Wintersport

Freiheit auf eigene Gefahr beim Freeriden in Engelberg

Engelberg, das Eldorado für Freerider.

Engelberg, das Eldorado für Freerider.

Foto: Geir Pettersen / Getty Images

Engelberg  Engelberg in der Schweiz ist das Mekka für freiheitsliebende Skifahrer. Doch wer abseits der Piste unterwegs ist, sollte gut fahren.

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Der Schweizer Freeride-Pionier Geny Hess ist ein Geschichtenerzähler. Eines seiner Erlebnisse, von dem er gerne bei einem guten Glas Wein berichtet, geht so: Hess besaß in den 80er-Jahren ein Hotel in Engelberg. Seinen Gästen bot er nicht nur ein Dach über dem Kopf – tagsüber fuhr er mit den Ski-Touristen hoch auf den Berg. Dort zeigte er ihnen die besten Abfahrten abseits der Piste. Regelmäßig rauschte er so mit Gruppen durch den unberührten Tiefschnee.

Das gefiel nicht jedem im Ort. Mitunter geriet Hess deswegen ­sogar mit dem Chef der Seilbahn aneinander. „Der Direktor hat mich gescholten“, sagt Hess. Schließlich sollten die Touristen auf den markierten Abfahrten bleiben. Vor allem mögliche Lawinenabgänge machten den Engelbergern Sorgen. Das ist noch heute so.

Doch mittlerweile ist es ein anderes Engelberg. Der Schweizer Ski-Ort, gut eine halbe Autostunde von Luzern entfernt, ist zum Eldorado geworden für Freerider, die den Kick abseits der Piste suchen. Manche sagen, er sei für Skifahrer, was Hawaii für Windsurfer ist.

Rund 30 Prozent der Ski-Touristen, die jedes Jahr anreisen, seien Freerider, sagt Nadia Sommer, zuständig für die Vermarktung der Destination. Vor allem die Hänge um den rund 3200 Meter hohen Berg Titlis locken Skifahrer, dem Ruf der Freiheit zu folgen.

Engelberg stellt die Vorzüge der Naturhang-Abfahrten auch gerne in Hochglanz-Kampagnen zur Schau. Auf Fotos und Videos glänzt Neuschnee in der Sonne, Freerider ziehen ihre Spuren auf der Schneedecke und schlängeln sich an bewaldeten Hängen hinunter ins Tal.

Jeder Hang mit einem Gefälle von 30 Prozent birgt Lawinengefahr

Geny Hess war wohl der erste Engelberger, der erkannte, dass das ausgiebige Skifahren auf unberührten Hängen für den Ort ein Alleinstellungsmerkmal sein könnte. Heute sagt er: „Wir brauchen gar nicht viel zu promoten. Die Freerider kommen, weil es so einmalig gut ist.“ Doch Hess kennt die Risiken. Schon dreimal war er selbst in einer Lawine.

Bergführer Thomas Odermatt lebt ein Stück weit auch von den Gefahren, die abseits der Piste auf die Skifahrer warten können. Viele Touristen buchen Odermatt für eine Skitour. Dann zeigt er ihnen die Hänge rund um den Titlis oder fährt auf der anderen Bergseite in das Brunni-Gebiet – noch so ein Freerider-Hot-Spot in Engelberg.

Der 55 Jahre alte Odermatt kennt das Revier seit 30 Jahren. Und selbst wenn er mal nicht in den Schweizer Alpen unterwegs ist, ­lassen ihn die Berge nicht los. Regelmäßig erkundet er mit Touristen Hänge im Himalaya, auch im Kaukasus war Odermatt schon als Bergführer tätig. Seine Ratschläge sind hier kein Schnäppchen. Für rund 650 Schweizer Franken am Tag zeigt er die besten Hänge und weist dabei auch auf die Gefahren hin.

Jeder Hang mit einem Gefälle von 30 Prozent oder mehr berge das Risiko eines Lawinenabgangs, so Odermatt. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, sagt er. Vor allem der technische Fortschritt hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, die Sicherheit für die freiheitsliebenden Skifahrer zu erhöhen. Für jeden Freerider gehört heute ein Rucksack mit Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Sondierstange und Schaufel zur Standardausrüstung.

Mitunter fahren die Freerider auch mit einem Airbag ins Gelände. Das Luftkissen soll den Skifahrer bei einem Lawinenabgang an der Oberfläche halten. Vor allem den Rettern vereinfacht das die Arbeit erheblich.Im Ort versammeln sich jeden Winter Freerider aus aller Welt

Natürlich hat der technische Fortschritt auch seine Schattenseiten. Weil auch die Skier einen Entwicklungssprung gemacht haben, trauen sich auch immer mehr ungeübtere Skifahrer die Fahrt im Gelände zu. Früher, auch zu der Zeit, als Geny Hess noch die Hänge seiner Heimat erkundete, waren die Bretter vor ­allem lang, schmal und wenig drehfreudig.

