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Handwerkerrechnung zu hoch? So schützen Sie sich vor Abzocke

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Berlin.   Fahrkosten, Pauschale, Stundensatz: Immer wieder erleben Verbraucher bei Handwerkerrechnungen böse Überraschungen. Das sind die Tricks.

Der Auftrag war überschaubar: Der Elektriker sollte eine Steckdose an die Wand schrauben und sie mit sieben Meter Kabel an einer vorhandenen Steckdose im selben Raum anschließen. Der Kunde hatte gute Erfahrungen mit dem Handwerker gemacht. Er nahm deshalb in Kauf, fünf Wochen auf den Termin zu warten.

Auch den geschätzten Gesamtkosten von 200 Euro stimmte er in dem Telefonat zähneknirschend zu. Selbst wollte er nicht an der Elektrik herumfummeln.

Detailliertes schriftliches Angebot und Kostenvorschläge

Am vereinbarten Donnerstag um 8.30 Uhr stand kein Handwerker vor der Tür. Der kam um 9.00 Uhr, montierte die Steckdose, verlegte das Kabel und trank noch einen Kaffee. Nach exakt einer Stunde fiel die Wohnungstür wieder ins Schloss.

Zwei Tage später lag die Rechnung über 239,90 Euro im Briefkasten. Die aufgeführte Arbeitszeit betrug 2,5 Stunden. Dazu kam eine Pauschale für die „Kfz-Bereitstellung“ von 31 Euro. Die Steckdose war fast dreimal so teuer wie im Baumarkt. Wie konnte das passieren? Welche Regeln gelten für so eine Rechnung?

„Streit um Handwerkerrechnungen ist ein Dauerbrenner“, sagt Carolin Semmler, Rechtsexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW. Auch wenn die meisten Handwerker korrekt arbeiteten: „Unsere Beratungsstellen haben regelmäßig damit zu tun.“

Semmler rät Verbrauchern, sich für jeden Auftrag vom Handwerker ein detailliertes schriftliches Angebot geben zu lassen. „Empfehlenswert ist es, sich vorab Kostenvoranschläge von verschiedenen Unternehmen einzuholen und die Preise zu vergleichen.“

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Die Handwerkerkammern fühlen sich für Fragen der Verbraucher nicht zuständig

Das Problem am Verhältnis zwischen Handwerkern und Verbrauchern ist: Es gibt keine klaren Regeln dafür, welche Leistungen wie abgerechnet werden können. Nirgends ist eindeutig geregelt, wie sich die Arbeitszeit berechnet. Völlig unklar ist, welche Fahrtkosten ein Handwerker ansetzen kann und ob er sie ausweisen muss.

Kann er An- und Abfahrt auf die Rechnung setzen? Welche Stundensätze gelten für die Zeit, die er im Auto sitzt? Wie hoch dürfen Kfz-Pauschalen sein? Die Antwort auf diese Fragen: Es gibt keine.

Die Handwerkskammern fühlen sich dabei nicht zuständig. „Die Handwerkskammer vertritt die Interessen von Handwerksbetrieben und deren Angestellten“, lautet die lapidare Auskunft etwa in Berlin. Für Fragen der Verbraucher sei man nicht verantwortlich.

Handwerkskammer erklärt Verhalten schlicht mit Marktwirtschaft

„Wir leben in der Marktwirtschaft“, antwortet die Sprecherin der Handwerkskammer Hamburg. Ein Handwerker sei ein selbstständiger Unternehmer. Er könne seine Preise kalkulieren, wie er will. Ende der Durchsage.

Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht. Denn auch für Handwerker gelten die Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). „Rechtlich handelt es sich bei der Tätigkeit eines Handwerkers um einen Werkvertrag“, sagt Josephine Frindte, Rechtsberaterin der Verbraucherzentrale Berlin.

