Gesundheit

Hörsturz im Ohr: Was tun gegen den plötzlichen Hörverlust?

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Hörsturz: Das ist der Infarkt im Ohr

Hörsturz: Das ist der Infarkt im Ohr

Ein Hörsturz ist schmerzhaft und vor allem in der alltäglichen Kommunikation mit anderen eine Herausforderung. In der Medizin ist der Hörsturz nur schwer zu behandeln. Das Video erklärt, warum.

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Berlin.  Hörstürze sind eine häufige Erkrankung. Wie es zum plötzlichen Hörverlust kommt, welche Therapie es gibt und was Betroffene tun können.

Jedes Jahr erleiden 150.000 Menschen in Deutschland einen Hörsturz, schätzen Fachleute. Damit ist der Infarkt im Ohr, wie die Erkrankung auch genannt wird, eine der häufigsten Krankheiten in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO).

Mit Schmerzen ist der Hörsturz nie verbunden. Außerdem ist in der Regel nur ein Ohr betroffen. Dennoch löst die Krankheit bei vielen Betroffenen Ängste aus, beeinträchtigt sie doch die Kommunikation mit den Mitmenschen.

Hörsturz: Das sind die Symptome

Symptome sind ein Druckgefühl im Ohr und verminderte Hörfähigkeit bis hin zum vollständigen Verlust. Die Erkrankten haben das Gefühl, als ob ein Wattebausch in ihrem Ohr steckte, der die akustische Wahrnehmung dämpft oder komplett unterdrückt. Viele Patientinnen und Patienten hören ein Fiepen oder ein anderes störendes Geräusch, entwickeln also einen Tinnitus. In schweren Fällen kommt Schwindelgefühl hinzu.

Die Ursachen sind nicht abschließend geklärt und eine zielgerichtete Therapie ist schwierig. Experten vermuten, dass Durchblutungsstörungen im Innenohr die akustische Informationsübermittlung stören. Diskutiert werden außerdem Stress, Viren oder Bakterien als Auslöser.

Bei leichteren Hörstürzen können Betroffene selbst gegensteuern

Bei leichteren Hörstürzen ist Selbstheilung eine durchaus erfolgversprechende Möglichkeit. „Wie bei den meisten anderen Krankheiten hilft auch bei einem Hörsturz viel Ruhe und Entspannung, um den Körper so wenig wie möglich zusätzlich zu belasten“, rät Götz Lehnerdt, HNO-Arzt am Petrus-Krankenhaus Wuppertal.

Doch der Hörverlust tritt meist plötzlich auf und schränkt die Verständigung mit anderen Menschen ein. Gehen Patienten in dieser Situation zum Arzt, erhalten sie oft Glukokortikoide. Das sind Hormone, deren bekanntester natürlicher Vertreter das Kortison ist. Daher ist eine Kortisontherapie gängig.

Die Kortisonpräparate sollen die Veränderungen, die bei einem Hörsturz im Ohr auftreten, günstig beeinflussen. Ob sie allerdings wirklich diese Wirkung haben, war bislang wissenschaftlich nicht gesichert. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen deswegen die Behandlungskosten nicht.

Therapie gegen Hörsturz gibt selbst Fachleuten Rätsel

Seit 2015 hat eine an der Uniklinik Halle-Wittenberg koordinierte Studie verschiedene Therapieansätze überprüft. An der Erhebung unter dem Titel „Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit der HOchDOsis-GlukoKORTikoid-Therapie beim akuten, idiopathischen, sensorineuralen Hörverlust“, kurz Hodokort, beteiligten sich 40 HNO-Kliniken und -Praxen aus ganz Deutschland. Das Bundesforschungsministerium förderte die Studie mit knapp zwei Millionen Euro.

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Hintergrund der Studie ist eine in Deutschland andere Dosierung von Kortison in der Hörsturztherapie als international üblich. Während in anderen Ländern das kortisonhaltige Medikament Prednisolon in einer Dosierung von 60 Milligramm Standard ist, beträgt die Wirkstoffmenge in Deutschland 250 Milligramm. Jede dieser beiden Dosierungen wurde in der Studie jeweils einer Patientengruppe gegeben. Eine dritte Gruppe erhielt das im Vergleich mit Prednisolon wesentlich wirksamere Glukokortikoid Dexamethason.

Neben der Frage der Dosierung ging es auch um die Form, in der die Patienten das jeweilige Medikament bekamen: Wirken die Präparate besser als Tabletten geschluckt oder als Tropf in eine Vene? Und welche Nebenwirkungen hat die Therapie? Kortison kann zum Beispiel den Blutdruck und -zucker verändern.

Die wissenschaftliche Untersuchung wurde mit einer Kombination aus wirksamen und Placebo-Tabletten sowie -Infusionen so konzipiert, dass weder die Patientinnen oder Patienten noch die beteiligten Forschenden wussten, wer zu welcher der drei Gruppen gehörte. Ein Placebo-Medikament enthält keine pharmakologisch wirksamen Substanzen. Es handelt sich also um Scheinmedizin ohne Wirkstoffe wie Zuckerpillen und Kochsalzlösungen. Dennoch wirken sie oft. Bevor neue Medikamente auf den Markt kommen, wird ihre Wirkung oft im Vergleich zu einem Placebo getestet.

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Erste, noch vorläufige Ergebnisse gab Studienleiter Stefan Plontke auf einem Kongress von HNO-Ärzten in Hannover bekannt. Demnach erlangten weniger als die Hälfte der mehr als 300 beteiligten Patienten das volle Hörvermögen wieder. Das vorrangige Ziel, eine um zehn Dezibel verbesserte Hörleistung zu erreichen, habe sich nicht erfüllt. Immerhin stellten die Forschenden bei fünf Prozent der Teilnehmenden eine gutartige Geschwulst am Gleichgewichtsnerv fest.

Darum bekommen Hörsturzpatienten in Deutschland mehr Kortison

Plontke verwies auf die generellen Schwierigkeiten mit dem Hörsturz. „Wir stehen immer noch ein bisschen fragend davor“, sagte der Direktor der Uniklinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit Blick auf die höhere deutsche Kortisondosis. Sie sei wissenschaftlich nie abgesichert worden, deshalb gehe es in der Hodokort-Studie überhaupt um wissenschaftliche Evidenz. In der Medizin ist damit der Nachweis gemeint, ob eine diagnostische oder therapeutische Methode etwas nützt.

Die international übliche niedrigere Dosierung beruhe auf einer Studie aus den 1970er Jahren, die heutigen Standards überhaupt nicht mehr gerecht werde, erläuterte Plontke. Die 250-Milligramm-Dosis in Deutschland stamme dagegen aus den 2000er-Jahren. Plontke beschrieb in diesem Zusammenhang das Ohr als „kaffeebohnengroßes Organ“, in dem bei zu geringer Dosierung eines Medikaments nichts ankomme.

Wenn Medikamente nach einem Hörsturz nicht wie gewünscht wirken, bleiben als Alternativen ein Hörgerät oder eine Innenohrprothese, ein sogenanntes Cochlear Implant. Aber auch mit diesen technischen Hilfsmitteln bleibt das Hörvermögen oft eingeschränkt. Plontke spricht deshalb von einem „Bedarf an Therapie“ gegen den Hörsturz.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.

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