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Prostatakrebs – warum er häufig zu spät entdeckt wird

Die Prostata, auch Vorsteherdrüse, ist etwa so groß wie eine Kastanie. Der Krebs an dieser Stelle wächst eher langsam, wird oft aber auch sehr spät entdeckt.

Die Prostata, auch Vorsteherdrüse, ist etwa so groß wie eine Kastanie. Der Krebs an dieser Stelle wächst eher langsam, wird oft aber auch sehr spät entdeckt.

Foto: Sebastian Kaulitzki / Shutterstock

Berlin.  Das Prostatakarzinom ist der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Gerade dann, wenn er am leichtesten zu bekämpfen wäre, spürt man ihn nicht.

Prostatakrebs ist in Deutschland bei Männern der mit Abstand häufigste Tumor. Nach Informationen des Krebsinformationsdienstes muss – auf die gesamte Lebenszeit berechnet – einer unter acht Männern mit Prostatakrebs rechnen. „Jährlich werden bei uns rund 68.000 solcher Prostatakarzinome neu entdeckt“, so Prof. Oliver Hakenberg, letztjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

Etwa 12.000 Patienten sterben laut Statistik pro Jahr an der Erkrankung. „Jeder fünfte stirbt am Prostatakrebs“, betont Hakenberg. „Das ist nicht wenig.“ Das bestätigen auch die letzten Zahlen vom Robert-Koch-Institut: Prostatakrebs ist die zweithäufigste Krebstodesursache bei Männern in Deutschland.

Prostatakrebs ist die zweithäufigste Krebstodesursache bei Männern in Deutschland

Die Prostata, auch Vorsteherdrüse genannt, umschließt bei Männern den oberen Teil der Harnröhre und ist ungefähr so groß wie eine Kastanie. Bei erwachsenen Männern ziehen sich während eines Orgasmus die Muskelfasern der Prostata zusammen. Dadurch wird eine größere Menge der Prostata-Flüssigkeit in die Harnröhre entleert. Sie bildet zusammen mit den im Hoden produzierten Samenzellen und dem Sekret der Samenbläschen das Ejakulat.

Ihre Funktion nimmt die Prostata aber erst mit der Pubertät auf: Das Organ wächst in dieser Zeit und entwickelt sich abhängig vom männlichen Geschlechtshormon Testosteron. Gleiches gilt für den Prostatakrebs: „Klar, auch dieser ist testosteronabhängig“, so Hakenberg, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Rostock. „Das heißt Männer, die als Kinder kastriert werden, bekommen keinen Prostatakrebs.“

Das männliche Geschlechtshormon Testosteron spielt bei der Erkrankung eine Rolle

Aber darüber hinaus gebe es aber keine Hinweise, dass beispielsweise durch die Einnahme von Testosteron als Bodybuilder – was grundsätzlich sehr schädlich sei – das sich die Wahrscheinlichkeit Prostatakrebs zu bekommen stark erhöhe. „Das Risiko steigt hier nur geringfügig.“

Obwohl so viele Männer an Prostatakrebs erkranken, sei über die Ursachen und damit auch eventuelle Risikofaktoren für diese Tumorform vergleichsweise wenig bekannt, so Hakenberg. Das bestätigt auch der Krebsinformationsdienst. Hinzu komme: „Die bekannten Auslöser lassen sich wenig beeinflussen.“ Denn bislang ist nur klar, dass das Erkrankungsrisiko mit dem Alter ansteige und das männliche Geschlechtshormon Testosteron eine wesentliche Rolle spiele, so die Experten.

Warum Angehörige von Betroffenen zur Früherkennung gehen sollten

Die Krebsregister in Deutschland haben zur Bedeutung des Alters folgende Schätzung erstellt: Im Alter von 35 Jahren muss ein Mann unter 3.900 damit rechnen, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erkranken. Mit 45 gilt dies innerhalb der nächsten zehn Jahre für einen von 220 Männern, ab 65 Jahren ist es dagegen bereits ein Mann von 17.

Wie gesund ein Mann lebt, scheint dagegen nur einen geringen Einfluss auf das langfristige Risiko zu haben. Laut Krebsinformationsdienst gibt es bei einigen Betroffenen jedoch Hinweise auf vererbbare Risikogene. „Die Wahrscheinlichkeit beim Sohn ist erhöht, wenn der Vater Prostatakrebs hatte oder hat – und zwar um den Faktor 3“, erklärt Hakenberg. „Das gleiche gilt für den Onkel oder einen betroffenen Bruder.“ Daraus folge aber nur, dass sie zur Früherkennung gehen sollten.

„Wenn etwas ertastet wird, dann ist es schon nicht mehr klein“

In Deutschland haben Männer ab 45 jährlich die Möglichkeit sich auf Prostatakrebs untersuchen zu lassen. Im gesetzlichen Früherkennungsprogramm sind dafür jedoch lediglich die Abtastung der Prostata durch den Enddarm vorgesehen.

