Künstlerin

Blinde Youtuberin „Ypsilon“ will Sehenden die Augen öffnen

Seit rund zwei Jahren veröffentlicht Fabiana unter ihrem Künstlernamen „Ypsilon“ selbst gedrehte Videos auf Youtube.

Seit rund zwei Jahren veröffentlicht Fabiana unter ihrem Künstlernamen „Ypsilon“ selbst gedrehte Videos auf Youtube.

Foto: Privat

Essen  Die fast blinde Fabiana erklärt in selbst gedrehten Youtube-Videos, wie sie ihren Alltag meistert. Sie will mit Vorurteilen aufräumen.

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Fabiana ist eine leidenschaftliche Youtuberin. Seit rund zwei Jahren veröffentlicht die Kölnerin unter ihrem Künstlernamen „Ypsilon“ selbst gedrehte Videos. Eigentlich nicht ungewöhnlich für eine 24-Jährige. Einen großen Unterschied gibt es aber zu anderen Youtubern: Fabiana kann selbst nicht sehen, was sie ins Internet stellt.

Seit ihrer Geburt hat sie eine fortschreitende Netzhauterkrankung. Heute verfügt sie nur noch über etwa ein Prozent Sehkraft. Bei Dunkelheit ist sie blind, nur bei hellen Lichtverhältnissen kann sie Kon­traste und teilweise Farben wahrnehmen.

Doch davon lässt sich die Hobbyfilmerin nicht abhalten. Im Gegenteil: Sie nutzt ganz bewusst ein visuelles Medium, das für Sehende geschaffen wurde, um anderen die Welt der Blinden vorzustellen.

„Im Alltag wurden mir immer wieder dieselben Fragen gestellt. Ich musste ständig dasselbe erklären und habe erkannt, dass viele Vorurteile in den Köpfen existieren. Ich wollte viele Menschen erreichen, um die vielen Fragen zu beantworten und so Aufklärungsarbeit zu leisten“, beschreibt Fabiana, die aus Soest stammt und ihren Nachnamen geheim halten möchte, die Motivation für ihren Youtubekanal.

YT Ypsilon

Beim Schneiden verlässt sie sich auf ihre Intuition

So nahm sie ihr Smartphone in die Hand und filmte einfach drauflos. Nach ein paar Übungsversuchen stellte sie ihr erstes Werk ins Netz. Bis heute sind mehr als 30 Videos entstanden.

Darin erklärt sie, wie sie Geldscheine ertastet, sich in einer fremden Stadt zurechtfindet oder mit Blindenhunden auf Seminaren trainiert. „Meine Videos zeigen gewöhnliche Situationen, die ich täglich handhaben muss. Ich versuche immer, mich im Leben nicht einschränken zu lassen, und möchte anderen zeigen, was alles möglich ist. Dazu gehört auch mal eine Reise oder alleine einkaufen zu gehen“, sagt sie.

Filmen, schneiden, hochladen – alles macht Fabiana dank technischer Hilfsmittel selbst. Sie nutzt spezielle Software und einen sogenannten Screenreader. Mit ihrem Finger fährt sie über das Handy und eine Computerstimme liest ihr den Text vor, der auf dem Bildschirm erscheint.

Beim Schneiden verlässt sie sich auf ihre Intuition und lässt sich von Stimmen der Protagonisten leiten. Wenn sie fertig ist, lässt sie das Video von Freunden oder Bekannten überprüfen.

11.000 Internetnutzer haben ihren Youtube-Kanal abonniert

Anfangs blieben Pannen nicht aus. So drehte sie mal ein Video auf dem Kopf oder nahm einen Schrank statt sich selbst auf. Über ihre Missgeschicke kann sie lachen – genauso wie sie sich über kuriose Fragen von Sehenden amüsiert.

„Hilft dir keine Brille?“ Dies sei eine der am häufigsten gestellten Fragen. „Brille? Brauch ich nicht, ich habe ja meinen Blindenstock!“, antwortet sie dann routiniert.

Mittlerweile haben mehr als 11.000 Internetnutzer ihren Youtube-Kanal abonniert – Sehende, aber auch andere Betroffene. Die wenigen deutschen Youtuber mit Behinderung pflegen laut „Ypsilon“ ein gutes Verhältnis und tauschen sich aus.

Mit der sehbehinderten Make-up-Expertin Tina Sohrab, die den Kanal „Blind and Beauty“ betreibt, hat Fabiana ein Video gedreht, um zu erklären, wie sich Blinde schminken.

Youtube-Stars als Inspirationsquelle

Der internationale Star der Szene ist Molly Burke. Die blinde Kanadierin hat mehr als 1,7 Millionen Abonnenten. „Sie inspiriert mich hin und wieder“, sagt Fabiana. Genauso gerne sehe sie sich aber Videos von sehenden Youtube-Stars an, um sich neue Kniffe abzuschauen.

Fabiana spricht ganz bewusst von „sehen“ und „schauen“, sie will die gleichen Wörter wie alle anderen benutzen, sich nicht abgrenzen und vor allem: kein Mitleid.

Bis vor Kurzem hat sie Erziehungswissenschaften in Köln studiert. Nebenbei ließ sich zum Lebenscoach ausbilden und begleitete Menschen in Lebenskrisen. Mittlerweile kann sie sich vorstellen, ihren Kanal hauptberuflich zu betreiben. „Er nimmt schon jetzt einen großen Teil meines Lebens ein. Ich weiß aber auch, wie schwer es ist, auf diese Weise Geld zu verdienen“, sagt sie.

Wichtiger als die Abozahl ist ihr die Botschaft. Sie wolle Sehenenden die Augen öffnen, dafür sorgen, dass sie ihre Welt verstehen, betont sie. Das sagt sie auch aus eigenem Interesse. Denn schließlich sei es auf Dauer langweilig, ständig die gleichen Fragen zu beantworten.

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