Sexualität

So verändert sich das Sexleben in der Corona-Krise

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

Der Ausbruch des neuen Coronavirus sowie die damit einhergehende häusliche Isolation machen vielen Menschen Angst. Sehen Sie im Video, wie Sie Ihre Psyche in dieser Zeit stärken.

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Berlin.  Wissenschaftler untersuchen, wie die Corona-Krise die Sexualität verändert. Welche Chancen Studienleiter Peer Briken für Paare sieht.

Die Corona-Krise wirkt tief in alle Lebensbereiche hinein, auch in die intimsten. Wie Ausgangsbeschränkungen die Sexualität in Partnerschaften verändern, wollen nun Forscher sexualwissenschaftlicher Institute aus sieben europäischen Ländern in einer Studie untersuchen.

Professor Peer Briken leitet das Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und ist einer der Studienleiter. Ein Gespräch über ungleich verteiltes Verlangen, die Chancen der Krise und Parallelen zu den 80er-Jahren, als die Menschen sich vor HIV fürchteten.

Herr Briken, aktuell startet eine Studie zur partnerschaftlichen Sexualität in der Corona-Zeit. Haben Sie eine Vermutung: Wie wird diese Zeit die Sexualität verändern?

Peer Briken: Wir haben gerade eine Situation, in der sich Paare in einer neuen Art und Weise mit verschiedenen Aspekten ihrer Partnerschaft auseinandersetzen müssen. Man darf sicherlich nicht unterschätzen, was es bedeutet, wenn die Kinder immer zu Hause sind. Das kann eine echte Herausforderung für sexuelle Begegnungen sein, weil sich Paare nicht einfach zurückziehen können. Besonders wenn die Wohnverhältnisse beengt sind.

Die ständige Präsenz der Arbeit zu Hause durch das Homeoffice ist da sicherlich auch nicht so förderlich.

Briken: Die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gelingt Paaren derzeit wahrscheinlich noch schlechter, als sie ohnehin heutzutage gelingt. Auch die Möglichkeiten, eine Situation herzustellen, in der Ruhe und Abgeschiedenheit herrschen und in der sich Paare auf Intimität und Sexualität einlassen können, sind im Moment wahrscheinlich eher rar

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Aber es kann doch auch eine Chance sein, wenn Menschen viel mehr Zeit als sonst miteinander verbringen.

Briken: Das denke ich auch. Bestimmte Formen der Ablenkung sind nicht da. Und manche Menschen können sich anders aufeinander einlassen, mehr miteinander sprechen. Es kann also eine Intimität entstehen, die sonst weniger da wäre, weil man zum Fußball gegangen wäre, den nächsten Urlaub organisiert oder sich auf andere Weise abgelenkt hätte.

Die Krise könnte also eine Zeit sein, in der Paare ihre Sprachlosigkeit überwinden?

Briken: Ich sehe da tatsächlich Chancen. Und ich höre auch von Menschen, dass sich etwas verändert hat. Gerade wenn man sich ein Thema wie die Inkongruenz – also die Unterschiedlichkeit sexueller Bedürfnisse in Beziehungen – ansieht.

Was meinen Sie damit?

Briken: Also die pandemiefreie Variante könnte sein: Einer der Partner befriedigt sich zu Pornos selbst oder geht regelmäßig zu Sexarbeiterinnen. Die Pandemie-Situation könnte sein: Ich muss vielleicht doch einmal über die unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse und das unterschiedliche Verlangen in unserer Partnerschaft sprechen. Gemeinsam können Paare überlegen, wie sie den unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen gerecht werden, ohne dass sich dabei ein Partner verbiegen muss. Lesen Sie hier: Sexsucht- Wie viel Sex ist krankhaft und wie viel gesund?

Was ist das Ziel Ihrer Studie?

Briken: Dieses Thema der Inkongruenz – also die Nichtübereinstimmung der sexuellen Lust oder des Verlangens in Partnerschaften – hat in der Forschung der vergangenen Jahre eine wichtige Rolle gespielt. Wir haben uns jetzt gefragt, wenn Partner in einer längeren Beziehung durch die Pandemie noch enger beieinander sind: Welchen Einfluss hat diese neue Situation auf das Erleben von unterschiedlichem Verlangen? Und wie könnte man da künftig behilflich sein?

Was könnte das für eine Hilfe sein?

Briken: Es könnten ganz konkrete Ratschläge sein, die wir mit sehr einfachem online-basiertem Material in verschiedenen Ländern Europas zur Verfügung stellen.

Was für Ratschläge?

