Gesundheit

Gehirnerschütterung – so groß ist die unterschätzte Gefahr

Der Fußball-Nationalspieler Christoph Kramer erlitt im WM-Finale 2014 eine Gehirnerschütterung. An das Spiel kann er sich noch heute kaum noch erinnern.

Der Fußball-Nationalspieler Christoph Kramer erlitt im WM-Finale 2014 eine Gehirnerschütterung. An das Spiel kann er sich noch heute kaum noch erinnern.

Foto: dpa Picture-Alliance / Francois Xavier Marit / picture alliance / AP Photo

H amburg  Gehirnerschütterungen werden oft zu sehr verharmlost. Besonders im Profifußball wird zu sorglos mit dieser Verletzung umgegangen.

Es gab sie auch in der abgelaufenen Saison wieder zu häufig, diese Bilder, die Andreas Gonschorek ungläubig und verärgert zurücklassen. Wie zum Beispiel das des früheren HSV-Torhüters Christian Mathenia, der in der Fußballbundesliga-Partie zwischen seinem Arbeitgeber 1. FC Nürnberg und Werder Bremen Anfang Februar durchspielen musste, obwohl er nach einem schweren Zusammenprall mit einem Gegenspieler kurz bewusstlos gewesen war.

Oder das von Markus Lackner, Profi von Österreichs Erstligaklub Sturm Graz, der in der Partie gegen Rapid Wien trotz einer Gehirnerschütterung ebenfalls bis zum Ende auf dem Feld blieb.

Oft wird zu sorglos mit Gehirnerschütterungen umgegangen

Nur zwei Beispiele, die laut Gonschorek belegen, wie sorglos im Profifußball noch immer mit der Gefahr von Gehirnerschütterungen umgegangen wird. Doch weil sich Gonschorek, Chefarzt des Neurotraumatologischen Zen­trums am BG-Klinikum Hamburg in Boberg, an derlei Bilder nicht gewöhnen will, hat er sich dem Kampf gegen die Sorglosigkeit verschrieben.

An diesem Sonnabend (9 bis 15 Uhr, Info und Anmeldung unter gsnp.eu) ist der 51-Jährige Tagungspräsident eines hochrangig besetzten Kongresses, zu dem die Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie (GSNP) ins Haus des Sports (Schäferkampsallee) einlädt.

Zum Thema „Concussion Management“, also dem Umgang mit Gehirnerschütterungen, referieren mit Donna Broshek von der Universität von Virginia und Jeffrey Kutcher, Leiter des Concussion Programs der nordamerikanischen Basketball-Topliga NBA, zwei der renommiertesten US-Experten auf dem Gebiet der Neuropsychologie und Neurologie.

USA ist beim Umgang mit Gehirnerschütterungen weiter

Wie groß der Vorsprung der Nordamerikaner im Management von sportbedingten Gehirnerschütterungen ist, verdeutlicht Gonschorek an zwei Beispielen. Nachdem in der National Football League (NFL) mehr als 4000 Athleten in einer Sammelklage wegen der Spätfolgen von Gehirnerschütterungen – bekannt geworden als Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) – mehr als 700 Millionen Dollar Schadenersatz erstritten hatten, ist bei jeder NFL-Partie mittlerweile ein Neurologe vor Ort.

Spieler, bei denen die Gefahr einer Gehirnerschütterung besteht, werden von neutralen Ärzten vom Feld geholt und vorsorglich gesperrt. Außerdem gebe es an jeder US-Schule ein Notfallsystem, das im Fall einer Gehirnerschütterung genaue Vorgaben mache.

„Man muss feststellen, dass die USA uns hier noch immer mindestens zehn Jahre voraus sind, und das ist angesichts der Wichtigkeit dieses Themas nicht zu verstehen“, sagt Gonschorek.

Verletzungen oft ohne Neurologen behandelt

Tatsächlich finden sich wissenschaftliche Hinweise, dass Gehirnerschütterungen das Risiko für spätere Erkrankungen an Parkinson, Demenz oder Depressionen erhöhen. „Das Bewusstsein dafür ist zunehmend auch in Deutschland vorhanden. Nur wird leider noch nicht ausreichend danach gehandelt“, sagt der Neurologe.

