Umwelt

Macht uns der Klimawandel krank? Professorin sieht „Notfall“

Pariser kühlen sich am Ufer der Seine ab. Die französische Hauptstadt bereitet „Cool rooms“ für heißt Tage vor.

Pariser kühlen sich am Ufer der Seine ab. Die französische Hauptstadt bereitet „Cool rooms“ für heißt Tage vor.

Foto: Le Tellec Stephane/ABACA / ddp/abaca press

Berlin.  Laut Deutschlands erster Professorin für Klima und Gesundheit muss sich schnell etwas ändern. Hitzetote seien sonst erst der Anfang.

Der Klimawandel macht die Erde krank. Er wirkt sich unmittelbar auf die Pflanzen- und die Tierwelt aus. Doch auch der Mensch leidet. Denn er ist Teil des planetaren Ökosystems, sagt Sabine Gabrysch. Die Medizinerin hat Deutschlands erste Professur für Klimawandel und Gesundheit an der Berliner Charité und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) übernommen.

Sie geht der Frage nach, wie Gesundheit und Klimaschutz Hand in Hand gehen können. Denn wenn sich nicht schnell etwas ändere, seien Hitzetote auch hier in Deutschland erst der Anfang.

Frau Gabrysch, wie krank macht uns der Klimawandel?

Gabrysch: Es sterben jetzt schon Menschen. Und die Folgen, die auf uns zukommen, sind noch viel gravierender. Das sind ganz andere Dimensionen, die wir als Gesellschaft nicht mehr managen können. Aber wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand.

Was ist es konkret, das unserer Gesundheit gefährlich wird?

Gabrysch: Es ist eigentlich ganz einfach: Menschen brauchen zum Leben sauberes Wasser, gesunde Nahrung, saubere Luft, eine sichere Behausung. Unsere Gesundheit hängt von einer stabilen Umwelt, von einem gesunden Planeten ab. Wenn das System aus dem Gleichgewicht gerät, trifft es am Ende uns selbst, den Menschen. Wir sägen den planetaren Ast ab, auf dem wir sitzen.

In Zahlen- So trägt jeder Einzelne von uns zum Klimawandel bei

Haben das die Menschen verstanden?

Gabrysch: Ich glaube nicht, dass sie wissen, wie dringend es ist. Aus meiner ärztlichen Perspektive haben wir hier einen Notfall, weil es eine lebensbedrohliche Situation ist. Eine Art planetarer Gesundheitsnotfall, um den wir uns schnell kümmern müssen. Was wir heute tun oder zu tun versäumen, bestimmt unser Klima für Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Spielt sich dieser planetare Gesundheitsnotfall nicht sehr weit weg von den Menschen hierzulande ab?

Gabrysch: Spätestens, wenn Menschen als Flüchtlinge zu uns kommen, weil ihr Zuhause überschwemmt wurde, geht es uns etwas an. Nehmen Sie Länder wie Bangladesch, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Steigt der an, suchen langfristig Millionen Menschen ein Zuhause.

Das betrifft dann vielleicht unsere Urenkel. Im Moment lebt es sich doch in Deutschland, in vielen Teilen Europas, ganz unbesorgt.

Gabrysch: Aber es gibt auch hier jetzt schon direkte Auswirkungen auf die Gesundheit durch Extremereignisse wie Waldbrände, Überschwemmungen und Hitze. Sie müssen doch nur einmal vor die Tür gehen. Diese Hitze kann ernsthafte Folgen haben bis hin zu Hitzschlag, Nieren- und Herzproblemen und erhöhter Sterblichkeit. Vor allem bei älteren Menschen, kleinen Kindern und Menschen mit Vorerkrankungen. Hinzu kommen indirekte Auswirkungen durch die Ausbreitung von Krankheitserregern.

Hitzewelle in Europa

Sie wollen sich in Ihrer Forschung nicht nur mit dem Klima als solches beschäftigen, sondern zum Beispiel auch mit dem Artensterben. Was hat das Sterben von Tieren mit der Gesundheit von Menschen zu tun?

Gabrysch: Es gibt ja multiple planetare Krisen. Man kann sich den Klimawandel wie das Fieber des Planeten vorstellen. Aber es gibt noch andere Symptome. Fast eine Art drohendes Multiorganversagen. Die Ozeane versauern durch das CO2 in der Atmosphäre und sind außerdem voller Plastikmüll, Tier- und Pflanzenarten sterben aus, Wälder werden abgeholzt. Der Klimawandel wiederum verschärft die Probleme.

Noch einmal: Die menschliche Gesundheit beruht auf einem funktionierenden planetaren Ökosystem. Um konkret zu werden: Insekten brauchen wir zum Beispiel für die Bestäubung von unseren Nahrungspflanzen.