Briken: Aus meiner Sicht beginnen Ratschläge damit, dass man informiert ist, was es überhaupt gibt. Es kann schon eine Entlastung für Menschen sein, dass sie überhaupt wissen: Das ist ein ganz normales Thema, dass nicht immer beide Partner gleich viel Lust oder Lust auf das Gleiche haben. Neben der Information könnte dann, so einfach es klingt, ein Aufruf sein: Sprecht miteinander! Auch interessant: Wenn im Bett nur noch das Smartphone gedrückt wird

Das ist aber deutlich leichter gesagt als getan. Besonders wenn lange Zeit nicht gesprochen wurde.

Briken: Deswegen könnten wir auch eine Idee dazu liefern, wie so ein Gespräch ablaufen könnte. Wir könnten das beispielhaft illustrieren und Vorschläge machen, was ein Anlass sein könnte für ein Gespräch über Unterschiede im Verlangen oder Interesse. Außerdem können wir die Möglichkeiten für professionelle Hilfe aufzeigen – gerade auch dann, wenn etwas auftaucht, wonach wir eigentlich ganz bewusst nicht fragen: stärkere Spannungen in der Beziehung bis hin zu häuslicher oder sexueller Gewalt.

Warum lassen sie diesen Punkt bei der Studie heraus?

Briken: Das würde den Rahmen der Studie überfrachten. Natürlich kann man sich vorstellen, dass sich in der Pandemie Konflikte in angespannten partnerschaftlichen Verhältnissen verstärken. Aber wir sollten das auch nicht leichtfertig herbeireden. Es wurde schon herbeigeredet, als wir noch keine empirische Grundlage dafür hatten. Und auch die Situation in Wuhan ist kein Garant dafür, dass das bei uns genauso ist. Auch interessant

Gab es aus sexualwissenschaftlicher Sicht in der Geschichte eine ähnliche Situation wie die aktuelle Corona-Krise?

Briken: Das ist nicht direkt vergleichbar, aber ich denke da an die 1980er- und 1990er-Jahre, als die Auseinandersetzung mit Aids begann. Das hatte einen unheimlich großen Einfluss auf die sexuellen Verhältnisse und den Umgang miteinander. Darauf, wie Menschen Sex miteinander haben und was es für Vermutungen gibt, wie man sich anstecken könnte. Diese Vermutungen waren zum Teil sehr irrational. Die Menschen fragten sich, ob sie aus demselben Glas wie ein HIV-Positiver trinken können. Oder ob man sich noch küssen darf. Das hat schon eine gewisse Ähnlichkeit zu der Situation jetzt. Auch wenn die Übertragungswege andere sind. Besonders gravierend ist der Einfluss auf ohnehin diskriminierte Gruppen wie Sexarbeiterinnen oder Homosexuelle gewesen. Bei den Sexarbeiterinnen erleben wir das jetzt ähnlich.

Diese Fragen der Ansteckung betreffen ja in der Corona-Krise vor allem Singles. Wie beeinflusst die Situation deren Sexualleben?

Briken: Untersuchungen dazu kenne ich noch nicht. Aber ich würde vermuten, dass manche von ihnen deutlich stärker unter der Situation leiden. Ich denke da besonders an ältere Menschen, die stärker darauf angewiesen sind, sich zu schützen. Diese Menschen haben, wie wir wissen, natürlich auch Wünsche nach körperlicher Berührung und Sexualität, sind aber gleichzeitig in ihrer digitalen Mediennutzung weniger affin als Jüngere.

Jüngere Menschen können den direkten sexuellen Kontakt durch die Nutzung digitaler Medien ersetzen?

Briken: Wie genau sich die Nutzung von Sexchats, Pornografie und so weiter in der Krise verändert, wollen wir in einer weiteren Studie herausfinden. Aber schon jetzt kann man sagen, dass die digitalen Möglichkeiten aktuell sicherlich mehr genutzt werden als bisher. Sie bieten aus gesundheitlicher Sicht eine sichere Möglichkeit sexueller Interaktion. Aber es gibt auch Risiken, zum Beispiel was den Datenschutz anbelangt. Stellen Sie sich vor, Sie sind sexuell aktiv mit einer anderen Person und diese andere Person filmt vielleicht das, was Sie zeigen, mit einer zusätzlichen Kamera und stellt es nachher ins Netz. Solche Risiken sollte man nicht unterschätzen. Lesen Sie mehr: Dating trotz Krise? Selbstversuch mit Tinder, Bumble und Co.

Wer an der anonymen Online-Studie „Sexualität in Partnerschaften während der Pandemie Covid-19“ teilnehmen möchte, kann das unter folgendem Link tun: https://ogy.de/studie-uke. Die Befragung dauert laut UKE maximal zehn Minuten. Teilnehmen können Menschen ab 18 Jahren, die in einer festen Partnerschaft leben und mit dem Partner oder der Partnerin zusammenleben.

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