Psychischer Missbrauch

Gewaltfreie Erziehung: So machen es Eltern richtig

Jährlich werden tausende Kinder in Deutschland misshandelt – nicht nur körperlich.

Jährlich werden tausende Kinder in Deutschland misshandelt – nicht nur körperlich.

Foto: istock / iStock

Berlin  Viele Eltern wissen nicht, dass Schreien oder Ignoranz schwere seelische Schäden bei Kindern anrichten können. Wie macht man es besser?

Paragraf 1631 des Bürgerliches Gesetzbuchs beschreibt ein Recht, das in Deutschland regelmäßig gebrochen wird. Sein Wortlaut: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.“ Im vergangenen Jahr gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik knapp 4130 regis­trierte Fälle von misshandelten Kindern.

Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Das Besondere: Gewalt zieht sich durch Familien aller Bildungs- und Einkommensstrukturen – häufig als Folge von Überforderung. Und: Um einem Kind wehzutun, muss man es nicht schlagen oder anderweitig körperlich misshandeln. Häufig erfahren Kinder Gewalt in sehr subtiler Weise – in Form von psychischer Gewalt.

Psychische Gewalt zählt zu den häufigsten Formen von Gewalt an Kindern

„Zum Glück hat sich in der Gesellschaft aber mittlerweile einiges getan“, so Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Frankfurt. Bis vor etwa 60 Jahren seien Kinder in der Schule noch geschlagen worden. „Heute haben schon viele verstanden, dass diese Praxis den Kindern schwer schaden kann.“

Die psychische Gewalt zählt laut den Experten zu den häufigsten Formen von Gewalt an Kindern. „Ich gehe davon aus, dass alle Eltern gewalttätig sind“, sagt Tassilo Peters bewusst provokant. Für den Sozialpädagogen und Trainer für Gewaltfreie Kommunikation (GfK) ist Gewalt jede Form von Bestrafung – auch in Form von verbalen Aussagen – auf Basis der eigenen Bewertungen und jeder Versuch, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse von anderen.

Diese Gewalt-Definition basiert auf den Grundlagen der GfK, eines Handlungskonzepts, das sich Anfang der 1960er-Jahre durch Marshall M. Rosenberg zu entwickeln begann. Es beruht auf der Grundsatzeinstellung „Jeder ist okay, wie er ist“ und soll insbesondere Eltern ermöglichen, mit ihren Kindern respekt- und liebevoll umzugehen und eine Beziehung der gegenseitigen Wertschätzung zu ermöglichen.

Missbrauch:

Negative Haltung führt zu Depressionen oder aggressivem Verhalten

Das Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation findet Kinder- und Jugendpsychiaterin Freitag richtig und sinnvoll, genau wie den Ansatz des englischen The-Incredible-Years-Programms, welches epidemiologisch bereits gut untersucht sei. „Es geht dabei immer um die positive Grundeinstellung den Kindern gegenüber“, so Freitag. Man könne sich auch durchsetzen und Grenzen aufzeigen, ohne die Kinder abzuwerten.

Eine permanente negative Haltung dem Kind gegenüber führt laut Freitag dagegen gehäuft zu

oder aggressivem Verhalten des Kindes. Betroffenen falle es später zudem schwer, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. Wenn laut, bedrohlich und häufig geschrien werde, könne das bei einigen Kindern sogar eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen – genau wie bei körperlicher Gewalt.

Was man über Depressionen wissen muss
Was man über Depressionen wissen muss

Trotz dieser Auswirkungen sind sich viele Menschen der Macht ihrer Worte kaum bewusst. „In Wortwahl und Tonfall, in dem, was wir täglich von Kindern erwarten“, so GfK-Trainer Peters, „gibt es sehr viel Rücksichtslosigkeit an allen Ecken von Pädagogen, von Eltern, letztlich von allen.“ Kinder würden oft schlicht nicht als gleichwertiger Teil der Gesellschaft behandelt.

Empathie und gute Kommunikation sind wichtig

Zwar müssen Kinder heute nicht mehr so stark „funktionieren“ wie früher. Das zeigen die Daten der aktuellen Shell-Jugendstudie. Oft werde aber erwartet, dass Anweisungen und Bitten ohne großen Widerstand erfüllt werden, so Peters, selbst Vater dreier Kinder. Ein Nein werde ungern akzeptiert.

