Wissenschaft

Schokolade und VR-Brillen sollen helfen weniger zu rauchen

In der virtuellen Welt sortieren die Probandinnen Bilder von Süßigkeiten und Obst. Dann wird der Effekt gemessen.

In der virtuellen Welt sortieren die Probandinnen Bilder von Süßigkeiten und Obst. Dann wird der Effekt gemessen.

Foto: Ralf Rottmann

Siegen.   Eine besondere Studie zur Suchtentwöhnung läuft gerade an der Uni Siegen: Probanten tragen Virtual Reality-Brillen und essen danach Schokolade.

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Christina Franken-Kipping und Miriam Stinner mögen Schokolade. Und sie sind neugierig auf Virtuelle Realitäten (VR). Deshalb beteiligen sie sich an einem Experiment, das zur Zeit an der Uni Siegen läuft. Dabei geht es prinzipiell um neue Therapiebausteine, die Rauchern dabei helfen sollen aufzuhören. Aber heute noch nicht. Heute geht es um Schokolade. Die ist den Probandinnen als Belohnung für ihre Mitarbeit versprochen: So viel sie wollen. Hinterher.

Erst müssen Fragebogen ausgefüllt werden. Und Aufgaben am Computer erledigt: Bilder sortieren. Nach links gekippte ranholen, nach rechts gekippte wegschieben. Auf den Bildern sind Kekse und Eis zu sehen, Kiwis und Heidelbeeren, Donuts und Kuchen, Melonen, Bananen und Himbeeren. Mit der Aufgabe haben die Bildinhalte nichts zu tun. Das ändert sich in der virtuellen Umgebung. Da gibt es, ohne dass die beiden jungen Frauen es wissen, ein klares System: Christina schiebt immer die Süßigkeiten weg, Miriam immer das Obst. Die Hypothese: Christina wird später weniger Schokolade essen als Miriam.

Test mit Schokolade soll bei Suchtentwöhnung helfen

Frederike Oschinsky, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungskolleg der Universität, koordiniert die Vorstudie. Ursprünglich sollte es Pudding zur Belohnung geben, erzählt sie, aber den mochten nicht alle. Mit Eis gab es Kühlprobleme im Hitzesommer. Also Schokolade, weiß, Vollmilch und laktosefrei. 100 Gramm auf einem Tellerchen. Wer mehr wollte, bekäme mehr. Die meisten beschränken sich aber auf 20 oder 30 Gramm. Dann wird der Rest gewogen. Und: Unterschiede je nach Aufgabe mit der VR-Brille vorm Gesicht? „Es sind leichte Effekte zu verzeichnen“, sagt Oschinsky.

Mehr als leichte Effekte erwartet auch Tim Klucken, Professor für Klinische Psychologie, nicht, wenn es um die eigentliche Zielgruppe der Raucher geht: „Wir nehmen nicht an, dass eine VR-Übung genügt, um aufzuhören. Es geht um eine Unterstützung eines Antirauchertrainings.“

Landesregierung unterstützt mit 500.000 Euro

Die Idee basiert darauf, dass wir zwei Systeme der Informationsverarbeitung nutzen: ein bewusstes, kognitives und ein impulsives, spontanes, gefühlsbetontes. „Bisherige Verfahren setzen stark auf das reflexive System“, erklärt Klucken, „also etwa auf Aufklärung über Gesundheitsschäden, Pro- und Kontra-Listen“. In dem dreijährigen Forschungsprojekt, das von der Landesregierung mit 500.000 Euro unterstützt wird, geht es nun um das impulsive System.

Klucken, der auch als Therapeut arbeitet, betont: „Vermutlich sind für eine Therapie beide Systeme wichtig.“ Bisherige Konzepte, Zigaretten teurer zu machen und den Zugang zu erschweren, hätten zwar einige Erfolge gebracht, aber Tabakkonsum sei noch immer eine der wichtigsten vermeidbaren Todesursachen in der westlichen Welt. Und: „Suchttherapie ist schwierig. Rückfälle sind eher die Regel.“

Nun gibt es Hinweise darauf, dass mit emotionalen Bildern das impulsive System aktiviert wird. Das Wegschieben hinterlässt Spuren. Vermeidungen fallen leichter. Das haben Studien am Computer gezeigt. Die These der Siegener Forscher ist nun: Mit VR sind die Effekte größer, weil die emotionale Beteiligung stärker ausfällt. Die Schoko-Vorstudie soll nun herausfinden, ob es überhaupt gelingt, das emotionale System anzusprechen, und eine technische Umgebung entwickeln. „Die Gestaltung muss die Probanden dabei halten, es darf nicht langweilig werden“, sagt Klucken. Eventuell werden zusätzliche Spiel-Elemente eingebaut.

„Gamification soll Rückfälle reduzieren“

„Gamification“ heißt das Stichwort. Dazu soll es eine Smartphone-App geben. Und überhaupt soll erst einmal ermittelt werden, in welchen Situationen Menschen rauchen und wieviel. Das kann eine Smartwatch an den typischen Handbewegungen erkennen.

Und das Ziel? „Wenn alles perfekt läuft, zeigen wir: VR kann die Zahl der Rückfälle reduzieren“, sagt der Psychologe. Heilsversprechen will er allerdings nicht machen. Und wichtig ist es ihm auch zu betonen: „Wir gehen nicht davon aus, dass Schokolade essen eine Sucht ist.“ Aber das hatten Christina Franken-Kipping und Miriam Stinner auch gar nicht vermutet.

>>> Es werden noch Teilnehmer gesucht

Für die Hauptstudien, die im Oktober starten sollen, suchen die Forscher Freiwillige, die seit mindestens sechs Monaten mindestens sechs Zigaretten pro Tag rauchen, zwischen 18 und 65 Jahre alt sind und aufhören möchten. Wer teilnehmen will, kann sich per E-Mail melden unter rauchfrei@uni-siegen.de

An dem Projekt im Forschungsschwerpunkt Digitale Medizin sind außer dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie das Center for Responsible Innovation & Design, der Lehrstuhl für Medizinische Informatik, Prof. Carl Friedrich Gethmann vom Deutschen Ethikrat und das Kreisklinikum Siegen beteiligt.

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