Handarbeit

Punch Needle: Ein Trend aus den 70ern kehrt zurück

Anne Thiele hat die Punch-Needle-Technik für sich entdeckt. Im Bastelgeschäft „Der Werkladen“ in Düsseldorf-Benrath greift sie zur Stanznadel.

Anne Thiele hat die Punch-Needle-Technik für sich entdeckt. Im Bastelgeschäft „Der Werkladen“ in Düsseldorf-Benrath greift sie zur Stanznadel.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Gemeinsam mit Makramee war Punch Needle oder 3D-Sticken der Renner in den 70ern. Nun kehrt die Handarbeitstechnik in die Wohnzimmer zurück.

Trotz Corona-Krise empfängt Anne Thiele die Kunden in ihrem Bastelladen mit einem breiten Lächeln – zumindest wenn es nach dem Motiv auf ihrer selbst gemachten Maske geht. Doch auch unter dem Mund-Nasen-Schutz ist die 36-Jährige eine wahre Düsseldorfer Frohnatur.

Anne Thiele hat Spaß an dem, was sie tut. Und momentan ist das vor allen Dingen Punch Needling oder auch 3D-Sticken. Viel braucht es für den neuen/ alten Handarbeitstrend nicht, außer einer Punch-Nadel, Stoff, Wolle und einem reißfesten Geduldsfaden.

Punch Needling ist was zur Entschleunigung

Das musste auch Anne Thiele bei ihren ersten Versuchen schnell lernen. „Das ist eigentlich ein super Hobby zur Entschleunigung. Denn schnell geht es anfangs nicht“, sagt die Düsseldorferin und lacht. Zur Hälfte ist das Kissen, das sie auf dem heimischen Sofa angefangen hat, etwa fertig. „Dafür habe ich rund 14 Stunden gebraucht“, sagt sie. Stück für Stück geht es nun auf dem kleinen Tisch vor der Wollwand in ihrem Bastelgeschäft „Der Werkladen“ im Stadtteil Benrath weiter.

Flink schiebt Anne Thiele zwei Klötze unter den Holzrahmen, auf den sie den künftigen Kissenbezug gespannt hat. „Man braucht immer Platz unter dem Stoff, um mit der Nadel durchstechen zu können. Auf der Couch mache ich das im Schneidersitz.“ Fehlt nur noch der namensgebende Protagonist: Die Punch Needle oder auch Stanznadel.

Die Nadel sieht aus wie ein Stift

Sie sieht aus wie ein dicker weißer Kugelschreiber. An der Seite gibt es einen kleinen Regler, mit dem sich die Länge der Nadelspitze einstellen lässt. „Das ist entscheidend für die Länge der Schlaufen“, weiß Thiele. Aber dazu gleich mehr. Erstmal muss sie den Faden in die Nadel bekommen und dafür ist Fingerspitzengefühl gefragt. Schnell das Ende der blauen Wolle zwischen den Lippen anfeuchten und durch die Öse der Einfädelhilfe friemeln.

Das Prinzip dürfte begabten Näherinnen und Nähern durchaus bekannt vorkommen. Mit der Einfädelhilfe lässt sich das Garn problemlos durch die lange Nadel ziehen und kommt schließlich an der Spitze wieder heraus.

Mit der Textur lässt sich spielen

Alles bereit, los geht’s. Anne Thiele setzt die Nadel an, drückt und – pock – die Metallspitze verschwindet samt Faden im Stoff. „Der sogenannte Mönchstoff ist locker gewebt und ich kann genau sehen, wo ich einstechen muss.“ Dort, wo sich zwei Fäden kreuzen, rutscht die Nadel ohne viel Druck in den Zwischenraum. „Manchmal muss ich die Nadel aber noch etwas hin und her ruckeln bis es passt. Mit etwas Übung hat man das schnell raus und wird rasch besser.“

„Raus“ ist ein gutes Stichwort. Denn das muss nun auch wieder die Nadel. Stich für Stich stanzt sich die Düsseldorferin so vorwärts. Auf der ihr zugewandten Seite sieht es nach ein paar Minuten aus wie eine Ameisenstraße aus blauer Wolle. Spannend wird es jedoch, als Anne Thiele den Rahmen umdreht. Dort steht der Faden in Schlaufen vom Stoff ab. Nun wird klar, warum das ganze auch 3D-Sticken genannt wird. Manche Schlaufen sind ganz klein und fest, andere groß und weich – so, wie die Nadellänge vorher eingestellt wurde. „Dadurch lässt sich schön mit der Textur spielen“, sagt Anne Thiele und lässt die Fingerspitzen durch die Wolle gleiten.