Würden Eltern oder Erzieher in solchen Situationen empathisch nachfragen und zu verstehen versuchen, warum das Kind etwas gerade nicht wolle, so senke das langfristig das Konfliktpotenzial, erklärt der GfK-Experte. „Allein, dass ich bereit bin, dem Kind zuzuhören und seine Bedürfnisse zu berücksichtigen, erhöht die Kooperationsbereitschaft enorm.“ Wichtig sei es, am Ende einen Konsens zu finden, der für alle okay ist.

„Single Mom“-Kolumne:

Kindern erst mal signalisieren, dass man reden will

„Hinzu kommt, dass viele Eltern reden, ohne ‚angerufen‘ zu haben“, beschreibt Peters die Kommunikationshürden bildlich. Es werde einfach aus einem anderen Raum gerufen oder mitten im konzentrierten Spiel gestört. „Normalerweise wartet man auf ein Freizeichen, wählt – und sagt der andere ‚Hallo‘, beginnt man zu sprechen.“

Diesem Beispiel solle man auch bei Kindern folgen: Erst einmal zum Kind gehen, Augenkontakt aufnehmen und ihm sagen, dass man etwas besprechen möchte. „Und dann sollten natürlich nicht nur Forderungen kommen.“

Ruhig bleiben und nicht gestresst sein

Zudem hätten Kinder laut Peters einen „Kinder-Gut-Tu-Filter“. Wenn man beispielsweise gestresst sagt „Ich möchte, dass du dir jetzt sofort die Schuhe anziehst“, dann erreiche das das Kind oft gar nicht. Besser sei es, dem Kind einfach ruhig zu sagen, dass es heute wichtig sei, sich zu beeilen und dass man seine Unterstützung brauche. „Kinder wollen helfen, nicht funktionieren“, sagt Peters.

Komme es trotz aller positiven Ansätze doch zum Streit oder Eltern werden einmal laut, sei dies kein Drama, so die Experten. „Irgendwann liegen bei jedem einmal die Nerven blank“, beruhigt Freitag. Ein Ausrutscher schade dem Kind noch nicht. „Psychisch stabile, gesunde Eltern machen vieles intuitiv richtig und haben oft unnötig das Gefühl, sie machen alles falsch.“

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Situation im Nachhinein dem Kind erklären

Wichtig ist es laut den Experten jedoch, die Situationen mit dem Kind im Nachhinein zu klären – ohne es dabei verantwortlich zu machen. „Man sagt ‚Es war nicht okay, was ich gemacht habe‘ – Punkt“, so Peters. Ein Nachsatz à la „Hättest du nicht, dann hätte ich nicht“ sei kontraproduktiv. „Man kann das Kind lieber fragen, ob es nicht eine Idee hat, was man hätte besser machen können.“

Das stelle wieder eine Verbindung her. Freitag betont: „Wenn das Kind geliebt wird und das auch spürt, dann ist es nicht so schlimm, wenn mal gemeckert wird.“ Sei die Grundhaltung aber negativ, beispielsweise wenn einem das Kind auf die Nerven gehe oder man das Gefühl habe, es mache einem das Leben schwer, dann habe ein Anschreien auch viel schlimmere Auswirkungen.

Lautstärke ist einer der größten Stressfaktoren


Ist die Eltern-Kind-Beziehung grundsätzlich entspannt, aber das Nervengerüst wird doch einmal dünn, haben die Experten einfache Tipps, um die Situation zu entspannen, bevor es eskaliert: „Wenn es möglich ist, sollten Eltern kurz den Raum verlassen und tief durchatmen“, rät Freitag. „Manchmal hilft es auch, das Kind einfach in den Arm zu nehmen.“

Für Peters ist einer der Hauptstressfaktoren für Eltern die Lautstärke der Kinder. Dies kann ein vermeintlich grundloses Weinen oder Bocken sein, ausgelöst durch eine Lappalie. „Oft tragen Kinder Erlebnisse oder unverarbeitete Konflikte mit sich herum“, erklärt Peters, „und plötzlich gibt es ein Ventil und das Kind fängt an zu weinen.“

Für solche Fälle habe er überall im Haus Ohrstöpsel liegen. „Wenn es mir mal zu laut ist, mache ich sie einfach rein“, so der Familienvater und GfK-Trainer. „Ich höre noch, was das Kind sagt, aber bin weniger angespannt und kann ganz liebevoll für das Kind da sein.“

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