Heute sind die Skier tailliert, breit, etwas kürzer. „Man muss nicht mehr so gut sein. Das ist auch ein Problem. Es ­gehen Leute neben die Piste, die das eigentlich gar nicht können“, beklagt Odermatt. Skifahrern, die sich selbst überschätzen, zeigt er deswegen auch gern mal den Weg zur Skischule.

Der gemeine Engelberg-Besucher lässt sich davon kaum abhalten. Im Ort versammeln sich jeden Winter die Freerider aus aller Welt. Vor allem in der ­urigen Alpen-Lodge kommt die Szene zusammen, tauscht sich bei Bier und Glögg über die besten Skirouten und Hänge aus. Vielleicht ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die Freerider immer wieder nach Engelberg zieht – und die Locations.

Schwedische Geschäftsleute haben vor mehr als zehn Jahren Engelberg entdeckt und renovierten zunächst die Alpenlodge, die heute mit schwedischem Flair zum Après-Ski einlädt. Mittlerweile gehören den Schweden zwei weitere Hotels im Ort, die vor allem bei jungem Publikum beliebt sind.

Abseits der Hochsaison ist das 4000 Einwohner zählende Dorf noch immer etwas verschlafen. Die Gemeinde arbeitet aber daran, das zu verändern. Mitten im Ort entsteht gerade Engelbergs erstes Fünf-Sterne-Hotel. Ein chinesischer Investor will dem beschaulichen Zentrum damit neues Leben einhauchen.

Erst Hotelier, nun Weinhändler

Das Haus soll zur Wintersaison in zwei Jahren fertig sein und vor allem zahlungskräftige chinesische Touristen nach Engelberg locken. Die reisefreudige Mittelschicht aus dem Reich der Mitte findet zwar schon heute den Weg bis ­hinauf auf den Titlis. Doch nach ein paar Stunden oben auf dem Berg und in den dor­tigen Shops sind die eben eingefallenen Chinesen in der Regel auch schon wieder weg.

Neben den Touristikern wittert auch Bergführer Thomas Odermatt neue Geschäfte, wenn die Chinesen erst mal über Nacht in Engelberg bleiben. Eigentlich müsste man dann auch zehn chinesische Skilehrer nach Engelberg holen, scherzt der Bergführer. Die Sprachbarriere könnte vielleicht die größte Hürde sein, den neuen Gästen das Skifahren auf den Tiefschneehängen zu erklären.

Freeride-Pionier Geny Hess hat sich unterdessen einer neuen Leidenschaft zugewandt. Nachdem Hess seine Kar­riere als Hotelier aufgegeben hatte, baute er einen Weinhandel auf. Mittlerweile sorgt der Weinexperte für Flaschennachschub in zahlreichen Schweizer Restaurants. Mehr als 580 unterschied­liche Weine führt er, 80 Prozent davon kommen von Winzern aus der Schweiz. „Skifahren ist Genuss, Wein ist Genuss“, sagt er.

Grundsätzlich empfehle er nur Weine, die ihm auch selbst schmeckten, sagt Geny Hess. Schon immer habe er sich im Umgang mit seinen Kunden an diesen Grundsatz gehalten. Nur einmal sei er daran gescheitert, gibt er zu, als er in seinem Hotel Coca-Cola abschaffen wollte. Gäste und Personal protestierten. „Na gut“, habe Hess dann gesagt, „aber ohne mich.“ Die Brause ließ er von da an unberührt.

Tipps & Informationen

Flüge von Berlin bis Zürich bieten Lufthansa, Swiss und Easyjet nonstop. Dann geht es weiter mit dem Mietwagen oder öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mit der Bahn geht es ab Berlin mit einem Umstieg in Basel oder zweien in München oder Wörgl bis nach Luzern, von dort aus weiter bis nach Engelberg.

Mit dem Auto fährt man von Deutschland aus am Bodensee vorbei und dann über die schweizerischen Autobahnen 3, 4a, 14 und 2 bis nach Engelberg. Achtung: In der Schweiz ist für die Autobahnen eine Vignette erforderlich.

In Engelberg gibt es zahlreiche Hotels, zum Beispiel das Hotel Belmont, DZ ab 153 Euro, Dorfstraße 54, Tel. 0041/41/ 637 24 23, www.belmont-engelberg.ch oder die Ski Lodge Engelberg, DZ ab 138 Euro, Erlenweg 36, Tel. 0041/41/637 35 00, www.skilodgeengelberg.com/de. Teilweise gibt es auch Angebote, in denen der Skipass für die Dauer der Übernachtung bereits enthalten ist.

Mehr Auskunft gibt es bei Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Schweiz Tourismus.)

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