch, aber Roland Schulz und Alexander Krützfeld, beides preisdekorierte Reporter, führen mit ihren Bänden „So sterben wir“ und „Letzte Wünsche“ oft so nah an Tod heran, dass es schmerzt.

Roland Schulz schildert das Sterben en détail, vom ersten Tag an, in dem das Herz schon aufhört, das Blut in die Fingerspitzen zu pumpen und noch nichts zu sehen, zu spüren ist vom Tod, der nicht mehr allzu fern ist. Wie jeder gute Reporter mischt Schulz Augenzeugenbericht mit Fakten, die mal haarsträubend sind, mal randständig, aber immer aufschlussreich. Er arbeitet mit echten Dialogen und bloß vorgestellten, und er gibt viele praktische Empfehlungen, von der Patientenverfügung bis zur Trauerfeier, die der Sterbende besser nicht planen sollte, weil sie ja für die Überlebenden da ist.

Erinnerung in den Köpfen von Urenkeln

Schulz begleitet das Sterben von den kaum sichtbaren Anfängen bis zum Einebnen des Grabes Jahrzehnte nach der Bestattung und dem Verschwinden der Erinnerung in den Köpfen von Urenkeln. Eindringlich wird seine Beschreibung nicht zuletzt dadurch, dass er den Leser anspricht, als sei er es, der jetzt sterbe (hinzu kommen drei weitere Sterbe-Beispiele vom leukämiekranken Kind über einen tödlich gestürzten Mann bis zur Dame aus dem Altenheim).

Elisabeth Kübler-Ross, die 1969 mit ihrem Buch „Über Tod und Sterben“ ein Standardwerk herausbrachte, hat Phasen des Sterbens benannt, die zwar nicht nach festen Mustern, Zeiten oder Reihenfolgen eintreten, aber stets erlebt werden: Nicht-wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Letztere tritt oft nicht erst auf dem Totenbett ein, und so ist es auch oft bei den Menschen, denen Frank Wenzlow noch einen letzten Wunsch erfüllt. Der Mann aus der norddeutschen Tiefebene, über den Alexander Krützfeld das Buch „Letzte Wünsche“ geschrieben hat, verlor eine große Liebe fünf Jahre nach der Hochzeit an einen hochaggressiven Krebs. Wenzlow war Einsatzleiter bei der Bahnkatastrophe im niedersächsischen Eschede, Erste-Hilfe-Ausbilder, Schweinezüchter – eine Mischung aus Macher und Bunter Hund der Marke: Herz auf dem richtigen Fleck. Als Lissy, seine große Liebe, starb, wollte sie noch einmal ans Meer. Schwer krank, musste sie liegend transportiert werden, für teuer‘ Geld. Die Krankenkasse zahlt so etwas nicht. Als Wenzlow dann um Lissy trauerte, gründete er irgendwann einen Verein für „Sternenfahrten“, mit denen Sterbenden ein letzter Wunsch, ein letzter Ortswechsel erfüllt wird. Kostenlos, auf Spendenbasis.

Noch einmal ein Rolling-Stones-Konzert besuchen

Die eine Sterbende will noch einmal mit der Familie Weihnachten feiern, der andere noch einmal ein Rolling-Stones-Konzert besuchen (am Ende stand er sogar neben Mick Jagger auf der Bühne, ein Anruf beim Management in New York reichte schon aus dazu, „für Tiere, Sterbende und Kinder versetzen die Menschen Berge“, merkt Krützfeld lakonisch an). Und Evi, krebskrank, hatte als letzten Wunsch eine Bootsfahrt auf der Spree. Aber dann hörte sie, dass ihre Schwester an einer Muskelschwundkrankheit leide und noch vor ihr sterben werde. Da wollte sie dann lieber noch einmal ins Heimatdorf nach Nordbayern. Und dann? „Ich glaube, dass es mir besser geht, wenn ich tot bin. Dann muss ich so nicht mehr leben.“ Frank Wenzlow sagt denn auch: „Sterben ist für die Angehörigen am schlimmsten. Sie müssen mit dem Verlust weiterleben.“

Seltsam ist allerdings, dass sogar diejenigen, die sich täglich mit Toten beschäftigen wie der 30-jährige Thanatopraktiker („Totenpfleger“) H., den Roland Schulz kennengelernt hat, den eigenen Tod weit wegschieben. „Ich hab einen Organspendeausweis“, das ist es aber auch schon, was H., der beruflich Tote für die Aufbahrung zurechtmacht, zu dem Thema zu sagen hat. Sterben müssen auch für ihn eben immer die anderen.

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