Covid-19-Pandemie

Corona-Krise: Soll es die Grippe-Impfung für alle geben?

Merkel und Bürgermeister vereinbaren Beschränkungen für Corona-Hotspots

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Bürgermeister von elf deutschen Großstädten haben sich auf Beschränkungen für Corona-Hotspots verständigt. Dazu gehören eine Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und gegebenenfalls Sperrstunden.

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Berlin.  Die Immunisierung gegen Influenza-Viren ist im Corona-Jahr besonders wichtig. Doch wer soll sich impfen? Darüber sind Experten uneins.

Die Grippe-Saison steht vor der Tür, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr betonen Mediziner die Bedeutung der Immunisierung gegen das Influenzavirus. Was in der Vergangenheit jedoch häufig ungehört verhallte, bekommt in diesem Herbst eine große Aufmerksamkeit. Denn zum Grippevirus gesellt sich in diesem Herbst ein neues Virus: Sars-CoV-2.

Corona und Grippe, das könnte ein unheilvolles Zusammentreffen werden. Sowohl für das Gesundheitssystem als auch für die Gesundheit des Einzelnen. Allein, würde sich jeder erwachsene Deutsche gegen die saisonale Influenza immunisieren lassen, würden die zur Verfügung stehenden Impfdosen nicht ausreichen. Was also tun? Wer sollte sich wirklich impfen lassen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wegen Corona-Pandemie ist die Grippe-Impfung besonders wichtig

Tatsächlich wird die Grippeschutzimpfung nicht nur in diesem Jahr bestimmten Personengruppen empfohlen. Experten bemängeln schon lange, dass viele Menschen diese Empfehlung nicht ernst genug nehmen. So haben sich in der Influenzasaison 2016/2017 nur knapp 35 Prozent der Menschen ab 60 Jahre impfen lassen. Empfohlen ist bei älteren Menschen eine Impfquote von 75 Prozent, um eine Herdenimmunität zu erreichen.

In diesem Jahr kommt der Grippeschutzimpfung allerdings eine besondere Rolle zu. Denn sie spielt eine wichtige Rolle in der Corona-Pandemie. Zwar schützt sie nicht vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Doch sie könnte dazu beitragen, das Gesundheitssystem zu entlasten, wenn nur wenige Menschen an der saisonalen Influenza erkranken.

RKI gibt Impfempfehlungen

Die Ständige Impfkommission Stiko, die am RKI angesiedelt ist, hat Empfehlungen aufgestellt, wer sich wegen des Risikos eines schweren Influenza-Verlaufs gegen die Grippe impfen lassen sollte. Das sind zum Beispiel Menschen ab 60 Jahre, werdende Mütter ab der 14. Schwangerschaftswoche, Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz- oder Kreislaufkrankheiten oder Multiple Sklerose.

Außerdem empfiehlt die Stiko die Immunisierung der Bewohner von Pflegeheimen und Menschen, die ein erhöhtes berufliches Risiko haben, wie etwa medizinisches Personal.

Diese Empfehlungen hat die Kommission auch vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie nicht verändert. In einer Stellungnahme von Anfang August heißt es: „Da die Epidemiologie beider Erkrankungen hinsichtlich der Risikogruppen für schwere Krankheitsverläufe sehr deutliche Parallelen aufweist, ist die Stiko davon überzeugt, dass für die kommende Influenzasaison 2020/21 eine hohe Impfquote in den Risikogruppen erreicht werden muss, um neben dem individuellen Schutz auch das Gesundheitssystem zu entlasten.“

Lauterbach: „Grippeschutzimpfung wäre für alle sinnvoll“

Es gibt Experten, die in diesem Jahr eine Grippeschutzimpfung für alle empfehlen. Dazu gehört der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Professor Bernd Salzberger. Der Regensburger Infektiologe sagt: „Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte das machen.“

Dadurch werde einerseits das Hintergrundrauschen durch zusätzliche Grippepatienten in dieser Pandemie geringer. Und: „Impfen wir die Jüngeren, schützen wir auch die Älteren, weil sie die Grippeviren nicht weitergeben.“ Salzberger empfiehlt, anders als die Stiko, auch älteren Kindern und jungen Erwachsenen die Grippeschutzimpfung. „Übrigens nicht nur in diesem Jahr, sondern grundsätzlich.“

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach findet, jeder sollte sich impfen lassen: „Grippeschutzimpfung wäre für alle sinnvoll. Natürlich sollten sie insbesondere Risikogruppen nutzen. Aber auch andere geben eine Infektion weiter, sind oft lange krank“, schrieb Lauterbach auf Twitter.

Die Ständige Impfkommission rät nicht explizit von einer Impfung jüngerer Menschen ab. Sie betont jedoch, dass die verfügbaren Impfstoffdosen nicht ausreichen, um die gesamte Bevölkerung zu immunisieren. Daher sollte der Fokus auf den Risikogruppen liegen.

Bund unterstützt Corona-Impfstoffentwicklung mit Millionenprogramm
Bund unterstützt Corona-Impfstoffentwicklung mit Millionenprogramm

Genug Impfstoff für Alle ist noch nicht vorhanden

Laut dem für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) stehen in diesem Jahr 20 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Ende September kündigte das Bundesgesundheitsministerium an, zusätzliche sechs Millionen Dosen zu bestellen.

Obwohl das deutlich mehr Impfstoffdosen sind, als in den vergangenen Jahren gebraucht wurden, benötige man allein für die Umsetzung der bestehenden Empfehlungen laut Stiko 40 Millionen Dosen. Sie befürchtet bei einer Ausweitung der Impfempfehlungen auf die gesamte Bevölkerung eine Unterversorgung der Risikogruppen.

Diese Zahlen würden jedoch voraussetzen, dass sich auch wirklich jeder gegen die Grippe impfen lassen möchte. Das ist in der Realität nicht der Fall, wenn man einer repräsentativen Forsa-Umfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände aus dem August glauben darf. Demnach planen 45 Prozent der Risikopatienten in diesem Jahr keine Grippeschutzimpfung. Unter allen erwachsenen Bundesbürgern wollen sich laut der Umfrage nur 38 Prozent immunisieren lassen.

„Niemand weiß, wie viele Menschen sich in dieser Saison impfen lassen“, sagt Infektiologe Salzberger und empfiehlt deswegen Menschen aus Risikogruppen, frühzeitig mit ihrem Arzt über die Impfung zu sprechen.

„Wenn es derzeit hier und da zu Lieferengpässen kommt, rate ich dazu, in einigen Wochen noch einmal beim Arzt oder in der Apotheke nachzufragen“, sagt Ursula Sellerberg, stellvertretende Sprecherin der Bundesapothekerkammer. Auch bei einer Impfung im Lauf der nächsten Wochen werde rechtzeitig ein Impfschutz aufgebaut.

Impfung: Diese Krankenkassen übernehmen die Kosten

Viele, aber längst nicht alle Krankenkassen übernehmen für alle ihre Versicherten die Kosten für die Grippeschutzimpfung. Die großen Kassen TK, AOK, DAK oder Barmer zum Beispiel kommen für die Kosten auf. Einige andere zahlen nur für Versicherte, die unter die Stiko-Empfehlungen fallen. Auch einige Arbeitgeber bieten ihren Mitarbeitern eine kostenfreie Immunisierung an.

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