Forensik

Auf dieser Farm sollen menschliche Körper verwesen

Die Spurensicherung an einem Tatort in Hamburg: Eine Bodyfarm soll künftig dabei helfen, echte Fälle zu rekonstruieren und auch Todeszeitpunkte besser zu bestimmen.

Die Spurensicherung an einem Tatort in Hamburg: Eine Bodyfarm soll künftig dabei helfen, echte Fälle zu rekonstruieren und auch Todeszeitpunkte besser zu bestimmen.

Foto: RÖER, MARIUS / action press

Berlin  Erstmals in Deutschland soll auf einem Gelände die Verwesung von Körpern erforscht werden. Warum? Ein Gespräch mit einem Forensiker.

In Deutschland soll erstmals ein Ort entstehen, an dem tote Körper unter Aufsicht der Wissenschaft verwesen. In den USA gibt es bereits eine Handvoll solcher Bodyfarmen. In Europa bislang nur eine kleine in den Niederlanden, wo die Körper ausschließlich unterirdisch verwesen können. Die Rechtsmedizin der Universität Frankfurt am Main ist nun auf der Suche nach dem geeigneten Gelände. Es gehe darum, wichtige wissenschaftliche Fragen zu beantworten, sagt der Forensiker Dr. Jens Amendt.

Herr Amendt, Sie suchen nach einem Gelände in Deutschland, um Leichen verwesen zu lassen. Wie läuft’s?

Jens Amendt: Überraschend gut. Nachdem das Fernsehen vor einigen Wochen berichtet hat, sind mir neun Gelände angeboten worden, die wir ansehen werden. Wir haben uns vorher gefragt, wie wir suchen sollen. Fahren wir am Computer via Google Maps über Deutschland und gucken, wo es geeignet wäre?

Warum wollen Sie so einen Ort erschaffen?

Amendt: Wir wollen Lücken in der Forschung schließen. Anders als es der Name „Bodyfarm“ vielleicht vermuten lässt, ist es keine Horrorfarm, sondern eine wissenschaftliche Einrichtung.

Welche Lücken wollen Sie schließen?

Amendt: Wir haben zum Beispiel Defizite in der Eingrenzung von Todeszeiten. Der Rechtsmediziner kann den Zeitpunkt in der Regel ein bis zwei Tage nach dem Tod anhand von Leichenstarre oder Körpertemperatur eingrenzen. Alles, was länger zurückliegt, ist nicht mehr verlässlich eingrenzbar. Insekten, die den Körper besiedelt haben, helfen auch noch vier bis sechs Wochen nach dem Tod.

Es gibt aber Leichen, die wenig bis gar keinen Insektenbefall aufweisen. Es gibt Leichen, die nicht zeitnah nach Todeseintritt besiedelt werden, sondern eine Woche später. Und es gibt Leichen, die mehrere Monate unentdeckt irgendwo liegen. Hier brauchen wir Methoden.

Gibt es schon Ansätze?

Amendt: Es gibt ein paar neue Ideen, ja. Stichwort Mikrobiom. Wir haben alle eine sehr individuelle Flora und Fauna im Körper. Die Idee ist, den Verfall des menschlichen Leichnams mithilfe seines Mikrobioms, seiner Bakterien, die sich im Laufe der Verwesung verändern, zeitlich einzuordnen. Ein anderer Aspekt ist die Analyse der Bodenchemie.

Denn alles, was in den Boden hineinsickert im Rahmen der Verwesung, hat enormen Einfluss auf das, was untendrunter passiert. Die Elemente verschieben sich, es bricht Panik im Erdreich aus, weil die Organismen sich nicht mehr wohlfühlen und verschwinden wollen. Dafür kommen andere hinzu, die interessant finden, was passiert. Diese Szenarien wollen wir besser analysieren und in ein zeitliches Schema pressen können.

Wie forschen Sie bislang zur Verwesung von menschlichen Körpern?