Vorbildlich seien hierzulande Sportarten wie Football oder Eishockey, in denen viele Nordamerikaner engagiert sind. „Dort ist das Wissen um die Gefahren einer Gehirnerschütterung deutlich höher“, sagt Gonschorek. Tatsächlich treten Verletzungen des Kopfes in diesen Sportarten auch deutlich häufiger auf als im Fußball. „In Fußballteams gibt es im Schnitt ein bis zwei Gehirnerschütterungen pro Saison. Im Eishockey sind es vier bis fünf, im Football sechs bis sieben.“ Dennoch rechtfertige ein geringeres Aufkommen keinesfalls einen laxeren Umgang.

Was Gonschorek besonders aufstößt, ist der Fakt, dass Schädel-Hirn-Verletzungen in Deutschland zu 80 Prozent durch Chirurgen oder Orthopäden behandelt werden, ohne einen Neurologen zurate zu ziehen. „Das ist sicherlich nicht zielführend.“

Tests sollen Leistungswerte ermittelt

Außerdem könne er nicht verstehen, dass bei Transfers in der Fußballbundesliga die Sporttauglichkeitsuntersuchungen keinen Gehirncheck umfassen. „Es wäre für die behandelnden Teamärzte wichtig, zu wissen, welche Historie an Hirnverletzungen ein Spieler mitbringt, damit sie im Fall einer erneuten Gehirnerschütterung angemessen reagieren können. Man würde einen Ferrari doch auch nicht mit einem defekten Bordcomputer auf die Rennpiste schicken“, sagt er.

Zwar könne man einem Gehirn nicht ansehen, wie häufig es bereits erschüttert wurde. Ebenso sei die Grenze der Belastbarkeit individuell. Aber die kognitive Leistungsfähigkeit eines gesunden Athleten zu kennen helfe, im Fall eines Schädel-Hirn-Traumas mögliche Abweichungen von der Norm erkennen zu können.

Dazu führen Gonschorek und sein Team in Boberg, das 2018 das erste von mittlerweile vier zertifizierten Concussion-Centern in Deutschland war, sogenannte neuropsychologische Baseline-Untersuchungen durch. Mittels dieser Leistungstests, die im Optimalfall vor Saisonbeginn einmal jährlich durchgeführt werden sollten, werden die Leistungswerte ermittelt, die im Bedarfsfall mögliche Folgen von Gehirnerschütterungen deutlich und so besser bekämpfbar machen können.

Ein Boxer wird nach einem Knock-out für Monate gesperrt


Parallel arbeiten die Experten weiter an verbindlichen Schnelltests, die Sportmedizinern am Spielfeldrand eine sichere Diagnose liefern können. „Das Problem bei einer Gehirnerschütterung ist, dass der Betroffene deren Folgen manchmal erst Stunden später wahrnimmt“, sagt er.

Die auf das Gehirn einwirkenden Kräfte wie schnelle Drehbewegungen oder Stöße führten in einer metabolischen Kaskade zu einer Reihe von unterschiedlichen Symptomen, die manche Athleten zunächst kaum wahrnähmen. „Deshalb darf auch niemals der Spieler selber entscheiden, ob er weiterspielen kann.“

Das Problem bei Hirnverletzungen sei, dass sie von außen nicht sichtbar sind. „Alles, was mit dem Kopf zu tun hat, wird oft verdrängt. Was man nicht sieht, ist auch nicht da.“ Dazu käme der Druck, besonders in höheren Ligen, in denen viel Geld im Spiel ist, so schnell wie möglich wieder spielfähig zu sein.

„Das ist bei einer Hirnverletzung fatal, und deshalb brauchen wir Standards, die den Umgang damit festlegen“, sagt Gonschorek, der diesen Umgang im Boxsport als vorbildlich lobt. „Die Boxer sind sehr sensibel mit dem Thema, sperren Betroffene schon bei Verdacht auf Gehirnerschütterung nach einem Knock-out mindestens für 90 Tage.“

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