Sie legen den Fokus Ihrer Arbeit auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Warum?

Gabrysch: Schon jetzt sind die Grundbedürfnisse nicht für alle Menschen auf der Welt erfüllt. Der Klimawandel lässt ohnehin schwelende Probleme vielerorts gefährlich aufflammen. Wie ein Brandbeschleuniger. Armut, Unterernährung, Infektionskrankheiten werden dadurch befördert.

Das heißt, die Ärmsten, die jetzt schon diese Probleme haben, leiden zuerst und am meisten darunter, weil sie jetzt schon am Rand der Existenz leben und kaum Pufferkapazitäten haben. Das ist extrem ungerecht, weil sie am wenigsten zum globalen Ausstoß von Treibhausgasen beitragen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel deutlich machen?

Gabrysch: Ich forsche in einem Projekt in Bangladesch. Dort kam vor zwei Jahren der Monsun viel zu früh und die Überflutung zerstörte einen großen Teil der jährlichen Reisernte. Wir konnten in der Folge sehen, dass die Leute nicht mehr genügend zu essen hatten oder sich verschuldet haben, um Nahrungsmittel kaufen zu können.

Was wieder Konsequenzen für die Gesundheit haben kann.

Gabrysch: Genau. Weil sie dann zum Beispiel mit einem kranken Kind nicht rechtzeitig zum Arzt gehen, um das Geld zu sparen. Oder weil sie sich Obst und Gemüse, Eier und Fisch nicht mehr leisten können und den Kindern dann wichtige Vitamine und Mineralstoffe fehlen, die sie für eine gesunde Entwicklung brauchen.

Durch die Landwirtschaft hängen die Menschen ziemlich direkt von der Natur und vorhersagbaren Wetterbedingungen ab. Wenn Extremereignisse zunehmen, sind die Ernten bedroht – damit die Ernährungssicherheit und damit vor allem Menschen, die nicht einfach in einen Supermarkt gehen können, um sich etwas zu essen zu kaufen.

Sie wollen sich in Ihrer Forschung vor allem auf Win-win-Lösungen konzentrieren, von denen Menschen und Umwelt profitieren. Wie könnte das aussehen?

Gabrysch: Das Beispiel, das jeder kennt, ist Fahrradfahren statt Autofahren . Oder Zu-Fuß-Gehen. Bewegung ist gut für die Gesundheit, gleichzeitig hat man weniger Luftverschmutzung und Treibhausgase. Die positive Botschaft ist ja: Wenn wir das umsetzen, was für den Klimawandel notwendig ist, dann tun wir auch was Gutes für die Gesundheit. Denn der gleiche Lebensstil, der für den Klimawandel verantwortlich ist, macht die Menschen krank.

Andere Beispiele für Win-win-Lösungen gibt es in der Agrarökologie, also ökologische Anbaumethoden in der Landwirtschaft, die weniger Pestizide benötigen und gleichzeitig die Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt erhalten. Da gibt es ganz viele clevere Ansätze.

Zum Beispiel?

Gabrysch: Dünger, der auf Pflanzenkohle basiert und bei Feldversuchen mit unseren Studienteilnehmern in Bangladesch den Ertrag extrem gesteigert hat. Dabei wurden Erntereste wie Reisstroh verkohlt und dann mit Kuh-Urin vermischt. Urin ist ein ziemlich guter Dünger, und mit der Pflanzenkohle stinkt er auch nicht. Das wurde dann teilweise noch mit Kompost vermischt, und siehe da: Die Ernten in den Hausgärten haben sich verdoppelt. Gleichzeitig verbessert der Dünger die Böden und bindet – wegen der Pflanzenkohle – CO2.

Es gibt noch immer Menschen, die bezweifeln, dass sich das Klima ändert. Hilft es, das Thema näher an sie heranzuholen – nämlich an ihre eigene Gesundheit?

Gabrysch: So bedauerlich das ist: Dass wir den Klimawandel auch in Deutschland inzwischen am eigenen Leib spüren, führt tatsächlich dazu, dass viele Menschen das ernster nehmen. So war es auch beim Ozonloch: Hätte das Ozonloch nicht Hautkrebs verursacht, sondern nur das Plankton im Meer getötet, hätten wir nicht so schnell gehandelt mit dem Verbot der FCKW, die in Deosprays und Kühlschränken steckten.

Für die Begrenzung der Klimarisiken müssen wir unsere Wirtschaftsweise grundlegend umbauen. Die Ökonomen unter meinen Kollegen haben zeigen können, dass ein fairer Preis auf CO 2 dazu beitragen kann. Meine Hoffnung ist, dass wir nicht erst handeln, wenn es noch mehr Klimadesaster, noch mehr Gesundheitsgefahren gibt. Sondern jetzt sofort.

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