Amendt: Mit Schweinekadavern an verschiedenen Ecken in dieser Republik und immer nur sehr projektbezogen. Das alleine ist mit den Anträgen und Genehmigungen schon mühselig genug. Deswegen wäre es toll, eine feste Infrastruktur zu haben, die uns erlaubt zu sagen: Nächste Woche ist das Wetter so und so, und wir haben hier einen ganz konkreten Fall, den wir hier nachstellen wollen.

Es liegen Schweine in Deutschland rum und verwesen. Wo passiert das?

Amendt: Zum Beispiel auf einem Gelände, das den Eltern eines Polizeischülers gehört, die einen Obstbetrieb und deswegen viel Platz haben. Oder auf einem großen und eingezäunten ehemaligen Nato-Tanklager in der Nähe von Münster.

Welche Anforderungen muss ein Gelände erfüllen, um als Bodyfarm dienen zu können?

Amendt: Es müsste ein Gelände sein, das nicht zu nah an menschlichen Siedlungen dran ist. Es muss eingezäunt und damit unzugänglich sein für Leute, die da nicht hingehören. Und es wäre schön, wenn es eine gewisse Vielfalt an Lebensräumen zu bieten hätte: ein bisschen Wald, eine offene Fläche, vielleicht auch was Aquatisches, wo wir was mit Wasser machen können. Optimal wäre es, wenn wir sogar Gebäude auf dem Gelände hätten, um Szenarien nachzustellen. Und es sollte nicht kleiner als ein Hektar sein.

Woher sollen die Körper für die Bodyfarm kommen?

Amendt: Es müsste ein Körperspenderprogramm dafür existieren. Anatomische Institute bekommen für ihre Unikurse auch Spenden von Menschen, die ihren Körper zu Lebzeiten der Wissenschaft vermachen. Wir bräuchten ein ähnliches Programm.

Sie wollen auf einer Bodyfarm auch reale Fälle nachstellen. Wären die Ergebnisse auch für Gerichtsverfahren relevant?

Amendt: Natürlich. Denn wir könnten überprüfen, ob es plausibel ist, was ein Angeklagter ausgesagt hat. Wir können verschiedene Auffindesituationen nachstellen. Einen toten Körper in ein Auto setzen oder in eine Plastiktüte packen, in die Sonne legen und gucken, ob der Verwesungsprozess doch deutlich schneller abläuft, als man es gedacht hätte.

Erinnern Sie sich an einen Fall, den Sie gerne nachgestellt hätten?

Amendt: Ja, da gibt es zum Beispiel den bekannten Fall eines Kindermordes, bei dem ich Gutachter war. Es ging um die Frage, ob das Mädchen entkleidet war, als der Täter es am Auffindeort abgelegt hat – so hat es ausgesehen. Aber der Körper des Mädchens hat sechs Monate lang am Fundort gelegen.

Es war ein Kind, hatte also wenig Gewicht und war schnell skelettiert. Hinzu kam, dass auch Vögel und Insekten sich an dem Körper zu schaffen gemacht hatten. Können diese Umstände dafür gesorgt haben, dass die Kleidung so verrutscht war, dass es aussah, als habe der Täter das Kind entkleidet? Das kann eine wichtige Information sein, um das Strafmaß festzulegen.

Für Außenstehende lesen sich Ihre Worte makaber, weil sie so sachlich klingen. Wie ist es für Sie, mit toten Körpern zu arbeiten?

Amendt: Ich bin ja eigentlich Biologe und Insektenkundler. Deswegen sind die Leichen, mit denen ich zu tun habe, oft schon stark verwest. In diesen Momenten erkennt man wirklich, dass das einfach die sterbliche Hülle eines Menschen ist. Ihr fehlt etwas, das Innenleben, die Persönlichkeit. Es ist nicht mehr der Mensch selbst, der da liegt. Das macht die Arbeit oft leichter. (Laura Réthy)

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