Ernährung

Orthorexie: Wenn gesundes Essen zwanghaft wird

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Essstörung: Das ist Magersucht

Essstörung- Das ist Magersucht

Etwa ein halbes Prozent aller Menschen weltweit erkranken an Magersucht. Betroffen sind vor allem Frauen.

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Berlin.  Orthorexie nennen Mediziner eine zwanghafte Form der gesunden Ernährung. Die Essstörung hat ungesunde Folgen für Körper und Psyche.

Ausgewogen und gesund zu essen, gehört für viele zu einem bewussten Lebensstil dazu. Wenn der Fokus jedoch nur noch auf der Ernährung liegt und vermeintlich ungesunde Lebensmittel radikal gestrichen werden, kann das gesundheitliche Folgen haben. Mediziner sprechen dann von Orthorexie.

Essstörung Orthorexie: Was verstehen Mediziner darunter?

Der Begriff wurde 1997 erstmals vom US-amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman geprägt, der in seiner Praxis Personen mit einer pathologischen Fixierung auf eine ausschließlich gesunde Ernährungsweise wahrnahm. Eine offiziell behandelbare Krankheit sei sie aber bis heute nicht:

„Orthorexie eindeutig zu definieren und zu behandeln gestaltet sich schwierig“, sagt Professor Martin Teufel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen. „Vor allem Angst, Zwang und Unsicherheit stehen im Vordergrund“, meint der Mediziner aus Essen.

Wie viele Personen letztendlich unter Orthorexie leiden, wisse man nicht. Fest stehe aber, dass sich Betroffene übermäßig viel mit der eigenen Ernährung beschäftigten, sich nur bedingt an allgemeine Ernährungsempfehlungen hielten und ihre Auswahl an Lebensmitteln auf Basis selbstauferlegter Regeln stark begrenzten.

„Das Besondere ist, dass es eine nach subjektiven Maßstäben gesunde Ernährungsweise ist“, sagt Dr. Friederike Barthels vom Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. „Das Essverhalten ist damit sehr vielfältig, weil es sehr stark darauf ankommt, was die betroffene Person für sich ganz persönlich als gesund oder ungesund definiert hat.“

Wie grenzt sich Orthorexie von anderen Essstörungen ab?

Da Orthorexie bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht im ICD-10, dem Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, gelistet werde, sei eine greifbare Unterscheidung zu anderen Ess- und Verhaltensstörungen wie Magersucht oder Bulimie nicht möglich.

Vielmehr ginge die Orthorexie mit diesen Hand in Hand: „Der Übergang zur Anorexie ist oftmals fließend“, sagt Teufel. Aber auch wenn Personen mit Orthorexie häufig ein zwanghaftes Verhalten zeigten, sei sie den Experten zufolge eher einer Ess- als einer Zwangsstörung zuzuordnen.

Was sind mögliche Folgen bei zwanghaftem Essverhalten?

Sowohl auf körperlicher als auch auf psychologischer Ebene hat das Störungsbild Folgen: „Die sehr einseitige Ernährung kann zum Gewichtsverlust und zu Mangelerscheinungen führen“, erklärt Barthels. Orthorektiker fühlten sich im sozialen Alltag zudem stark eingeschränkt.

„Essen ist in vielen Fällen etwas, was man gemeinsam mit anderen macht, mittags mit Kolleginnen und Kollegen, zuhause mit der Familie und nach Feierabend mit Freunden. Das ist etwas, was solchen Personen sehr schwerfällt“, sagt die Psychologin. Während sich Personen der Anorexie jedoch verstärkt mit ihrem Schlankheitsideal beschäftigten, fokussierten sich Menschen mit Orthorexie überwiegend auf einen gesunden Körper.

Doch nur weil jemand auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung achte, müsse er nicht zwingend unter einer Orthorexie leiden. Eine Diagnose zu stellen sei auch deshalb schwierig, weil sich das Essverhalten in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren geändert habe.

„Vor zehn Jahren hätte man aus Expertensicht eine vegane oder fleischlose Ernährung noch nicht durchgehen lassen. Heute ist der Veganismus voll in der Gesellschaft angekommen. Dabei sehe ich auch absolut keine Probleme, sofern keine wichtigen Nährstoffe fehlen und genug gegessen wird“, sagt Teufel. Bedenklich werde es, wenn Zwangsgedanken, Ängste und vor allem Leidensdruck im Spiel seien.

Wer ist von Orthorexie besonders betroffen?

Während bei Magersucht vor allem Frauen betroffen seien, sei die Fallzahl bei Orthorexie zwischen den Geschlechtern etwas ausgeglichener. „Es gibt durchaus auch einige Männer, die sich intensiv mit der eigenen Ernährung auseinandersetzen“, sagt Barthels. Die Anzahl an der Menschen, die in Verbindung mit einem gestörten Essverhalten verstarben, habe sich in den vergangenen zehn Jahren zunehmend erhöht. Konkrete Zahlen zur Krankheitshäufigkeit bei Orthorexie seien jedoch widersprüchlich.

Orthorexie: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bisher habe die Orthorexie keinen isolierten Platz in der Therapie gefunden. „Solange noch nicht feststeht, ob sie ein eigenständiges Störungsbild oder möglicherweise vielleicht eher eine Form der Anorexie ist, können auch noch keine adäquaten Behandlungsmaßnahmen angeboten werden“, erklärt Barthels.

Störungen im Essverhalten seien zudem meist Folgen privater Probleme in anderen Lebensbereichen. Dahinter stecke häufig mehr als eine gesunde Ernährung: „Einige Personen haben eine sehr starke Angst vor Erkrankungen, vor verunreinigten Lebensmitteln oder zu viel Zucker“, sagt Barthels. In der Therapie könne man an dieser Form ungünstiger Gedankenkonstrukten arbeiten, um diese Ängste aufzulösen und das Störungsbild anzugehen.

Welche Anlaufstellen können Angehörige bieten?

Häufig werden Betroffene ungern auf ihr Essverhalten angesprochen. Umso wichtiger sei es laut den Experten, sich behutsam an die Thematik heranzutasten. „Es kann helfen, Unterstützung von außen zu holen. Falls man zunächst noch keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen möchte, kann eine Ernährungsberatung Klarheit schaffen“, sagt Professor Martin Teufel.

Die Therapieaussichten für Menschen mit orthorektischem Essverhalten seien trotz fehlendem Forschungsstand nicht aussichtslos: „Wer weiß, vielleicht haben manche Kliniken und Praxen die Orthorexie schon auf ihren Homepages stehen. Falls dem nicht so ist, können Therapeutinnen und Therapeuten, die sich mit Essstörungen auskennen, auch sicherlich Personen mit Orthorexie weiterhelfen“, meint Barthels.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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