Hakenberg sieht dabei aber ein großes Problem: „Wenn etwas ertastet wird, dann ist es schon nicht mehr klein – mindestens ein oder zwei Zentimeter groß“, so der Prostata-Experte. „Ein Kollege sagte mal vor Jahren, die Tastuntersuchung sei keine Früherkennung, sondern eine Späterkennung, und da steckt viel Wahrheit drin.“

Hakenbergs Appell ist ganz klar: „Wir brauchen den PSA-Test als Teil der gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen für Prostatakrebs.“ Ein entsprechendes Verfahren läuft aktuell im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). Der PSA-Test ist eine Untersuchung auf das prostataspezifische Antigen im Blut.

Dieser Test gilt nach Informationen des Krebsinformationsdienstes nach wie vor als umstritten: Ob Männer mit regelmäßigen PSA-Tests länger und vor allem besser leben, stehe demnach nicht fest. Der Test kostet etwa 25 Euro in Eigenleistung, das Ergebnis mit dem Arzt oder der Ärztin zu besprechen noch einmal etwa 20 Euro.

Bei Verdacht auf Prostatakrebs hilft MRT bei der Diagnostik

Aktuell scheint es, als ließen sich durch den Test einige vorzeitige Todesfälle verhindern. So werden vermutlich von 10.000 untersuchten Männern etwa 12 vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt. „Eine sicherere Methode gibt es aktuell nicht“, betont Hakenberg. Der tastende Finger alleine sei zwar besser als nichts, aber sehr viel unzuverlässiger.

Besteht ein begründeter Verdacht auf Prostatakrebs, wird seit ungefähr zwei Jahren zum Teil mit einem MRT der Prostata gearbeitet. Mit dieser Methode könnten die Gewebeproben dann gezielter aus verdächtigen Herden innerhalb der Prostata entnommen werden, erklärt Hakenberg. „Das hat die Diagnostik deutlich verbessert.“

Die Überlebenszeit hat sich durch neue Therapien deutlich verlängert

Zudem gebe es deutliche Fortschritte in der Behandlung des metastasierten Prostatakrebses. Durch neue Kombinationen, neue Chemotherapien habe sich die Überlebenszeit stark verlängert. „Ich denke, dass wir auf eine durchschnittliche Überlebenszeit bei frühem Beginn der Metastasierung auf deutlich über zehn Jahre gekommen sind“, so der Experte. „Wenn sie einen Tumor haben, bei dem der Prostatakrebs die Grenzen der Prostata noch nicht überschritten hat, dann können Sie diesen mit einer Operation oder Bestrahlung oft sogar komplett heilen.“

Diese vergleichsweise positive Prognose hängt auch damit zusammen, dass das Prostatakarzinom in der Regel recht langsam wächst. Dadurch ist der Verlauf in vielen Fällen günstig. Sich aus Angst vor den Risiken nicht therapieren zu lassen, ist aus Hakenbergs Sicht daher nicht nachvollziehbar. „Dann stirbt man in jedem Falle – und auf eine sehr hässliche Art und Weise.“ Abwarten lohne sich wirklich nur bei sehr kleinen Tumoren.

Nach einer Operation muss das Kontrollieren der Blase wieder geübt werden

Urologen am Universitätsklinikum Dresden haben ein solches Karzinom unter Nutzung des Wirkstoffs Padeliporfin der auf Strahlen reagiert im Vergangenen Jahr erstmals minimalinvasiv operiert. Das Verfahren klingt vielversprechend, da es vergleichsweise risikoarm ist. Für Hakenberg ist die Studienlage hier aber noch zu dünn, um bereits an einen neuen Durchbruch in der Prostatakrebstherapie zu glauben.

Da die Prostata relativ zentral im Harn- und Sexualtrakt des Mannes liegt, können bei Operationen die Funktion vom Schließmuskel, der Blase und Harnröhre beeinträchtigt werden. „Und auch wenn das alles glatt geht, müssen die Leute nachher die Kontinenz, also das Kontrollieren der Blase üben und wieder erlernen“, erklärt Hakenberg das oft gefürchtete Risiko. „Aber die meisten kriegen das hin, wobei das Kontinenz-Training über sechs bis zwölf Monate gut gemacht sein muss, damit das funktioniert.“

Es kann bei der Potenz zu Beeinträchtigungen kommen

Ähnliches gelte für die Potenz: „Weil bei der Operation Nerven durchtrennt werden, die den Schwellkörper des Penis versorgen kann es auch hier zu Beeinträchtigungen kommen“, so Hakenberg. Je jünger der Patient, desto wahrscheinlicher sei aber auch hier eine Regeneration der Potenzfunktion. „Wenn sie einen 78 Jährigen operieren, wird dieser mit großer Wahrscheinlichkeit impotent bleiben.“ Selbst eine Bestrahlung sei hier nicht viel nebenwirkungsärmer, danach würde die Impotenz lediglich verzögert eintreten.

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