Auch Teppiche oder Bettvorleger lassen sich stanzen

Das Ganze erinnert plötzlich mehr an einen Teppich oder Bettvorleger als an einen Kissenbezug. Außerdem wird der eine oder andere beim Anblick der flauschigen Flächen unweigerlich an die 70er-Jahre denken müssen. Damals hing nämlich nicht nur die berühmte an der Wand, sondern lagen auch die Punch-Needle-Kissen auf der Couch.

Wer den Trend auf die (Nadel-)Spitze treiben wollte, hat außerdem ganze Wandteppiche in Wolloptik gestanzt und seiner Kleidung mit flauschigen Flicken den letzten Schliff verpasst. „Momentan ist das noch ein Geheimtipp, aber das wird. Es lässt sich viel mit dieser Technik machen. Auch Kuscheltiere und Kettenanhänger sind möglich“, weiß Anne Thiele. Für die filigranen Medaillons wird einfach eine feinere Nadel und dünneres Garn genommen. „Beide Varianten lassen sich auch kombinieren. Wobei: Anfängern rate ich, mit dickerer Wolle zu starten. Das kaschiert kleine Fehler.“

Übung macht den Meister

Makellos mutet das gepunchte, schneeweiße Fell des Lamas an, das die Düsseldorferin zusätzlich zum Kissen angefangen hat. Noch ist das drollige Tierchen allerdings in einem Stickrahmen eingespannt. „Ich muss die Fäden verkleben, sonst würde sich das Lama in Sekunden aufribbeln.“ Wie schnell das geht, zeigt die zweifache Mutter am halb fertigen Kissen. Ratsch.

Die kurze Bahn, die sie vor wenigen Minuten erst gestanzt hat, lässt sich mit einem Zug am Faden in Nullkommanichts aufdröseln. Eine Schicht Bastel- oder Textilkleber auf der Rückseite verhindert das. „Deshalb muss der Faden beim Punchen selbst locker liegen. Sonst ziehen sich die Schlaufen direkt raus.“

„Der Werkladen“ hat eine lange Tradition

Hier zeigt sich die Fingerfertigkeit der 36-Jährigen. Und die wurde ihr in die Wiege gelegt. Vor 40 Jahren eröffneten die Eltern den „Werkladen“. „Beide waren immer hier und deshalb waren es meine Schwester Corinn und ich auch. Wir mussten alle Geschenke immer selbstbasteln. Wenn ich heute eins kaufe, habe ich ein schlechtes Gewissen“, sagt sie und lacht. Im vergangenen September haben die beiden Schwestern das Lädchen schließlich übernommen.

Anne Thieles eigene Kinder sind zwar noch zu jung, um in Mamas Fußstapfen zu treten, kleinere Basteleien klappen aber ganz gut. „Oskar ist fünf und Flora ist anderthalb. Gerade jetzt in der Coronazeit kann ich sie mit Basteln und Handarbeit gut beschäftigen.“ Und auch wenn die beiden selbst noch nicht zur Stanznadel greifen können, profitieren sie von der neuentdeckten Wollleidenschaft ihrer Mutter. „Ich bin definitiv angefixt und werde nach dem Kissen weitermachen“, verrät sie. Dann ist der Nachschub an flauschigen Wohnaccessoires im Hause Thiele ja gesichert.

Kurse:

Anne Thiele und ihre Kolleginnen bieten auch „Werkshops“ zu verschiedenen Themen an – wenn ihnen Corona keinen Strich durch die Rechnung macht. Neben Häkeln und Makramee ist auch Punch needlen dabei. Wann die „Werkshops“ im Düsseldorfer Laden, Börchemstr. 20a, wieder starten, wird im Internet auf www.derwerkladen.de bekannt gegeben.

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