Maßgeblich dafür seien die allgemeinen Regelungen im BGB. Darin ist nicht nur festgelegt, dass sich der Stundenlohn an der ortsüblichen Höhe orientieren muss. Im Verhältnis zwischen Unternehmen und Privatkunden gelten vor allem sogenannte verbraucherrechtliche Informationspflichten. Diese Pflichten, die seit 2014 gelten, sehen unter anderem vor, dass Unternehmer – und damit auch Handwerker – ihren Kunden nicht nur ihren Namen und ihre Anschrift nennen müssen.

Sie müssen den Preis ihrer Leistungen, anfallende Steuern und Nebenkosten und die Art der Preisberechnung mitteilen.

Unterschreibt der Kunde, gilt die Stundenzahl, die auf der Rechnung steht

„In der Praxis erleben wir häufig, dass sich kaum jemand an diese Informationspflichten hält“, berichtet Frindte. Auch sie empfiehlt deshalb, vor jedem Auftrag ein detailliertes Angebot anzufordern, auf dem auch Fahrtkosten und Pauschalen aufgeführt sein sollten.

Vor allem aber rät die Expertin zur Wachsamkeit nach Ende der Arbeiten: „Man sollte nichts bezahlen, was nicht vereinbart wurde“, so Frindte. Der zwischen Kunden und Handwerker abgeschlossene Werkvertrag bedeute, dass die geleistete Arbeit – also das Werk – vom Kunden abgenommen werden muss.

In der Praxis sieht das so aus, dass der Kunde die Rechnung quittiert. In der Regel ist dabei die geleistete Stundenzahl aufgeführt: „Unterschreibt ein Kunde die Rechnung für die geleisteten Arbeiten, dann gilt die Stundenzahl, die auf dieser Bescheinigung steht“, sagt Frindte.

Der Branche geht es gut, so werden sich etwas Wartezeiten für Handwerke noch weiter verlängern – die Nachfrage beeinflusst natürlich auch. den Preis.

Streit landet oft vor Gericht – viele Dinge sind nicht geregelt

Wenn sich Handwerker und Kunde nicht einigen können und auch Schlichtungsstellen nicht helfen können, landet der Streit oft vor Gericht. Klassischer Konfliktpunkt: die Fahrtkosten. Ihre Höhe ist nirgends geregelt. In einem wegweisenden Urteil hat das Oberlandesgericht Düsseldorf im Jahr 2012 festgestellt, dass der Unternehmer Fahrtkosten bei kleinen „Werkleistungen, die in ein oder zwei Stunden auszuführen sind“, gesondert berechnen kann.

Handelt es sich um einen mehrtägigen Auftrag, etwa auf einer Baustelle, sei die eigene Berechnung von An- und Abfahrtzeiten nach Stunden nicht zulässig. Sie müssten in den Gesamtpreis eingerechnet werden. Besonders Schlüsseldienste sind bekannt für Wucherpreise. Weil ein Betrieb Kunden abzockte wurden Schlüsseldienst-Chef zu Haftstrafen verurteilt.

Verbraucherzentrale: Fahrtzeit und Arbeit sollte unterschiedlich entlohnt werden

Ob für die Fahrtzeit derselbe Stundenlohn angesetzt werden darf wie für die Arbeitszeit, wird von den Gerichten unterschiedlich bewertet“, sagt Juristin Semmler. Teilweise werde die Ansicht vertreten, dass schon die Fahrtzeit Arbeitszeit sei. „Aus unserer Sicht sollte hier eine Abstufung erfolgen und für die Fahrtzeit ein geringerer Stundenlohn zugrunde gelegt werden“, meint die Verbraucherexpertin.

Im konkreten Fall des Elektrikers, der seine Arbeitszeit mehr als verdoppeln wollte, enthielt die Rechnung keine ausgewiesenen Fahrtkosten. Die An- und Abfahrt, für die jedes Navigationsgerät rund eine halbe Stunde pro Strecke berechnet, hätte demnach 1,5 Stunden betragen. Kunde und Handwerker einigten sich auf eine Stunde. Und der Kunde beschloss, keine Rechnung mehr zu unterschreiben, auf der die Arbeitszeit undeutlich per Handschrift eingetragen ist. (Philipp Neumann)

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